Frauen-WM wird zu Europa gegen die USA

Sieben europäische Teams im Viertelfinale der Frauen-WM : „Das zeigt die Entwicklung, die es in den vergangenen Jahren gegeben hat"

Sieben europäische Mannschaften im Viertelfinale der Frauenfußball-WM sind ein Rekord - und schlecht für Deutschland. Nun muss das DFB-Team ausgerechnet auf Angstgegner USA hoffen.

Martina Voss-Tecklenburg wirkte tatsächlich etwas nachdenklich, als sie den "Worst Case" live auf der Tribüne in Rennes miterlebte. Dass der Europameister aus den Niederlanden durch den glücklichen Sieg gegen Vize-Weltmeister Japan (2:1) für den Rekord von sieben europäischen Mannschaften im Viertelfinale der Frauenfußball-WM sorgte, ist ganz schlecht für das deutsche Team. Die Bundestrainerin hatte es allerdings kommen sehen - und befürchtet weiteres Ungemach.

"Mich überrascht es nicht, dass Europa so stark ist. Das zeigt einfach die Entwicklung, die es in den vergangenen Jahren gegeben hat", sagte Voss-Tecklenburg, die vor der ersten Partie in der Runde der besten Acht am Donnerstag zwischen Norwegen und England (21.00 Uhr/ZDF und DAZN) von einer ganz bestimmten Sorge geplagt wird: "Vielleicht reicht das Halbfinale ja gar nicht, weil es vier Europäer schaffen. Das wird spannend."

Was "MVT" mit "vielleicht reicht es nicht" meinte, ist die Qualifikation für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr. Nur die besten drei Europäer lösen ihr Ticket nach Tokio, wo insgesamt zwölf Nationalmannschaften am Start sein werden. Voss-Tecklenburg hatte die Japan-Reise im Vorfeld der Endrunde in Frankreich stets als Ziel für die verjüngte Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ausgegeben.

Silvia Neid sieht die "EM mit US-Beteiligung" differenziert. "Auf der einen Seite bin ich überrascht, dass die anderen alle schon raus sind", sagte die Ex-Bundestrainerin dem SID: "Auf der anderen Seite haben wir eben viele gute Mannschaften in Europa. Ich denke, das liegt vor allem an den Strukturen und den gut funktionierenden Ligen. Die sind das A und O. Aber vor allem Japan würde ich nicht abschreiben. Die werden in dem Jahr bis Olympia wieder richtig aufholen."

Vor dem Turnier gingen dennoch fast alle davon aus, dass den Deutschen ein Halbfinal-Einzug sicher dafür Olympia genügen wird. Schließlich standen bei den sieben Endrunden zuvor nie mehr als fünf europäische Mannschaften im Viertelfinale, im Halbfinale waren es nie mehr als drei. Insgeheim hofften die Beteiligten im Lager des zweimaligen Weltmeisters sogar darauf, dass das Viertelfinale reichen könnte.

Die Realität sieht allerdings ganz anders aus. Nun müssen die Deutschen ihre Hoffnungen ausgerechnet auf den Titelverteidiger, Topfavoriten und Angstgegner aus den USA setzen. Nur wenn die US-Girls um Spielführerin Megan Rapinoe am Freitag in Paris (21.00 Uhr/ZDF und DAZN) im Favoriten-Duell den Gastgeber rauswerfen, hätte der Rekord-Europameister bei einem Sieg am Samstag im Klassiker gegen Schweden (18.30 Uhr/ARD und DAZN) sein Minimalziel erreicht.

"Es wäre echt wichtig und schön, wenn wir uns für Olympia qualifizieren würden, weil es ein nächster Schritt für die junge Mannschaft wäre, diese Erfahrung auf Topniveau zu machen", betonte Voss-Tecklenburg: "Die Olympischen Spielen werden fußballerisch sehr wichtig sein für all das, was in den nächsten vier, fünf Jahren in Deutschland ansteht."

Neid sieht das ähnlich. "Olympia hat nach wie vor einen hohen Stellenwert", äußerte die 55-Jährige, die mittlerweile die Frauen-Scoutingabteilung des DFB leitet: "Es tut dem Frauenfußball in Deutschland immer gut, wenn er in den Blickpunkt rückt und im TV präsent ist."

Immerhin würde bei vier Europäern in der Vorschlussrunde das oft kritisierte "Spiel um die goldene Ananas" entfallen. Die Partie um den dritten Platz hätte ausnahmsweise Finalcharakter.

(rent/sef/sid)
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