Fortuna Düsseldorf: Sascha Rösler und Armin Veh sprechen sich aus

„Rotzlöffel“-Affäre : Sascha Rösler und Armin Veh sprechen sich aus

Jahre nach dem Streit: Armin Veh und Sascha Rösler reichen sich die Hand

2012 bezeichnete Armin Veh Fortuna-Stürmer Sascha Rösler als „Rotzlöffel“. Beim erstmaligen Wiedersehen bei der RP erklärt Veh seine Wortwahl und lädt Rösler zum Essen ein.

Es läuft die heiße Phase im Aufstiegsrennen in der 2. Bundesliga 2011/12. Fortuna Düsseldorf und Eintracht Frankfurt sind mittendrin. Es kommt zum direkten Duell. Mit Folgen: Nach dem 1:1 durch einen späten Elfmeterpfiff liefern sich Fortuna-Stürmer Sascha Rösler und Eintracht-Trainer Armin Veh eine üble Schlammschaft mit Beschimpfungen und Unterstellungen.

Sechs Jahre später ist Rösler Teammanager der Fortuna und Veh Geschäftsführer beim 1. FC Köln. Vor dem Gastspiel der Fortuna bei der Eintracht am Freitag (20.30 Uhr) treffen sich beide seit dem Zwist erstmals persönlich zum Gespräch im Konferenzzentrum der Rheinischen Post. Das Gespräch nach dem Handschlag beginnt mit einer Überraschung, als Veh verrät, dass Rösler beinahe mal sein Spieler geworden wäre.

Armin Veh Man soll es ja nicht glauben, aber Sascha war ein guter Spieler (lacht). Und da ich ein guter Trainer war, wollte ich ihn zu mir holen. Das war in Rostock 2002, oder?

Sascha Rösler Ja, da hatten wir einen schönen Nachmittag. Du hast mir die Stadt und das Stadion gezeigt.

Veh Ich habe ihn so gut überzeugt, dass er dann nicht zu uns gekommen ist.

Rösler Nein, das stimmt nicht, ich wollte zu euch, aber da kam die Kirch-Krise und Rostock konnte die Ablöse nicht an 1860 München bezahlen.

Veh Ach ja, stimmt.

Also lag es nicht an der ungenügenden Stadtführung?

Rösler Nein, nein.

Veh Wenn ich von etwas überzeugt bin – und das war ich damals von ihm –, dann kann ich auch überzeugend sein. Es hat aber leider nicht geklappt.

Und danach gab es keine Bemühungen mehr?

Veh Ich war ja nicht mehr so lange in Rostock.

Rösler Und danach hat er zu gute Vereine für mich trainiert.

2012 war es dann aber jäh zu Ende mit der Harmonie.

Veh Wir waren ja Konkurrenten in diesem Jahr. Es haben fünf Teams um den Aufstieg gekämpft. Fortuna war vor uns. Ich habe Düsseldorf natürlich verfolgt, und sie haben doch einige Elfmeter bekommen, die ich nicht gerechtfertigt fand. Und dann führen wir bis zur 90. Minute in Düsseldorf in einem ganz wichtigen Spiel mit 1:0. Und was passiert?

Rösler Glasklarer Elfer (lacht)!

Veh Ja gut, über den kann man ja sogar noch streiten.

Rösler Wenn man ehrlich ist, muss man den nicht geben. Es hat aber natürlich zu der Situation gepasst.

Veh Und so hat es sich ergeben, dass du mich dann als...

Rösler Ne, komm, das müssen wir jetzt nicht wiederholen (lacht).

Veh Es war auf jeden Fall sehr emotional und eine brisante Situation. Es war insgesamt für mich unerträglich. Und ich habe dann am nächsten Tag eine Pressekonferenz einberufen, um auch ganz Frankfurt hinter uns zu bekommen. Das habe ich in dem Moment für uns genutzt.

Wie viel Taktik war also dabei?

Veh Zunächst gar keine. Das war pure Emotion.

Rösler Das ist schon interessant, es mal aus dieser Sichtweise zu sehen. Bei uns war es so: Wir waren von der Qualität her eigentlich kein klassischer Aufsteiger, wir haben das nur mit der Aggressivität, mit den Emotionen geschafft. Anders hätten wir kaum eine Chance gehabt. Diese Spielweise ist bestimmt bei vielen nicht gut angekommen. Aus unserer Sicht war es ein wichtiges Mittel.

Veh Darin wart ihr wirklich gut.

Rösler Und dann kamen deine Aussagen in der Woche vor dem Spiel, dass wir eine Schauspielertruppe sind. Das hat uns motiviert. Am Schluss ist es dann aus dem Ruder gelaufen. Ich habe ein paar Dinge in meiner Karriere gemacht, über die ich mich schon kurz danach geärgert habe. Das war so etwas. Annika (Röslers Ehefrau, Anm. d. Red.) hat direkt angerufen und gesagt: ,Was hast du jetzt schon wieder gemacht?’ Ich habe im Fernsehen dann auch an meinen Lippen ablesen können, was ich da gesagt habe, da bin ich schon erschrocken. Privat ist man eben ein ganz anderer Mensch als auf dem Platz. Normal bin ich ruhig und harmoniebedürftig.

Veh Das glaubt kein Mensch, der dich auf dem Platz gesehen hat (lacht).

Rösler Genau. Das war in dem Moment dann schon eine heftige Geschichte. Aber Armin und ich kommen aus einer Generation, in der Sachen auf dem Platz geregelt werden und es dann vorbei ist. Für mich war klar: Wenn wir uns mal wieder sehen, geben wir uns die Hand und alles ist gut.

Veh Vor allem, weil wir ja beide am Ende aufgestiegen sind. Aber unsere Fehde hat eigentlich schon früher angefangen: Im Hinspiel hat Alex Meier ein Foul im Mittelfeld begangen und Sascha hat einen 50-Meter-Sprint zum Schiedsrichter hingelegt.

Rösler Sprint? Das kann schon mal nicht sein (lacht).

Veh (lacht) Er hat jedenfalls Gelb-Rot gefordert, und der Schiedsrichter hat sie auch noch gegeben. Da ging es los. Da habe ich zwar noch nichts gesagt, aber der Film war bei mir schon abgespeichert. Und dann kam das Rückspiel noch obendrauf. Aber die Reaktion der Fortuna-Fans, die dann den Song „Das Haus vom Veh“ aufgenommen haben, war lustig. Da konnte ich schon wieder lachen.

Rösler Siehst du, sei froh, du hast dein eigenes Lied durch mich bekommen.

Würden Sie Ihre Pressekonferenz denn heute noch mal so wiederholen?

Veh Wenn ich bei uns in Bayern zu jemandem Rotzlöffel sage, ist das kein Problem. Im Vergleich zu mir ist Sascha doch vom Alter her noch ein Rotzlöffel. Ich sage zu meinen Kumpels auch ab und an Rotzlöffel. Klar, die Art und Weise, wie ich es gesagt habe, war nicht so freundlich. Aber ich habe Sascha nie gehasst oder so – das liegt mir völlig fern. Wir sind zwar nie mehr aufeinandergetroffen, aber auch mir war klar: Selbst eine Woche danach wäre das zwischen uns schon wieder okay gewesen.

Gehen Sie denn als Geschäftsführer oder Teammanager nun mit derselben Emotion in Spiele?

Veh Es ist weniger geworden. Ich sitze nicht mehr unten und werde nicht mehr jede Woche an Ergebnissen gemessen. Ich treffe jetzt eher Entscheidungen, die die Zukunft betreffen. Der Trainer steht mehr im Wind. Aber wenn ich gar keine Emotionen mehr hätte, würde ich aufhören.

Rösler Es ist völlig anders. Die Umstellung war schwierig. Ich kann verstehen, warum so viele Fußballer nach der aktiven Karriere in ein Loch fallen. Es ist schon hart und für den Kopf schwer, sich neue Ziele zu setzen. Es ist ein Privileg, dass Fortuna mir den Job angeboten hat. Im ersten Jahr habe ich dennoch sehr schlecht geschlafen. Die Emotionen haben mir gefehlt und die körperliche Auslastung. Ich bin jetzt aber ruhiger geworden.

Veh Sascha war immer emotional dabei. Er will immer vorangehen. Für so einen ist es schon schwer, sich hintanzustellen. Das kann er ja eigentlich gar nicht. Das kann man auch nicht lernen. (lacht)

Rösler Wir sind ja Wettkämpfer. Das kriegt man nie raus.

Veh Genau, ich werde auch nie ganz ruhig werden, das geht nicht.

War ihr Streit damals denn auch ein Resultat des Drucks im Fußballgeschäft?

Veh Das passiert nicht nur im Leistungssport. Wer Sport betreibt, kennt das doch. Auch wenn 50- oder 60-Jährige ein Spiel verlieren, beschimpfen sie sich, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. Bei der jüngeren Generation ist das vielleicht etwas anders. Die gehen den Konflikten eher aus dem Weg.

Die Generationenthese ist interessant. Ist das gut für den Fußball oder schlecht?

Veh Es ist einfach eine andere Zeit. Wir sind damals im Training keinem Konflikt aus dem Weg gegangen, sondern haben ihn ausgelebt. Und wie Sascha gesagt hat: Danach war wieder alles okay. Heute wird kein Konflikt mehr in dem eigentlichen Moment ausgetragen. Ob das gut oder schlecht ist, weiß ich nicht, es ist eben anders.

Ist es auch Ausdruck fehlenden Ehrgeizes der jungen Generation?

Veh Nein. Sie sind genau so ehrgeizig wie wir es waren.

Rösler Ich glaube schon, dass die Spieler durch die Nachwuchsleistungszentren anders erzogen werden. Es ist Fluch und Segen: Wir bekommen super Fußballer, aber es fehlen Typen. Wenn ein Julian Draxler gegen Holland zweimal den Ball verliert, hätte ihn früher ein Mitspieler mal in den Schwitzkasten genommen. Das macht man heute nicht mehr.

Veh Das beste Beispiel: Wenn früher ein 30-Meter-Pass zehn Meter neben mir vorbeigeflogen ist, habe ich den Passgeber richtig zusammengestaucht. Heute heben die Spieler den Daumen. Früher hätte man gesagt: Bist du noch ganz dicht?

Rösler Und es gab eine ganz andere Altersstruktur. Du bist als Junger ganz anders erzogen worden. Ich bin mit Nico Frommer damals mit Bauchschmerzen zum Training in Ulm gekommen. Wir waren an allem schuld und mussten alles machen. Aber das härtet dich auch brutal ab. Das ist eine gewisse Erziehung. Heute ist die Jugend im Kader in der Überzahl.

Die Hierarchiefrage wird ja auch in Bezug auf die Nationalmannschaft derzeit diskutiert.

Veh Sie wird überstrapaziert. Es ist falsch, dass es keine Führungsspieler gibt. Es geht heute mehr über Teamwork. Man kann keinem zum Vorwurf machen, dass er anders aufwächst. Die Jungen brauchen keine Führungspersonen mehr, weil sie es übers Team schaffen. Die 2014er Weltmeister kamen übers Team, es musste keiner den Effenberg oder den Matthäus spielen. Ich glaube, als junger Spieler ist es nicht so einfach. Du wirst mit viel mehr Dingen konfrontiert als wir damals. Es ist viel schnelllebiger geworden.

Sie sind beide lange im Geschäft. Was hat sich am meisten verändert in den vergangenen 20 Jahren?

Rösler Das Drumherum. Früher in Ulm hat nur einer ein Handy gehabt.

Veh Du wahrscheinlich (lacht).

Rösler Ne, es war Achim Stadler. Der hatte so einen riesigen Knochen, da haben ihn alle ausgelacht. Heute gibt jeder sein Leben in sozialen Netzwerken preis. Das ist anstrengender. Die Spieler werden überall beobachtet. Ich würde mir ja wünschen, dass der ein oder andere mal aus dem Trainingslager ausbüchst, um einen draufzumachen. Das geht heute ja gar nicht mehr. Das kommt sofort in den Medien raus.

Veh Da haben es die Jungen schwieriger, stimmt.

Rösler Viele sagen zu mir: Heute hättest du mehr Geld als Profi verdienen können. Ich sage: Mir war es so lieber. Heute würde es mir nicht so viel Spaß machen.

Veh Als ich in Gladbach gespielt habe, waren wir oft in Düsseldorf unterwegs, weil Jupp (Heynckes, Anm. d. Red.) ja neun Geschwister hat, die in Gladbach alles wussten. Aber in Düsseldorf konnten wir machen, was wir wollten. Das hat keiner mitbekommen.

Nutzen Sie denn die sozialen Netzwerke?

Veh Ja, ich bin totaler Fan, alles zu posten. Wirklich alles. Alles was wir hier besprechen, geht sofort raus. (lacht) Nein, sowas mache ich nicht. Das ist nichts für mich, das bleibt auch so.

Rösler Ich habe mal mit Facebook angefangen, dann habe ich die falschen Knöpfe gedrückt, dann habe ich wieder aufgehört.

Veh Es wird dort viel zu viel Mist produziert – und das in der Anonymität.

Können Sie akzeptieren, dass Spieler oder ihre Kinder das machen?

Veh Meine Kinder sind 30 und 35, die machen, was sie wollen.

Bei Ihnen dann eben die Enkel...

Veh Ich habe noch keine, soweit ist es noch nicht. Aber es kommt sicher, ich habe schon eine Prämie ausgelobt. Zurück zum Thema: Man sollte es mit den sozialen Netzwerken nicht übertreiben. Ich will meinen Spielern aber nicht vorschreiben, was sie tun.

Verlieren manche Spieler dadurch vielleicht sogar den Fokus auf den Fußball?

Veh Wenn es auffallend wäre, dass ein Spieler sich zehn Stunden damit beschäftigt und seinen Job vernachlässigt, müsste man als Verein einschreiten. Das musste ich aber noch nie machen.

Herr Veh, haben Sie denn schon komplett mit dem Trainerjob abgeschlossen?

Veh Man soll niemals Nie sagen, auch wenn ich es wirklich nicht mehr vorhabe.

Theoretisch könnte es in der kommenden Saison zum Duell Köln gegen Düsseldorf kommen. Was können wir dann vom Duell Veh gegen Rösler erwarten?

Veh Ich würde mir das Duell nur in der Bundesliga wünschen. Und wenn es soweit ist, würde ich Sascha am Tag davor zum Essen einladen.

Rösler Sehr gut, ich esse ja sehr gerne.

Mehr von RP ONLINE