„Unsere Fußballer wollen zeigen, dass unser Land lebt“ Wie Ex-Fortuna-Profi Titarcuk mit der Ukraine fiebert

Düsseldorf/Kiew · Sergij Titarcuk ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Doch er ist auch ein Herzens-Fortune, seit er von 2002 bis 2005 als Stürmer das Düsseldorfer Trikot getragen hat. Am Freitag geht für ihn ein Traum in Erfüllung: Die Nationalelf seines kriegsgeplagten Heimatlandes Ukraine spielt in „seiner“ Arena.

Fußball-EM 2024: Sieben Ex-Spieler von Fortuna Düsseldorf dabei
47 Bilder

Diese Ex-Fortunen sind bei der EM in Deutschland dabei

47 Bilder
Foto: AP/Thibault Camus

Einmal im Monat, so erzählt Sergij Titarcuk, müsse er in die Ukraine. Obwohl ihm sein Job als Finanzfachmann kaum Zeit lässt, „aber dann muss ich einfach sehen, wie es meiner Mama und der übrigen Familie geht“. Mit der Angst, die der inzwischen zweieinhalb Jahre andauernde Angriffskrieg Russlands in seinem Heimatland verbreitet, hat der ehemalige Stürmer der Fortuna zu leben gelernt. Zwangsläufig.

Längst hat der heute 44-Jährige seinen Lebensmittelpunkt nach Deutschland verlegt. Ein erfolgreicher Geschäftsmann ist er geworden, nachdem er im Anschluss an seine Fußballerlaufbahn mit einem kleinen Lieferservice für belegte Brötchen im Ratinger Gewerbegebiet angefangen hatte. Inzwischen ist er Financial Director in einem Unternehmen für Vermögensberatung, mit 15 Büros in Deutschland, Österreich und der Ukraine, in denen 120 Mitarbeiter ihr Geld verdienen. Doch als der Krieg begann, da fühlte er: „Ich muss in die Ukraine. Ich muss einfach den Menschen helfen.“

Sergij Titarcuk im März 2022 vor dem Parlamentsgebäude in Kyiw.

Sergij Titarcuk im März 2022 vor dem Parlamentsgebäude in Kyiw.

Foto: Sergij Titarcuk

„Das Wichtigste ist, dass unsere Fußballer für unser Land aufstehen“

Doch nicht nur die alltäglichen Güter, so wichtig diese natürlich sind, seien eine Hilfe für die Menschen, versichert Titarcuk. Auch der Fußball könne eine wichtige Rolle spielen, auch und gerade mit der EM, die in diesen Tagen in seiner Wahlheimat Deutschland stattfindet. „Unsere Fußballer haben natürlich einen zweifachen Druck“, sagt er. „Das Wichtigste ist, dass sie für unser Land aufstehen. Dass sie zeigen, dass die Ukraine lebt. Aber die typischen Fußballdinge müssen sie trotzdem hinkriegen.“

Fortuna Düsseldorf: Das sind mögliche Transfer-Kandidaten
52 Bilder

Diese Spieler sollte Fortuna nach verpasstem Bundesliga-Aufstieg auf dem Zettel haben

52 Bilder
Foto: Moritz Mueller

Das gelang in der Auftaktpartie der Blau-Gelben nicht, denn sie verloren gegen Außenseiter Rumänien deutlich 0:3 und stehen damit bereits unter Zugzwang. Am Freitag um 15 Uhr muss die Ukraine abliefern und gegen die Slowakei gewinnen – und das in Titarcuks altem Wohnzimmer.

„Es ist ein tolles Gefühl, dass die Ukraine in meiner Arena spielt“, berichtet er strahlend. „Wenn ich könnte, würde ich den Jungs jede Menge Tipps geben. Ich kenne schließlich jeden Quadratmeter und jede Treppenstufe in diesem Stadion.“ In ihrem wichtigen zweiten EM-Spiel könnten die Ukrainer allerdings auch einige sportliche Tipps gebrauchen, „vor allem brauchen wir mehr Aggressivität als gegen Rumänien“, fordert Titarcuk.

„Unter diesem Umständen so viel zu erreichen, motiviert alle“

Nun könnte man natürlich durchaus der Meinung sein, dass das schwer kriegsgeplagte Land wichtigere Probleme hat als Erfolge im Fußball. Doch zu diesem Punkt gibt der frühere Fortune Einblicke in die ukrainische Seele: „Für die Menschen in der Ukraine geht es bei der EM auch um Stolz. Unter diesen Umständen, denen unser Land seit mehr als zwei Jahren ausgesetzt ist, so viel zu erreichen – das motiviert alle. Die Jungs an der Front ebenso wie die Menschen in den zerstörten Städten.“

Titarcuk weiß, wovon er spricht. Im Juli wird er wieder seine Mutter und Freunde besuchen, und als er vor zwei Monaten in der Nähe der Hauptstadt Kiew war, musste er eine ganz besondere Erfahrung machen. „Ich wollte in meinem Haus nach dem Rechten sehen“, erzählt der Ex-Profi, „doch auf dem Weg dahin hielt mich vielleicht fünf Minuten vor der Ankunft ein Bekannter kurz auf. Während wir redeten, schlug eine russische Rakete in meinem Haus ein. Wäre ich direkt hingefahren, würde ich vielleicht nicht mehr leben.“

Fortuna Düsseldorf: Zugänge, Abgänge - wer bleibt, wer geht?
29 Bilder

Wer bleibt bei Fortuna, wer geht, wer wackelt – die Transfers im Sommer

29 Bilder
Foto: Moritz Mueller

Der alltägliche Horror in der Ukraine. Von diesem werden die Menschen ein wenig abgelenkt durch den Fußball, von den kleinen Sorgen lassen sie sich ohnehin nicht mehr schrecken. „Wir haben alle gelernt, lösungsorientiert zu denken“, sagt Titarcuk. „Wenn neun Stunden lang der Strom ausfällt, dann beschweren wir uns nicht darüber, sondern wir nutzen die zwei Stunden, wenn er wieder da ist. Dann gibt es eben keine Pommes zum Schnitzel, weil die Friteuse ja Strom bräuchte, dann braten wir was Anderes, was gerade geht.“

 Sergij Titarcuk (gelbes Trikot) 2005 in einem Freundschaftsspiel für Fortuna gegen den FC Bayern.

Sergij Titarcuk (gelbes Trikot) 2005 in einem Freundschaftsspiel für Fortuna gegen den FC Bayern.

Foto: Benefoto

„In dieser Gruppe ist noch alles möglich, die Qualität ist da“

Lösungsorientiert denken – das empfiehlt Titarcuk auch den Fußballern seines Landes, wenn sie am Freitag in Düsseldorf gegen die Slowakei antreten. „Die Mannschaft muss psychisch umdenken, aggressiver sein, sie muss an ihre Chance glauben. In dieser Gruppe ist noch alles möglich, die Qualität ist da.“ Der 44-Jährige wird selbst im Stadion mitfiebern, hat auf den letzten Drücker noch eine Karte ergattert.

Fortuna Düsseldorf: Das dritte deutsche Kuttentreffen in Würzburg in Bildern
51 Bilder

So präsentierten sich die Fortuna-Kuttenträger in Würzburg

51 Bilder
Foto: Moritz Mueller

Und er versucht weiter, den Menschen in der Ukraine zu helfen. Im Großen, mit der Organisation von Hilfsgüter-Transporten und Finanzhilfen, aber auch im Kleinen. Fortuna-Fan David Ellgering stellte dem 44-Jährigen aus seinem Fundus ein Nationaltrikot mit dem Namenszug „Titarcuk“ zur Verfügung – ein Unikat, da der Stürmer nie ein Länderspiel absolvierte. Doch der Finanzexperte erkannte sofort die Möglichkeiten und setzte eine Versteigerung über sein Facebook-Profil in Gang.

Aufzugeben, war nie eine Option

„Jeder Cent aus der Versteigerung geht direkt an Hilfsprojekte für die Ukraine, um in diesen herausfordernden Zeiten zu helfen“, versichert der frühere Torjäger. Denn aufzugeben, war für ihn und die allermeisten Menschen in seiner Heimat nie eine Option. Nicht im täglichen Leben, nicht im Sport. „Wenn man in der Ukraine lebt“, so Titarcuk, „bekommt man ein anderes Gefühl. Man sieht sein Leben ganz anders, man trifft ganz andere Entscheidungen für sein Leben.“

Doch zunächst fiebert er dem Spiel am Freitag entgegen: „Ich trage in meinem Herzen immer zwei Länder, Deutschland und die Ukraine. Aber am Freitag würde ich mich einfach unwahrscheinlich freuen, wenn die Ukraine gewinnt. Vor allem für die Menschen zu Hause.“