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Fortuna Düsseldorf: Manager Schulte meldet sich zum Dienst

Fortuna Düsseldorf : Manager Schulte meldet sich zum Dienst

Der 56-Jährige spricht im Trainingslager im spanischen La Manga mit unserer Redaktion über seine neue Heimat Düsseldorf, seine Einstellung zu Wintertransfers und die Endlichkeit des Seins.

Herr Schulte, Sie hätten als Sportdirektor beim international renommierten österreichischen Erstligisten Rapid Wien bleiben können. Stattdessen haben Sie sich für den Zweitligisten Fortuna Düsseldorf entschieden — warum tut man so etwas?

Helmut Schulte So etwas tut man entweder, weil man ein bisschen deppert ist, oder weil man gute Gründe hat. Ich nehme für mich in Anspruch, gute Gründe zu haben.

Und wie sehen diese Gründe aus?

Schulte Ich habe das Gefühl, dass die Aufgabe bei Fortuna sehr spannend ist und dass ich hier viel bewegen kann. Nicht zuletzt geht es hier um den deutschen Fußball, mit dem ich aufgewachsen bin und der mir sehr nahe ist.

Ist Ihnen die Entscheidung also leichtgefallen?

Schulte Nein, ganz und gar nicht. Eine so lebenswerte Stadt wie Wien zu verlassen, kann einem nicht leicht fallen. Mir nicht und auch meiner Frau nicht. Sie hat allerdings mal gesagt, dass sie mir bis ans Ende der Welt folgt.

Und dort liegt Düsseldorf?

SCHULTE Das haben Sie gesagt. Nein, Düsseldorf bietet als Stadt, mit diesem herrlichen Stadion, der Tradition des Vereins und seiner Anhängerschaft alle Möglichkeiten. Ich war schon in einer Luxussituation, mich zwischen zwei solchen Städten und Vereinen entscheiden zu dürfen. Und wenn diese leicht fiele, wäre es ja keine Entscheidung. Zurück zu den Möglichkeiten: Fortuna kickte zu der Zeit, als die Bundesliga wirtschaftlich so richtig loslegte, in der Vierten Liga.

Lässt sich so etwas überhaupt aufholen?

Schulte Natürlich ist es schwieriger geworden, denn es sind seit damals VW und SAP dazugekommen, die zwei feste Bundesliga-Plätze belegen — und von diesen festen Plätzen gibt es ja nur 15. Aber man muss als Fortuna nicht auf ein Wunder hoffen, um sich mittel- bis langfristig in der Ersten Liga zu etablieren. Es ist möglich, das machen Mainz und Freiburg vor.

Hat der aktuelle Kader das Potential, diese Zielsetzung anzugehen?

Schulte Ich bin nicht so vermessen, Zielsetzungen auszugeben und den Kader abschließend zu beurteilen, wenn ich gerade zwei Wochen im Amt bin. Als Beobachter von außen war ich zu Saisonbeginn schon der Meinung, dass es Fortuna gelingen würde, oben dranzubleiben.

Anders gefragt: In neun Tagen schließt das Transferfenster für Winterzugänge. Wird Fortuna noch einmal aktiv?

Schulte Im Moment zeichnet sich nichts ab. Schauen Sie, ich bin ein Freund von Statistiken — und sehen Sie sich doch einmal die Statistik von Winterzugängen an. Ich meine nicht die Skandinavier, deren Saison jetzt gerade beendet ist und die man perspektivisch holt. Ich meine jene Profis, die einem sofort für die letzten 15 Spiele weiterhelfen sollen.

Klingt ganz so, als habe Sie diese Statistik nicht überzeugt.

Schulte Sagen wir es so: Ich bin nicht unbedingt ein Freund von Wintertransfers. Generell wird zu viel über Transfers geredet, und es gibt sehr, sehr viele sinnlose Transfers. Ich habe großes Vertrauen in die Spieler, die bereits in unserem Kader sind. Kontinuität ist absolut ein Ziel, denn ich glaube an den Satz, dass Eingespieltsein eine Macht ist.

Fortuna setzt auf eine erfahrene sportliche Leitung. Sie sind 56 Jahre alt, Trainer Lorenz-Günther Köstner wird bald 62. War dieses Faktum für seine Verpflichtung wichtig, oder hätten Sie Köstner auch genommen, wenn er der gleiche Mensch und 31 Jahre alt wäre?

Schulte Das hängt ganz einfach mit unserem Anforderungsprofil zusammen. Wir brauchten jemanden, der den Fußball und speziell den deutschen Fußball kennt, keinen heurigen Hasen. Jemanden, der schon viele verschiedene Situationen erlebt und unaufgeregt durchlebt hat.

Persönlich haben Sie eine Situation überlebt, die sehr kritisch war: als am 18. Januar 2007 in Essen der Orkan Kyrill eine Buche umstürzen ließ, die auf ihr Auto krachte. Sie waren einige Zeit im Koma, schwebten in Lebensgefahr. Wie hat Sie das alles geprägt?

Schulte Heute kann ich dankbar sein für diese Erfahrung, die nicht jedem vergönnt ist. Aber nur, weil sie ein gutes Ende genommen hat. Ich habe so viele Erfahrungen in Bereichen gemacht — auf der Intensivstation, in der Reha, als ich lange Zeit einen Halofixateur (ein Gerät zur Stabilisierung von Wirbelsäule und Nacken/Anm. d. Red.) tragen musste. Das sind Dinge, die ein ganzes Leben neu aufbauen.

Sind es damit auch Dinge, die Sichtweisen auf den Alltag verändern?

Schulte Definitiv. Es ist nicht so, dass ich ein komplett neuer Mensch geworden bin. Wie vermessen wäre eine solche Ansicht auch, wo doch vielen Menschen Ähnliches passiert wie mir damals? Aber ich habe die Endlichkeit des Seins gefühlt, und das hat bei mir so manche Einstellung zum Leben geschärft.

Können Sie Beispiele nennen, wie sich das äußert?

Schulte Das Verständnis für andere. Es mag etwas esoterisch klingen, aber ich weiß heute, dass der Baum nicht mein Feind war. Er hätte auch gern weitergelebt. Wenn es einen Grund dafür gibt, warum ich den Unfall überleben durfte, dann ist es der Grund, anderen Menschen zu helfen. Ich möchte Menschen dabei unterstützen, ihre Ziele zu erreichen.

Bernd Jolitz führte das Gespräch im Trainingslager in La Manga (Spanien).

(RP)