Frankreich im WM-Finale: Die Spielverderber

Frankreich im WM-Finale: Die Spielverderber

In einem Halbfinale geht es nicht um den Schönheitspreis. Deswegen setzten die Franzosen gegen Belgien auf Defensive. Der Erfolg gibt ihnen recht. Frankreich steht nach 1998 und 2006 zum dritten Mal im Endspiel.

Didier Deschamps (49) ist als Spieler Weltmeister und Europameister geworden. Mit Olympique Marseille gewann er die Champions League. Als Trainer führte er Frankreichs Nationalmannschaft ins Finale der EM 2016. Mit Siegen kennt er sich also aus. Und jetzt könnte er nach dem Brasilianer Mario Zagallo und dem deutschen Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer der dritte Mensch werden, der als Spieler und Trainer die Weltmeisterschaft gewinnt. Nach dem 1:0-Erfolg über Belgien steht Frankreich als erster Teilnehmer am Endspiel in Russland fest.

Es war ein typischer Deschamps-Sieg. Weil er wusste, wie gut die Belgier in Schwung kommen können, wenn man ihnen Raum lässt, betätigte sich der französische Trainer als Spielverderber. Er leistete freiwillig Verzicht auf Ballbesitz und großes Spektakel. Dafür stellte er die eigene Hälfte mit mehreren sehr beweglichen Wällen aus Spielern zu, die Belgien kaum einmal eine Lücke ließen. Belgiens Spiel floss in die Breite, hatte nie Tempo und wirkte nur dann nicht völlig ratlos, wenn Kapitän Eden Hazard zu seinen Sololäufen aufbrach. Das war zu wenig gegen die Verteidigungsbarrikaden, die der Vizeeuropameister aufgeschichtet hatte.

Wer es gut mit dem Sieger meinte, das waren viele, der pries das Geschick der Defensivkünstler und ihre Bereitschaft, weitgehend auf jene Kunststückchen zu verzichten, die allein Kylian Mpappé gelegentlich einflocht – allerdings erst nachdem der Innenverteidiger Samuel Umtiti nach einem Eckstoß von Antoine Griezmann mit einem wuchtigen Kopfball ins vielgerühmte kurze Eck den entscheidenden Treffer erzielt hatte. Wer es nicht so gut meinte mit dem Sieger, das waren vor allem die Belgier, der nannte den erfolgreichen Ansatz „Anti-Fußball“. Torwart Thibaut Courtois zum Beispiel. „Das war nicht schön anzuschauen“, sagte er. Und Kapitän Hazard beteuerte: „Ich würde lieber mit diesem belgischen Team verlieren als mit diesem französischen gewinnen.“

Den Franzosen sind derartige Einwände ziemlich gleichgültig. Deschamps darf darauf verweisen, dass es im Halbfinale einer Weltmeisterschaft nicht um Schönheitspreise geht. Und er erinnert sich gewiss ans Viertelfinale vor vier Jahren, als Deutschland durch einen frühen Kopfballtreffer von Mats Hummels mit 1:0 gewann. Darüber hinaus geschah auch in dieser Begegnung wenig, was das Herz der neutralen Zuschauer hätte erfreuen können – es sei denn, sie gehörten zu jenen, die sich für die Feinheiten der Defensiv-Taktik interessieren.

Deschamps tut das seit jeher. Noch bevor alle Welt in der Nachbesprechung von Fußballspielen über die Rolle der sogenannten Sechser zu diskutieren begann, füllte Deschamps diese Rolle des „kreativen Abräumers“ im defensiven Mittelfeld. Er sorgte für Struktur im Spiel nach vorn, schloss Lücken und – ein besonderes Anliegen – sorgte für Disziplin in allen Mannschaftsteilen. Er war schon zu Beginn der 1990er Jahre das, was ihm sein Spitzname als Nationaltrainer unterstellt, Deschamps war ein General auf dem Platz.

Diesem General ist taktische Disziplin wichtiger als außergewöhnliche fußballerische Begabung. Zu seinem großen Glück hat er allerdings eine Mannschaft beisammen, die über beides verfügt. Ihr wichtigstes Talent ist unterdessen, dass sie ihre jeweiligen Stärken sehr konsequent nach dem speziellen Bedarf in einem Spiel anwenden kann. Gegen Deutschland in einem Aufsehen erregenden Testspiel im vergangenen Herbst packten seine Spieler den Zauberstab aus und erteilten dem amtierenden Weltmeister beim 2:2 eine kleine Lehrstunde in Fragen des Offensivfußballs. Im WM-Achtelfinale gegen Argentinien (4:3) stürmten sie vor allem in der zweiten Hälfte munter drauflos. Und im Halbfinale gegen Belgien hatte niemand ein Problem, sehr nüchterne Arbeit auf dem Rasen zu verrichten.

Am wenigsten wahrscheinlich der Torschütze. „Heute waren wir richtige Kerle“, stellte Umtiti fest. Und das breite Kreuz wurde dabei noch ein bisschen breiter. Der Verteidiger des FC Barcelona bildete mit seinem Kollegen Raphael Varane, der seine Brötchen bei Real Madrid verdient, ein Bollwerk, um das Deschamps ganz sicher auf der ganzen Welt beneidet wird. Das Duo hat bei dieser WM die Deutschen Mats Hummels und Jerome Boateng in den Schatten gestellt. Und ihr Alter lässt zumindest die Ahnung zu, dass sie noch nicht auf ihrem besten Niveau angekommen sind. Varane ist 25, Umtiti 24.

Ohnehin spricht vieles dafür, dass der Weg des Generals mit seinem Team noch lange nicht am Ende ist – selbst im Fall des zweiten Titelgewinns in der Geschichte des französischen Fußballs. Der WM-Kader bringt es gerade mal auf ein Durchschnittsalter von 26 Jahren. Mpappé, der schon jetzt eine Spitzenkraft im internationalen Fußball ist, wird Ende des Jahres erst 20. Kein Wunder, dass Deschamps von großen Taten träumt. Mbappé war noch nicht geboren, als der General in Paris den 3:0-Finalsieg gegen Brasilien als Kapitän der französischen Nationalmannschaft feierte. „Man muss mit der Zeit gehen“, sagte Deschamps, „ich will mit meinen Spielern eine neue Seite der Geschichte schreiben, eine schöne Seite.“ Er hat den Stift schon in der Hand.