Interview mit Martina Voss-Tecklenburg: Fußball — nichts für Prinzessinnen

Interview mit Martina Voss-Tecklenburg : Fußball — nichts für Prinzessinnen

Berlin (RP). Martina Voss-Tecklenburg war eine der besten Fußballerinnen Deutschlands. Sie spricht über den Frauenfußball und wie eine gleichgeschlechtliche Beziehung ihre Karriere im Nationalteam beendete.

Frau Voss-Tecklenburg, warum sollten Eltern nach dieser Frauen-WM ihre Tochter unbedingt im Fußballverein anmelden?

Voss-Tecklenburg Weil es eine Sportart ist, die begeistert — egal, welches Geschlecht man hat. Wenn man seine Tochter allerdings lieber als Prinzessin beschützen möchte, dann sollte man sich lieber nach Alternativen umschauen. Es ist halt ein Kontaktsport, kleinere Schrammen und Beulen inklusive. Ich kann Eltern verstehen, die sagen, sie gehen mit ihrer Tochter lieber zum Schwimmen.

Sie selbst durften als Jugendliche nicht im Verein spielen. Ihre Mutter hatte es verboten. Haben Sie heute Verständnis für ihre Entscheidung?

Voss-Tecklenburg So waren damals die Zeiten. Meine Mama war da recht festgefahren. Mädchen spielen kein Fußball. Punkt. Ich habe mich aber natürlich nicht dran gehalten. Statt im Verein habe ich einfach auf der Straße gespielt. Erst mit 15 habe ich heimlich ein Probetraining gemacht. Meine Mutter fand das am Anfang gar nicht lustig, sie hat sich dann aber überraschend schnell damit arrangiert.

Mit 16 Jahren haben Sie Ihr erstes Länderspiel gemacht.

Voss-Tecklenburg Das ging damals tatsächlich alles ziemlich schnell. Gero Bisanz, der damalige Bundestrainer, ist auf mich aufmerksam geworden und hat mich gleich in die Nationalmannschaft geholt. Das war unglaublich. Ich konnte mein Glück selbst kaum fassen.

Wäre ein solch schneller Aufstieg heute noch denkbar?

Voss-Tecklenburg Schwierig. Mittlerweile beginnt die Ausbildung einer Spielerin viel früher und ist viel intensiver. Ein gutes Zeichen.

Sie haben mit der DFB-Auswahl 1989 zum ersten Mal bei der Europameisterschaft triumphiert. Was hat sich dadurch für den Frauenfußball hierzulande geändert?

Voss-Tecklenburg Eigentlich alles. Wir waren plötzlich wer. Uns hat erstmals eine breitere Öffentlichkeit wahrgenommen. Wir haben an einen richtigen Boom geglaubt, manche hatten sogar die Hoffnung, wir würden so viele Zuschauer wie die Männer bekommen. Das war Quatsch. Zu unseren Spielen in der Bundesliga kamen wieder nur ein paar Leute. Aber es war der Anfang.

Ihre Karriere in der Nationalmannschaft endete im Jahr 2000 nach einem Streit mit Ihrer damaligen Lebensgefährtin Inka Grings jäh. War es ein Fehler, sich so offen zu Ihrer gleichgeschlechtlichen Beziehung bekannt zu haben?

Voss-Tecklenburg Als Spielerin hätte es mir sicherlich einigen Ärger erspart, wenn ich die Klappe gehalten hätte. Als Mensch gab es für mich keine Alternative zu meiner Entscheidung. Ich wollte das nicht in mich hineinfressen. Ich war damals Spielführerin, war in einer überragenden Form und wäre gerne zu den Olympischen Spielen gefahren. Tina Theune, die Bundestrainerin, sah es anders. Das war bitter. Wir haben damals alle Fehler gemacht.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Inka Grings heute?

Voss-Tecklenburg Wir hatten uns schon ein paar Wochen danach ausgesprochen. Inka wurde ja zwischenzeitlich nicht mehr für die Nationalmannschaft berufen. Ich habe lange mit Silvia Neid, der aktuellen Bundestrainerin, telefoniert und mich für eine Rückkehr eingesetzt.

Würden Sie einer aktuellen Nationalspielerin raten, sich zu outen?

Voss-Tecklenburg Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Viele machen es ja, einige reden nicht darüber. Davor sollte man Respekt haben. Bei den Männern ist das ja überhaupt kein Thema.

Der Frauenfußball wird oft auf das Thema reduziert.

Voss-Tecklenburg Das ist ätzend. Es sollte die sportliche Leistung im Vordergrund stehen. Nadine Angerer ist wohl die beste Torfrau der Welt. Wer weiß das schon? Die meisten haben abgespeichert, ach ja, die ist doch bisexuell.

Wo Sie gerade in Rage sind — Frauen werden im Fußball immer wieder mit den Männern verglichen, verbunden mit der Frage, ob Frauen in einem Männer-Team mithalten könnten?

Voss-Tecklenburg Das ist doch wirklich totaler Blödsinn und wird nur bei dieser Sportart gemacht. Haben Sie schon mal gehört, dass jemand vorgeschlagen hat, eine Sprinterin sollte gegen Usain Bolt antreten?

Sie könnten sich allerdings vorstellen, ein Männer-Team zu trainieren.

Voss-Tecklenburg Definitiv. Da geht es ja um fachliche Qualifikationen. Ich habe einen Trainerschein und Erfahrungen in dem Geschäft gesammelt. Ich würde mir so eine Aufgabe ganz bestimmt zutrauen.

Sie trainieren in der kommenden Saison Jena in der Bundesliga. Nicht gerade ein Top-Klub in der Bundesliga. Sehen Sie sich nicht eher in Frankfurt oder Potsdam?

Voss-Tecklenburg Beide Teams werden von sehr guten Trainern betreut. Da gibt es keinen Bedarf. Ich freue mich auf die Aufgabe in Jena. Wir wollen da einiges erreichen.

Wird es irgendwann die Nationaltrainerin Voss-Tecklenburg geben?

Voss-Tecklenburg Ich gehe davon aus.

Silvia Neid hat ihren Vertrag bis 2016 verlängert.

Voss-Tecklenburg Es gibt ja noch andere Länder.

(RP)
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