DFB-Pokal-Finale: Der Frauenfußball in Europa boomt - außer in Deutschland

DFB-Pokal-Finale der Frauen : Der Frauenfußball boomt — außer in Deutschland

Der Frauenfußball boomt. In Europa ziehen die Spiele der Frauen-Mannschaften Rekordzuschauerzahlen an — außer in Deutschland. Zum DFB-Pokal-Finale am Mittwochabend werden nur rund 15.000 Fans erwartet.

Alexandra Popp, Pernille Harder und Co. werden am Mittwochnachmittag wohl ein wenig seufzen, wenn sie ihren Fuß zum ersten Mal auf den Rasen des Rheinenergiestadions setzen und einen Blick auf die Tribüne werfen. Während in Spanien, Italien und England in den vergangenen Wochen und Monaten Zuschauerrekorde aufgestellt wurden, werden für das DFB-Pokal-Finale der Frauen (17.15 Uhr/ARD) zwischen dem VfL Wolfsburg und dem SC Freiburg nur rund 15.000 Fans erwartet. Die Heimstätte des Zweitligisten 1. FC Köln fasst mehr als dreimal so viele.

Für die Torhüterin von Titelverteidiger Wolfsburg, Almuth Schult, eine Enttäuschung. „Natürlich würde ich mich über einen größeren Zuschauerzuspruch freuen. Genauso kann ich mir aber auch nicht erklären, warum die Resonanz nicht ansteigt in den letzten Jahren. Die Stadt Köln stellt ein tolles Event mit einem vielfältigen Rahmenprogramm auf die Beine. Liegt es an der Anstoßzeit? Haben wir genug Werbung?“, sagte die Nationalkeeperin am Dienstag im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Ende Mai kamen knapp 40.000 zum Liga-Spitzenspiel zwischen Juventus Turin und dem AC Florenz - italienischer Rekord. 48.121 Zuschauer waren beim Pokal-Viertelfinale zwischen Athletic Bilbao und Atletico Madrid - Europarekord. 60.739 Anhänger in Spaniens Liga bei der Partie zwischen Atletico und dem FC Barcelona - Weltrekord bei einem Klubduell. „Im Ausland sieht man doch, dass es funktioniert. Allein mit Schulklassen bekommt man keine Kulisse von 50.000 Zuschauern“, so Schult. Sie sieht an der Stelle auch die Vereine in der Verantwortung: „Es gibt auch bei einigen Bundesliga-Klubs in der Kommunikation noch sehr viel Potential. Oft werden wir Frauen vergessen.“

Mit ungewohnt deutlichen Worten kritisierte die 28-Jährige dabei auch den eigenen Verband. Sie sieht den Deutschen Fußball-Bund (DFB) angesichts des europäischen Aufschwungs auf dem Irrweg. „Wir hoffen, dass der DFB den Frauenfußball weiter nach vorne bringt. Aber die Signale, die ich momentan wahrnehme, deuten leider in eine andere Richtung“, so Schult: „Da bekommen wir aus Erzählungen nun auch mit, wie im DFB in frauenfußballfernen Bereichen über uns gedacht wird. Wie sollen wir denn draußen Vorurteile und Vorbehalte gegenüber dem Frauenfußball abbauen, wenn wir im eigenen Verband noch damit zu kämpfen haben?“

Strukturell wird in anderen Ländern mehr getan. Die erste Teilnahme der spanischen Nationalmannschaft der Frauen bei der WM 2015 sorgte für einen Aufschwung. Wenig später unterstützte die Profiliga eine bessere Vermarktung der Liga und fand mit Iberdrola einen Sponsor. Der Energieversorger pumpt jährlich zwei Millionen Euro in die Liga, der Fußballverband gibt zusätzlich zwei Millionen dazu. Zudem wurden die Fernsehrechte verkauft, jede Woche ist mindestens ein Liga-Spiel der Frauen im TV zu sehen. Der spanische Verband RFEF lancierte PR-Maßnahmen, Werbung für den Frauenfußball und verteilte kostenlose Tickets.

Das englische Finanzunternehmen Barclays, einst Namensgeber der Premier League, sagte im März der Women’s Super League ein Dreijahres-Sponsoring über 10 Millionen Pfund (rund 11,6 Mio. Euro) zu.

Dass der Frauenfußball ansonsten noch immer ein stiefmütterliches Dasein fristet, zeigt sich einmal mehr bei der WM ab 7. Juni in Frankreich. Die Auftakt-Partie der DFB-Frauen gegen China am 8. Juni wurde von 21 Uhr auf 15 Uhr vorverlegt. Schließlich spielen die DFB-Männer von Bundestrainer Joachim Löw parallel in der EM-Qualifikation gegen Weißrussland. Immer frei nach dem Motto: Ziemlich gut, aber nie so gut wie die Männer. 2017 wurde die Meisterfeier der Frauen des VfL Wolfsburg gegen ihren Willen abgesagt, weil die Männer in der Relegation gegen den Abstieg spielten.

Wie soll man von Fans Anerkennung für den Sport erwarten, die Vereine und Verbände den Frauen selbst nicht geben?

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