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Fortuna Düsseldorf: F95-Anhänger Thomas Nowag erzählt, warum er auch Fan des SV Sandhausen wurde

Senf drupp-Spezial mit Thomas Nowag : Warum ich auch Mitglied des SV Sandhausen wurde

Bei Fortuna Düsseldorf geben ganz viele ihren Senf dazu – auch jede Woche in unserer Rubrik „Senf drupp“. Diesmal mit einer Spezial-Ausgabe. Denn heute schreibt Thomas Nowag, warum er neben F95 auch noch den SV Sandhausen rein privat in sein Herz geschlossen hat.

Manchmal ist das ja so im Leben: Plötzlich wachst du im besten Hotel am Platze (die Auswahl ist klein) im bezaubernden Sandhausen auf einer viel zu kurzen Pritsche am Fußende eines Ehebettes auf, in dem ein schlafender Benediktinermönch liegt. Also, sehr manchmal. Zumindest bei mir. Alles begann mit einer Wette.

Als lebenslanger, dauerpessimistischer Fortuna-Düsseldorf-Liebhaber ließ ich mich dazu hinreißen, einen verhängnisvollen Tweet zu schreiben. Der ruhmreiche SVS führte am 14. August 2015 mit 2:0 beim favorisierten SC Paderborn. Sollte es 6:0 enden, schrieb ich, so würde ich noch an diesem Tag Mitglied bei jenem Verein werden, der wie kein zweiter immer als ultimatives Warnschild für abstiegsbedrohte Bundesliga-Großklubs herhalten muss: „Dann geht es bald nach Sandhausen!" (Das Spiel endete, selbstverständlich: 0:6. Letzter Torschütze: Ranisav Jovanovic. Jawohl. Genau der.)

Fünfeinhalb Jahre später gibt es keinen Grund, dies zu bereuen. Im Job gilt hier wie dort selbstverständlich strenge Neutralität. Doch: Der SV Sandhausen ist ein wunderbarer, kleiner, ursympathischer Verein, zu dem aus anfänglicher Ironie eine ehrliche Zuneigung gewachsen ist. Er ist quasi adoptiert. Hardi Plüsch, der kleine Maskottchen-Frechdachs, schaut in der Küche inzwischen beim Kochen zu. Die Kinder sind perfekt ausgestattet: F95, Cleveland Browns, SVS. Und bei welchem Verein gibt es noch eine mittlere dreistellige Mitgliedsnummer? Meine ist die 566 – was ich erstaunlicherweise nicht mal nachschauen muss. Bayern München hat 295.000 Mitglieder.

Es gibt interessante Nebeneffekte: Jogge ich im Sandhausen-Shirt durch den Düsseltaler Zoopark, an der alten Brehmstraße vorbei, könnte ich auch ein wallendes Brautkleid oder einen Astronautenanzug tragen – ich würde nicht erstaunter angestarrt werden. Einmal wurde ich gefragt, ob ich dort Spieler sei: trotz der erschütternd grauen Haare. Einige Stadionbesuche (Sandhausen gewinnt leider Gottes ja auch gerne in Düsseldorf) haben die Beziehung gefestigt.

Senf Drupp - die Kolumne über Fortuna Düsseldorf. Foto: Grafik: Zörner

Sollten zum Rückspiel am Wochenende des 14. März wieder Auswärtsfans erlaubt sein, die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt, gibt es hervorragende Tipps: Die exzellente Pizzeria mit den Plastikputten gegenüber vom Bahnhof St. Ilgen/Sandhausen. Einen eigenen Halt gibt es nicht. Die Alte Synagoge. Der Friseur mit dem fantastischen Namen "creHaartiv" in der Innenstadt, sofern sich bei einem 15.000-Einwohner-Städtchen davon sprechen lässt. Die köstliche Feuerwurst im Stadion. Und natürlich Dopsi, der teuflische Sandhäuser (wichtig, nicht: Sandhausener!) Asbach-Uralt-Cola-Mix im 0,1-Liter-Glas. Der kann dann im wohl einzigen Profi-Vereinsheim mit Bundeskegelbahn genossen werden. Die Spieler trifft man nachher schon mal bei einem Mineralwasser im Partyzelt.

Sandhausen macht vieles richtig, was auch die Fortuna lange falsch gemacht hat. Der Klub generiert aus wenig viel, er spielt seine neunte Zweitligasaion in Serie, was angesichts der Etats nicht weniger als eine Sensation ist. Spieler werden bevorzugt im Umfeld gescoutet, gerne in der 3. oder 4. Liga; es gelang jedoch auch, einen schillernden Typen wie Dennis Diekmeier geräuschlos zu integrieren.

Dabei hilft die meist völlige Abwesenheit von Boulevardmedien. Heraus kommt meist ein mehr oder weniger solider Mittelfeldplatz. Beispiel 2016/17: Sandhausen 10., Düsseldorf 11.

Ach ja, der Benediktinermönch: Der war Begleitung auf der ersten Auswärtsfahrt zum SVS (es gab fieserweise Lutherkekse), er ist längst ein Freund geworden – und er sorgt dafür, dass inzwischen Schulkinder in Tansania zum Kicken SVS-Trikots tragen. Die eigens beim Hotel vorbestellten getrennten Zimmer waren aber, hups, leider vergessen worden.

Ab auf die Pritsche. So ist das eben – sehr manchmal – im Leben.

Unser Kolumnist Thomas Nowag arbeitet seit 15 Jahren beim Sportinformationsdienst (SID) in Köln. Vornehmlich ist er zuständig für die Berichterstattung über Borussia Dortmund und der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Der 41-Jährige wurde in Neuss geboren und lebt in Düsseldorf.