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Gerd Müller: Deutschlands erfolgreichster Torjäger wird 75 Jahre alt

Gerd Müller wird 75 : Für ewig Bomber der Nation

Am 3. November wird der mit Abstand erfolgreichste deutsche Torjäger 75 Jahre alt. Es gehört zur Tragik seines Lebens, dass niemand weiß, wie viel Gerd Müller von seinem Geburtstag mitbekommt. Er ist an Alzheimer erkrankt und lebt in einem Pflegeheim. Eine Würdigung.

Wenn Fußballfans an dunklen Herbstabenden mal nicht die x-te Liveübertragung eines Geisterspiels beim Privatsender über sich ergehen lassen, dann denken sie sich Ranglisten der besten Spieler aller Zeiten aus. Und weil für sie der Fußball eben Fußball ist, ignorieren sie kühn die athletische und wissenschaftliche Entwicklung ihres Lieblingssports, sie nehmen verwackelte Schwarz-Weiß-Bilder der Gründerzeit ebenso zum Zeugnis ihrer Hitliste wie den Hochglanz-Zirkus des modernen Unterhaltungsgeschäfts.

In ihren Ranglisten steht mal Alfredo di Stefano aus den goldenen Real-Madrid-Zeiten der 1950er und 1960er Jahre ganz oben, mal Pelé, der mit Brasilien dreimal Weltmeister wurde, mal Diego Maradona, das argentinische Genie, mal Franz Beckenbauer, der deutsche Erfinder des Liberospiels, mal Lionel Messi, der Zauberzwerg des FC Barcelona, mal Johan Cruyff, ohne den der Fußball in Holland und Spanien nicht denkbar ist, mal Cristiano Ronaldo, der offenbar unsterbliche portugiesische Torjäger. Gerd Müller nie. Dabei hat er die Welt um eine Torquote bereichert, an der sich seine Nachfolger noch immer vergeblich abarbeiten. In 62 Länderspielen schoss er 67 Tore, in 427 Bundesligaspielen 365, in 77 Europapokalspielen 69. In der Bundesligasaison 1971/72 traf er 40-mal. Unerreicht. Die martialische Sprache der zeitgenössischen Sportberichterstatter fand den Begriff „Bomber der Nation“. Am 3. November wird er 75 Jahre alt.

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Es gehört zur Tragik seines Lebens, dass niemand weiß, wie viel Gerd Müller von seinem Geburtstag mitbekommt. Er leidet an Alzheimer, und er wird seit 2015 in einer Klinik in der Nähe von München betreut. Es gehe ihm dort gut, sagte seine Frau Uschi vor einem Jahr der „Bildzeitung“, „er fühlt sich wohl und zu Hause“. Aber aus dem öffentlichen Leben ist er natürlich verschwunden.

Es war schon lange still um ihn geworden, noch bevor sich der dunkle Vorhang der Demenz über sein Leben legte. Er arbeitete seit den frühen 1990er Jahren als Offensivcoach in der dritten Reihe bei seinem alten Verein Bayern München. Eine Rolle, mit der sich der schüchterne Mann aus dem bayerisch-schwäbischen Nördlingen bestens anfreunden konnte. Manchmal bespaßte er bei Heimspielen im alten Olympiastadion die besonders wichtigen Gäste in den langsam entstehenden Vip-Räumen und plauderte von früher.

Die geborene Plaudertasche war der freundliche Herr mit dem grauen Vollbart dennoch nie. Bezeichnend ist seine Auskunft auf die immer wiederkehrende Frage nach dem Geheimnis seiner Torgefährlichkeit. „Des kannst“, stellte Müller fest, „oder des kannst nicht.“

Er konnte es. Müller schoss seine Tore im Liegen, im Sitzen, im Rutschen, mit dem rechten Bein, dem linken Bein, dem Knie, dem Bauch, dem Kopf, dem Po. Er sparte kein Körperteil aus, der ästhetische Wert eines Treffers war ihm gleich. Rein musste der Ball, das war der Inhalt seines Spiels, das er im Strafraum betrieb als Ende der Verwertungskette, die bei den Bayern und in der Nationalmannschaft bei Torwart Sepp Maier begann und von Beckenbauer und den Mittelfeldkollegen fortgesetzt wurde.

Ein Renner war Müller nie, seine längsten Sprints zog er im Torjubel an, und seine läuferischen Werte würden die heutigen Statistik-Freaks in stille Verzweiflung stürzen. Aber er verfügte über die große Fähigkeit, immer dort zur Stelle zu sein, wo es bald gefährlich sein würde. Seine große Klasse offenbarte sich in ganz kurzen Reaktionszeiten, einer hohen Wendigkeit in engen Räumen und einem fantastischen Wissen darum, wo das Tor steht.

Weil seine Treffer selten ungeheuer spektakulär waren, haben ihm böse Menschen ein nicht so ausgeprägtes Verhältnis zum Ball bescheinigt. Die sollten sich noch mal zwei Tore aus dem Finale im Landesmeister-Pokal (dem Vorgänger der Champions League) von 1974 anschauen. Beim ersten, dem Treffer zum 2:0 gegen Atlético Madrid, nahm Müller den Ball volley nahe der Grundlinie und beförderte ihn krachend ins Netz - so ähnlich wie Marco van Basten 14 Jahre später im EM-Finale der Niederlande gegen Russland. Beim zweiten, dem 3:0, lupfte er den Ball ansatzlos und mit viel Gefühl von der Strafraumgrenze ins Tor - so wie es eigentlich nur sein Mitspieler Beckenbauer konnte.

Das waren wichtige Tore, das wichtigste erzielte Müller allerdings für die Nationalmannschaft - das zum 2:1-Endstand im Finale der Weltmeisterschaft 1974 gegen Holland in München, Die Treffer in diesem Sommer nähren bis heute die Überzeugung seines ehemaligen Mitspielers Uli Hoeneß, Müller sei „der wichtigste Spieler der deutschen Nationalmannschaft und des FC Bayern“ gewesen. Beckenbauer urteilte zu den besten gemeinsamen Zeiten: „Ohne ihn würden wir uns heute noch in einer Holzhütte an der Säbener Straße umziehen.“

So richtig vergoldet hat ihm der FC Bayern der 1970er Jahre diese Verdienste nicht. Anders als Beckenbauer ließ Müller seine Interessen nicht von einem geschäftstüchtigen Manager wie Robert Schwan vertreten, und er verdiente nie so viel, wie er wert war.

Als der Bayern-Stern vorübergehend in den Sinkflug überging, weil die großen Spieler in die Jahre gekommen waren, floh Müller in die USA zu Fort Lauderdale. Der Münchner Trainer Pal Csernai hatte es gewagt, Müller auszuwechseln. Und das traf den empfindsamen Kerl so tief, dass er sich mit dem Klub 1979 auf eine fristlose Kündigung einigte.

Sein Glück fand er in den Staaten trotz eines Millionengehaltes allerdings nicht. Ohne Englischkenntnisse war er über den großen Teich gegangen, er fremdelte mit der Operettenliga, und anders als Beckenbauer, der bei Cosmos New York zum Weltmann wurde, lebte Müller scheu und zurückgezogen. Auf den weiten Flugreisen bekämpfte er seine ausgeprägte Flugangst nach einem verhängnisvollen Ratschlag alter Münchner Kollegen mit harten Drinks. Und gegen Einsamkeit und Ehestress setzte er ebenfalls auf den Alkohol.

Als Müller 1984 nach München zurückkehrte, hatte ihn der Alkohol endgültig im Griff. „Ich habe mir alles kaputtgemacht“, klagte er später. Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer hatten den alten Freund jedoch nicht vergessen. Sie bewegten ihn zum Entzug, und sie brachten ihn im Trainerstab unter. „Es war mein größter Sieg“, erklärte Müller.

Bevor es dunkel um ihn wurde, erlebte er wahrscheinlich seine glücklichsten Zeiten - ohne Druck, ohne öffentliche Aufmerksamkeit, ohne Flugreisen. An den großen Geburtstagen erinnerten sich die Zeitzeugen an eine märchenhafte Karriere, die Müller mit 17 Jahren in der ersten Mannschaft des TSV Nördlingen begann. In 28 Spielen schoss der Teenager 47 Tore und leistete damit einen wesentlichen Beitrag zum Aufstieg in die Landesliga. Das sprach sich bis zu den großen Münchner Klubs herum. Der seinerzeit deutlich größere, der TSV 1860 München, stand kurz vor der Verpflichtung. Aber der FC Bayern war schneller. Ziemlich genau eine Stunde vor dem Unterhändler von 1860 besuchte Bayerns Geschäftsführer Walter Fembeck die Müllers in Nördlingen, und Müller unterschrieb seinen ersten Vertrag. So will es die Legende. Die Ablösesumme betrug 4400 Mark.

Sein neuer Trainer Zlatko „Tschik“ Cajkovski war über die Verpflichtung des gedrungenen Stürmers mit den kurzen Beinen und dem kräftigen Oberkörper nicht begeistert. „Was soll ich mit einem Gewichtheber?“, fragte er. Vereinspräsident Wilhelm Neudecker erklärte es dem Fußballlehrer. Auf Druck des Präsidenten kam Müller in die Mannschaft. Er dankte dafür mit Toren und schoss die Bayern in die Bundesliga. Cajkovski war längst besänftigt. Den „Gewichtheber“ nannte er fortan beinahe zärtlich „kleines, dickes Müller“.

Es war der Auftakt für goldene Jahre des FC Bayern und der Nationalmannschaft. Müller gewann alles, was in diesem Sport zu gewinnen ist, er wurde Welt- und Europameister, deutscher Meister, Pokalsieger, Sieger im Europapokal der Pokalsieger, dreimal hintereinander Sieger im Landesmeister-Wettbewerb. Und er blieb dabei ein freundlicher, zugänglicher, stiller Mann. Auch deshalb verriet niemand aus der sonst so gesprächigen Münchner Medienszene, was um das Jahr 2015 so viele bereits wussten. Erst mit einer offiziellen Erklärung des FC Bayern wurde Müllers Erkrankung öffentlich. Es war die späte Verbeugung vor einem großen Spieler und einem einfachen Mann ohne Allüren.