Fortuna Düsseldorf: Oliver Fink und Frank Schaefer zur Scheinwelt Profifußball

Fortunen sprechen über Profifußball : „Es wird oft eine Scheinwelt aufgebaut“

Bei einer Podiumsdiskussion haben sich zwei Fortunen kritischen Fragen zum Geschäft mit den Nachwuchskickern gestellt. „Es schaffen die Wenigsten“, sagen sie.

Ein homosexueller Fußballstar, der nicht zu seinem eigenen Ich steht. Auch, weil er gar nicht weiß, wer er denn nun eigentlich genau ist. Alles bedingt durch die harte Schule eines Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) in einem Profiverein. Das ist – kurzgefasst – die Handlung des Stücks „Schwalbenkönig“, das im Theater Central am Düsseldorfer Hauptbahnhof aufgeführt wurde. Im Publikum saßen am Montag auch Fortuna-Kapitän Oliver Fink und Frank Schaefer, Leiter des NLZ in Flingern, die bei der anschließenden Podiumsdiskussion einhellig zum Schluss kamen: Die Darstellung des Schauspielers Vincent Sauter war zwar – theatertypisch – etwas überzogen, beinhaltete aber viele wahre Elemente.

Obwohl Fink als Teil des Klubs einen internen Einblick hat, beurteilt er die Dinge aus einer etwas distanzierten Perspektive. Vor allem, weil der 36-Jährige in den Profifußball eingestiegen ist, als die Zeit eine ganz andere war. Fink, im oberpfälzischen Hirschau aufgewachsen, unterschrieb erst mit 20 seinen ersten Profivertrag. „Ich habe den ganzen Zirkus mit dem NLZ ja gar nicht mitgemacht“, sagt Fink und befindet: „Das ist schon ein enormer Aufwand, den die Jungs da betreiben.“

Im Normalfall schaffen es zwei oder drei von 100 Nachwuchskickern aus einem NLZ in den Profibereich. Die Auslese ist drastisch. „Es schaffen die Wenigsten. Ich sehe NLZ-Arbeit nicht nur positiv. Es gibt auch kritische Dinge, die wir aber bei uns versuchen, besser zu machen“, sagt Ex-Bundesliga-Coach Schaefer, der seit 2016 das NLZ der Fortuna leitet. „Unsere Aufgabe ist, möglichst viele Spieler an den Lizenzbereich heranzuführen. Wir müssen sie dabei ganzheitlich ausbilden. Das heißt, man kann Schule, Fußball und Persönlichkeitsentwicklung nicht voneinander trennen.“

Kritisch sieht der 55-Jährige die Vorstellung von Profifußball als Märchenland. „Es wird oft eine Scheinwelt aufgebaut. Ganz wichtig ist, bei den Spielern einen Realitätssinn zu bewahren“, sagt Schaefer. „Ich stelle mit Erschrecken fest: Wenn ich einen 15- oder 16-Jährigen frage, was er davon halten würde, wenn er mit 40 auf eine erfolgreiche Amateurfußballkarriere zurückblicken könnte, einen tollen Job und eine tolle Familie hat, dann antwortet er, dass er sich dann als gescheitert sehen würde. Weil er sagt, ich habe nur Amateurfußball und keinen Profifußball gespielt. Das ist eine falsche Herangehensweise.“

Für Schaefer ist daran der Hype schuld, der um die NLZ herrsche und immer größer werde. „Die Eltern werden in diese Scheinwelt hineingezogen, die Beraterszene wird immer größer und macht vor dem NLZ nicht Halt. Irgendwann entsteht dann die Situation, dass sich die Jungs nur noch über den Fußball identifizieren. Und dann ist die Gefahr so unglaublich groß, dass du dich mit 19 schon als Verlierer fühlst. Da müssen wir entgegenwirken. Es darf nicht sein, dass sich ein 19-Jähriger als Lebensverlierer sieht, nur weil er kein Profi geworden ist.“

Die Verantwortlichen von Fortuna versuchen deshalb besonders die Eltern schnell an die Hand zu nehmen und die Seifenblase nicht zu groß werden zu lassen. „Wir machen Eltern-Workshops in unserem U9- und U11-Bereich“, erzählt Schaefer. „Da sitzen teilweise hochgebildete Menschen vor dir, die dann aber wie 14- oder 15-Jährige argumentieren, weil der Fußball einen speziellen Reiz ausübt. Wir versuchen die Eltern zu packen und ein Bild zu vermitteln, das von der Realität geprägt ist. “

Es gebe Eltern, die auf ihre Kinder eine Sportkarriere projizieren wollen, die ihnen selbst verwehrt geblieben ist. Und es gebe Eltern, die wirtschaftlich nicht so gut gestellt sind und sich daher erhoffen, dass ihr Sohn in ein paar Jahren den Unterhalt für die gesamte Familie verdient. „Wenn man das sieht, kann man das zum Teil auch verstehen“, sagt Schaefer – und Fink ergänzt: „Ich hatte auch schon Mitspieler, bei denen die Siegprämie zur Familie in die Türkei überwiesen wurde.“

Beim Thema Homosexualität, das im Stück eine große Rolle spielt, bekennen die Fortunen, dass sie diesem Thema trotz vieler Jahre im Geschäft nie begegnet sind. „Das kann nur deshalb sein, weil es ein Tabu-Thema ist. Es gibt eine Angst, sich zu outen“, sagt Schaefer, der bei Fortuna im NLZ aber ein Vetrauens-Klima sieht, so dass Jugendliche theoretisch über alle Themen offen sprechen könnten.

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