Frauen-WM 2019: Der Frauenfußball braucht sich für nichts zu rechtfertigen

WM in Frankreich : Frauenfußball braucht keine Rechtfertigung

Immer wieder fühlen sich Menschen dazu bemüßigt, den Frauenfußball generell in Frage zu stellen. Das ist natürlich Unfug. Allerdings ist es ebenso nicht zielführend, gleiche Prämien bei unterschiedlichen Erträgen zu fordern.

Wim Thoelke nimmt sich 90 Sekunden Zeit, um seine Verachtung für den Frauenfußball zum Ausdruck zu bringen. Am 28. März 1970 berichtet das „Aktuelle Sportstudio“ im ZDF erstmals über die Sportart. „Und da sind dann auch endlich die Damen Fußballerinnen. Da hat Mutter eine wunderbare Flanke nach halblinks gegeben“, kommentiert Moderator Thoelke eine Spielszene. „Laufen, Erna. Aber die Erna ist nicht flink genug.“ Und als nach einer Landung eine Spielerin im Matsch liegt, tönt der Sportreporter: „Die brauchen sich doch gar nicht aufzuregen, die Zuschauer, die Frauen waschen doch ihre Trikots selber.“ Zum Abschluss hat er noch ein paar Ratschläge zur taktischen Ausrichtung: „Decken, decken! Nicht Tisch decken! Richtig, Mann decken! So ist’s recht!“

15 Jahre zuvor, am 30. Juli 1955, hat der DFB auf seinem Bundestag in Berlin den Frauenfußball offiziell verboten. Nach dem Sieg der Fußball-Nationalmannschaft 1954 trafen sich auch immer mehr Frauen in den Hinterhöfen und auf den Bolzplätzen der Republik. Dem DFB war diese Entwicklung ein Dorn im Auge. In der Begründung heißt es: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden, und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“ Als der DFB Anfang der 1970er schließlich einlenkt, ist das kein Zeichen des neu entdeckten Bewusstseins für Gleichberechtigung. Der Verband wollte lediglich verhindern, dass die Damen, wie es sich ankündigte, eine eigene Organisation gründeten. Also nahm man sie lieber auf und gängelte sie, so lang es ging.

50.000 Frauen zählte der DFB 1970 als Mitglieder. Heute sind es weit mehr als eine Million. Doch noch immer ist der Frauenfußball in einer absurden Rechtfertigungsrolle. Allzu oft ist noch die dümmliche Floskel zu hören „Werbung für den Frauenfußball“ oder „das war keine Werbung für den Frauenfußball“. Bei den Männern werden gute und schlechte Spiele nicht so eingeordnet. Sie sind eben einfach gut oder schlecht. Bei den Frauen schwingt dagegen immer im Unterton mit, dass sich die Sportart anstrengen muss für ihre Legitimation. So, als ob man nach ausreichend schlechten Spielen alle Sachen wieder einpacken müsste und dann die Sportart einfach wieder verboten wird. Das ist natürlich Unfug. Man quält sich ja auch bei einer Männer-EM durch langweilige Kicks, ohne das ganze System in Frage zu stellen. Allerdings – Frauenfußball muss auch Kritik aushalten. Und zu der gehört: In den vergangenen Jahren hat die Spielkultur stagniert. Weil die schlechteren Teams nun besser verteidigen, fällt es den besseren Mannschaften nicht mehr ganz so leicht, Tore zu schießen, was der Ansehnlichkeit mitunter schadet.

Deutschland zählte lange nicht zu den Vorreitern. Erst seit 1982 gibt es eine Nationalelf. Und erst seit 1989 hat Deutschland mit kurzer Unterbrechung den Kontinental-Wettbewerb dominiert. Für den DFB waren die Frauen lange eine „sichere Bank“. Mit ihnen schmückte man sich gerne. Weil sie so erfolgreich waren in den vergangenen Jahrzehnten, und weil es so mancher Funktionär nach wie vor als schick empfindet, sich in der Rolle des Förderers zu präsentieren. Doch die Damenabteilung braucht keine klugen Ratschläge im altväterlichen Gewand, sondern eine klare Strategie.

Die Verpflichtung von Martina Voss-Tecklenburg als neue Bundestrainerin war eine deutliche Kurskorrektur. Zuvor hatte der Verband geglaubt, mit der absolut unerfahrenen Steffi Jones sich irgendwie durchwurschteln zu können. Doch Frauenfußball hat sich verändert. Die Leistungsdichte ist viel größer geworden. In einigen Ländern haben die Frauen die Männer sportlich und wirtschaftlich überflügelt.

In vielen Ländern wird seit langem um eine angemessene Bezahlung gestritten. Der norwegische Verband hat nach massiven Protesten eingelenkt und die Prämien von 316.000 auf 612.000 Euro fast verdoppelt. Doch auch diese Aufstockung hat nicht dafür gesorgt, dass Ada Hegerberg, die aktuell beste Spielerin der Welt, wieder bereit sein würde, für ihr Land aufzulaufen. Sie sei zu enttäuscht gewesen, wie ignorant man mit ihr umgegangen sei, als sie eine faire Bezahlung gefordert hatte. Auch in den USA wird heftig gestritten, auch dort ist Frauenfußball eine richtig große Nummer, und dennoch war der US-Verband bislang nicht bereit, mehr Geld auszuschütten. Gerichte sollen nun eine Lösung finden.

Drei deutschen Fans im Trikot bejubeln die Spielerinnen beim Spiel Deutschland gegen Spanien in Valenciennes mit einem Plakat. Foto: imago images / Beautiful Sports/BEAUTIFULSPORTS/Orangepictures;via www.imago-images.de

Und in Deutschland? Die Fußball-Spielerinnen bekommen für den WM-Titel 275.000 Euro weniger als die Männer. Der DFB findet das fair. „Aktuell ist es so, dass mit der Frauen-Nationalmannschaft bei weitem nicht die Erlöse erzielt werden können, die im Männerfußball realisiert werden“, sagt DFB-Interimspräsident Rainer Koch. „Man kann nur Gleiches gleich behandeln. Als gemeinnütziger Verband darf der DFB wirtschaftliche Geschäftsbetriebe mitunterhalten, diese Geschäftsbetriebe müssen selbst im Plus landen.“ Unterstützung bekommt er dabei auch von der Bundestrainerin. Voss-Tecklenburg sagt: „Wir generieren nicht die Gelder, also können wir sie auch nicht in der gleichen Höhe fordern. Ungerecht sind Gehälter dort, wo Männer und Frauen sich auf der gleichen Ebene bewegen und die Arbeitsbedingungen gleich sind.“ Für den EM-Titel 1989 hatte es vom DFB ein Kaffee-Service gegeben. Bei der WM in Frankreich erhalten die Spielerinnen im Falle eines WM-Sieges eine Prämie in Höhe von je 75.000 Euro, die Männer hätten für den Gewinn des WM-Titels im letzten Jahr jeweils 350.000 Euro erhalten.

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