Groundhopper besucht 130 Spiele im Jahr: Das sind beliebte Spots in NRW

Groundhopper besucht 130 Spiele im Jahr: Unser täglich Fußballspiel gib uns heute

Malte Dürr ist Groundhopper und besucht so über 130 Fußballspiele im Jahr. Sein Hobby teilt der promovierte Theologe mit vielen Fußballfans. Eine der aktuell gefragtesten Anlagen steht in Mönchengladbach-Rheydt.

Eines der schönsten Fußballstadien Deutschlands steht in Mönchengladbach, im Stadtteil Rheydt. „Ein reines Stadion ohne Laufbahn mit alten Tribünen und unglaublichem Charme, man fühlt sich wie im 19. Jahrhundert“, sagt Malte Dürr. Der Borussia-Park, die Heimat des gleichnamigen Gladbacher Bundesligisten, ist zwar ebenfalls solch ein reines Stadion, doch eine Rückkehr in alte Zeiten erleben die Besucher in der modernen Betonschüssel wenn überhaupt auf dem Platz. Groundhopper wie den 32-jährigen Dürr zieht es deshalb ins benachbarte Jahnstadion, im Volksmund nur RSV-Stadion genannt, rund fünf Kilometer stadteinwärts.

Groundhopper, oder einfach nur „Hopper“, wie sie sich selbst nennen, sind getriebene Fußballliebhaber. Auf der nie endenden Suche nach neuen Sportplätzen, Stadien oder Arenen. Von der Kreisliga bis zur Champions League besuchen sie Spiele, „kreuzen den Ground“, was in der Fachsprache so viel bedeutet wie: sich ein Fußballspiel in einem bis dato nicht besuchtem Stadion anschauen, um so die eigene Sammlung zu erweitern. Mönchengladbach-Rheydt ist dabei aktuell eine Art Mekka für Groundhopper.

Fußball in Albanien: Dieses Bild entstand bei einem Spiel des KF Laçi. Foto: Malte Dürr

„Kultig“ nennt Dürr die Anlage, die 1922 erbaut wurde und damals rund 40.000 Zuschauern Platz bot. 1978 trug die Borussia hier ein Derby gegen Fortuna Düsseldorf aus, heute wird der Platz von Bezirksligist Rheydter SV genutzt, die Stadt will die sanierungsbedürftige Spielstätte jedoch bald renovieren und zum Teil des hochmodernen Campusparks machen. „Durch Modernisierungen geht immer ein Stück Kult verloren, deshalb ist der Platz aktuell unter Hoppern sehr beliebt. Wer ihn noch nicht hat, der will jetzt hin. Wer weiß, wie lange es ihn in diesem Zustand noch gibt“, sagt Dürr.

Seit 2013 ist der Westfale auf den Fußballplätzen der Republik (und darüber hinaus) unterwegs. In den vergangenen zwölf Monaten hat er 133 Spiele gesehen – fein säuberlich notiert in einer Tabelle, mit Datum, Ort und Spielbegegnung. 133 Spiele in 365 Tagen – das sind ungefähr alle zweieinhalb Tage ein Spiel. Eine Sommerpause gibt es für Dürr nicht, irgendwo wird immer gespielt. Erst in der vergangenen Woche war er in Mönchengladbach-Mennrath, erste Runde im Niederrhein-Pokal, der heimische Bezirksligist verlor knapp mit 0:1 gegen Regionalligist Rot-Weiss Essen. „Ich mache schon weniger, die Familie geht vor“, beteuert Dürr und schiebt fast entschuldigend hinterher: „Es gibt Leute, die sind noch viel krasser. Ich habe von Leuten gelesen, die 400 Spiele im Jahr fahren. So viel Zeit habe ich dann doch nicht.“

Zeit ist das kostbarste, was Hopper haben. Je mehr Zeit, desto mehr „gekreuzte Grounds“. Als besucht gilt ein Stadion den ungeschriebenen Regeln nach, wenn ein offiziell angesetztes Spiel stattfindet und der Besucher mindestens eine Halbzeit sieht. So lassen sich zahlreiche Spiele an einem Tag kombinieren.

Groundhopper Malte Dürr (32). Foto: Malte Dürr

Wieso macht man das? „Für mich ist das die pure Erholung. Ich steige nach der Arbeit in den Zug oder ins Auto und fahre irgendwohin, um Fußball zu schauen. Ich verbringe Wochenenden in Ländern oder Regionen, in die ich sonst nie kommen würde“, sagt Dürr. Stadien in Albanien, Mazedonien, Rumänien, Lettland oder Nordirland hat er für seine Leidenschaft schon besucht. Genauso wie der FC Eddersheim (Hessen), die TG Höchberg (Bayern) oder die DJK Arminia Oberhausen-Lirich.

Zur Orientierung gibt eine spezielle App, die Spiele im ausgewählten Umkreis anzeigt – und den Spielplan von Dürrs Herzensverein Borussia Dortmund. „Wenn der BVB sonntags in Nürnberg spielt, dann fahre ich schon freitags nach der Schule runter und schaue mir übers Wochenende einige Spiele an.“

Neben Zeit kostet dieses Hobby vor allem auch Geld. „Wobei es auch Leute gibt, die nur per Mitfahrbörse unterwegs sind oder trampen und es dann noch irgendwie umsonst ins Stadion schaffen. Die schaffen dann auch mal zehn Spiele mit 20 Euro“, erzählt Dürr. Für ihn selbst kombiniert „Hoppen“ Freizeit mit sportlichem Interesse, denn: „Ich gucke einfach unglaublich gerne Fußball.“ Egal in welcher Liga, er habe „eigentlich keine Kriterien“ für seine Spielauswahl. Nur um die untersten Kreisligen macht er einen Bogen, der Fußball sei dort zu schlecht. „Ich fange ab der Bezirksliga an. Dort wird stellenweise schon richtig guter Sport geboten. Durch die Nachwuchsleistungszentren der Profiklubs gibt es immer mehr gut ausgebildete Talente, aber die wenigsten schaffen den Sprung zum Profi. Und die spielen dann irgendwann unterklassig. Das macht sich bemerkbar.“

Bekennender „Hopper“: Juso-Chef Kevin Kühnert. Foto: dpa/Jörg Carstensen

Seine Leidenschaft teilt der promovierte Theologe, der als Lehrer an einem Gymnasium im Sauerland arbeitet, mit zahlreichen Fußballfans auf der ganzen Welt. Vor allem in Großbritannien ist „Hoppen“ weit verbreitet. In Deutschland gibt es Anhänger aus nahezu allen Klubs.

Prominentester „Hopper“ ist aktuell wohl Kevin Kühnert, der amtierende Bundesvorsitzende der SPD-Jugendorganisation Jusos. Wenn er nicht gerade die Große Koalition verhindern oder seine Partei erneuern will, ist Kühnert auf Sportplätzen unterwegs. „Wahlkampftouren verbinde ich mit Groundhopping. In NRW war ich zum Beispiel bei Bochum gegen St. Pauli und am nächsten Tag bei Bielefeld gegen Regensburg“, erzählte Kühnert jüngst.

Ob der Juso-Chef schon mal im RSV-Stadion war, ist nicht überliefert. Selbst fragen konnten wir ihn leider auch nicht. Kühnert macht gerade Urlaub – inklusive Grundhopping. Am Wochenende „kreuzte“ er mit dem Viertliga-Heimspiel des SSV Ulm gegen Offenbach das Donaustadion.

(cbo)
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