Frauenfußball: Rachel Rinast kritisiert die Strukturen im deutschen Frauenfußball

Profi Rachel Rinast kritisiert den Frauenfußball : „Wer als Spielerin nicht alles abnickt, hat ein Problem“

Profispielerin Rachel Rinast kritisiert die Strukturen im deutschen Frauenfußball. Sie habe einfach die Leidenschaft am Fußball verloren und könne sich „mit den Strukturen so einfach nicht mehr identifizieren.“

Rachel Rinast hat 61 Fußball-Bundesliga-Spiele absolviert. Sechs Jahre spielte sie für den 1. FC Köln und Bayer Leverkusen. Zuletzt lief sie für den SC Freiburg auf. Doch im Winter wollte die 27-Jährige nicht mehr. Löste ihren Vertrag im Breisgau auf. Die Begründung lieferte sie nach. Sie habe einfach die Leidenschaft am Fußball verloren und könne sich „mit den Strukturen des deutschen Frauenfußballs so einfach nicht mehr identifizieren. Wenn man eine Spielerin ist, die nicht immer alles abnickt, hat man ein Problem.“

Es sei ein schleichender Prozess gewesen, erklärt Rinast. „Der Hauptgrund war die fehlende Wertschätzung.“ Insbesondere von Trainerseite habe ihr oftmals die Anerkennung gefehlt. Dies habe nichts damit zu tun, dass man mal auf der Bank Platz nehmen müsse oder für ein schlechtes Spiel kritisiert werde. „Mir geht es um die abwertende Form der Kommunikation, wie sie manche Trainer an den Tag legen.“

„Ray“, wie Rachel Rinast von ihren Freunden gerufen wird, ist die Tochter eines Deutschen und einer Schweizerin, besitzt daher auch die Pässe beider Länder. Vor fast vier Jahren debütierte sie im Nationaltrikot der Eidgenossen, nahm 2015 an der Weltmeisterschaft in Kanada teil, absolvierte bisher insgesamt 28 Länderspiele und erzielte dabei zwei Treffer.

Gerade im Leistungsfußball merke man, dass manche Trainer ihrer Führungsposition nicht gewachsen seien: „Die Aspekte, die einen wirklichen Leader auszeichnen, sich zu entschuldigen, wenn man über die Stränge geschlagen hat oder Fehler eingestehen zu können, fehlen oftmals“, sagt sie.

Rinast  wollte das nicht länger hinnehmen. Und das alles für einen Leistungssport im Nebenberuf. „Die meisten von uns studieren, gehen zur Schule oder arbeiten parallel. Wir trainieren fast jeden Tag in der Woche, an manchen Tagen zweimal. Die Wochenenden bestehen aus langen Auswärtsfahrten oder Samstagtrainings“, sagt Rinast.

Doch die Defensiv-Spezialistin will nicht nur kritisieren, sie hat auch einen Verbesserungsvorschlag: „Man könnte Pädagogikseminare einführen, denn viele Trainer haben nicht die nötige Ausbildung im Umgang mit Gruppen.“

Ihre Trainerin im Schweizer Nationalteam war lange Jahre Martina Voss-Tecklenburg, ehe diese im November zum DFB wechselte. Nachfolger bei den Eidgenossen wurde der Däne Nils Nielsen, Co-Trainerin ist Marisa Wunderlin. „Die beiden arbeiten auf eine andere Weise, als wir es bisher gewohnt waren“, sagt Rinast, „Nils ist der Meinung, dass wir alle erwachsen und alt genug sind, um unsere eigenen Entscheidungen zu treffen.“ Dies sei ein „toller Ansatz“, und „genau die Einstellung, die ich immer im deutschen Frauenfußball vermisst habe. Schön, dass ich es zumindest noch auf meine alten Tage miterleben darf.“

Und warum nun Israel? „Eigentlich wollte ich mit dem Fußball aufhören oder ein halbes Sabbat-Jahr einlegen“, sagt die Außenverteidigerin. Sharon Beck, israelische Nationalspielerin und mit Rinast befreundet, redete ihr dies jedoch aus. „Sie meinte, dass ich nach Israel gehen solle und hat mir einen Kontakt gegeben. Ich habe mich am Ende für ASA Tel Aviv entschieden, weil ich dort den besten Eindruck hatte.“ So läuft die Ex-Leverkusenerin nun in der ersten Liga Israels auf. Und Rinast ist begeistert: „Es geht mir hier super, und ich fühle mich unfassbar wohl.“ Wie lange sie dort bleiben werde, wisse sie noch nicht: „Die Saison geht bis Ende Mai. Was dann passiert, werden wir sehen.“ Fest steht nur: Rinast wird auch in Zukunft niemand sein, der einfach nur alles abnickt.

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