Fortuna Düsseldorf: Erinnerungen an die Relegation bei Hertha BSC 2012

Erinnerungen an Fortunas Relegationsspiel 2012 : Ausnahmezustand in Berlin

Kaum jemand hat Fortuna Düsseldorf auf der Rechnung, als es im Mai 2012 zum Relegationshinspiel bei Hertha BSC geht. Eine Fehleinschätzung. Die ganz persönlichen Erinnerungen von RP-Redakteur Bernd Jolitz im Vorfeld von Fortunas erster Rückkehr ins Olympiastadion.

Im Grunde war die Reise nach Berlin nur noch ein Zubrot. Ein würdiger Abschluss einer Saison, die alle Beteiligten viele Nerven gekostet hatte: Spieler und Trainer der Fortuna sowieso, aber auch die Fans und uns Journalisten. Eine überragende Hinrunde hatten die Düsseldorfer in jener Saison 2011/12 gespielt, bevor ihr dann auf der Zielgeraden die Luft auszugehen schien. Ein 2:2 gegen den MSV Duisburg vor ausverkauftem Haus brachte die Truppe von Trainer Norbert Meier dann aber auf den letzten Drücker doch noch auf Platz drei. Punktgleich und mit mageren vier Törchen Vorsprung auf den FC St. Pauli. Immerhin – auch wenn ganz Fußball-Düsseldorf ein paar Monate lang vom direkten Aufstieg geträumt hatte.

Nun also Berlin. Und Hertha BSC. Eine Nummer kleiner hätte es ruhig sein dürfen, denken wir damals. Denn zwar haben die Berliner sich die gesamte Saison über reichlich dusselig angestellt und befinden sich deshalb in dieser misslichen Lage – doch rein personell haben sie dem Zweitliga-Dritten doch so manches voraus. Allein die Stürmer Raffael und Adrian Ramos sorgen beim Gedanken an die bevorstehenden Duelle für ein gewisses Kribbeln im Nacken. Oder ehrlicher gesagt: für die Befürchtung, es könne einen gewaltigen Abriss geben.

Nun wird mancher sagen, das müsse einem objektiven Journalisten doch egal sein. Das ist auch sicher richtig, aber wer in unserer Branche halbwegs ehrlich ist, wird immer zugeben, dass er lieber über einen Erst- als über einen Zweitligisten schreibt. Und wenn ein paar Tropfen Herzblut für einen Verein, über den man seit mehr als einem Jahrzehnt schreibt, verboten wären, dann müsste so mancher Redakteurskollege ins Verlies. So auch ich.

Am Abend jenes 10. Mai 2012 wird mir dann auch sofort klar, dass dieses Spiel im Olympiastadion nicht im entferntesten eines wie jedes andere würde. Die Atmosphäre brodelt, vor allem im prall gefüllten Gästeblock, in dem der rot-weiße Anhang voller Vorfreude dem Anpfiff entgegensingt. Inzwischen ist die Wechseldusche der Gefühle dort weitergedreht: Nach dem Jubel am Ende des Duisburg-Spiels und dem skeptischen Realismus der Tage danach ist sie nun auf Trotz eingestellt. Ausgelöst durch die bemerkenswerte Hybris, die Berliner Fans und Journalisten im und rund ums Stadion an den Tag legen. Hertha und verlieren? Für sie absolut keine Option.

Und sie scheinen ja auch Recht zu behalten, die langjährigen Erstligakenner. Nach 18 Minuten macht der tschechische Nationalspieler Roman Hubnik das 1:0. Der Fahrplan stimmt für Blau und Weiß. Mit diesem Ergebnis geht es auch in die Pause, und auf dem Düsseldorfer Teil der Pressetribüne gewinnt eine Haltung die Oberhand: Wenn es so bleibt, haben wir wenigstens noch ein bisschen Spannung im Rückspiel. Dass Fortuna gut spielt, richtig gut, besser gar als der turmhohe Favorit Hertha, das nehmen wir natürlich wahr, denken aber mit diesem gewissen Kribbeln: Da kommt sicher noch was.

Und es kommt auch noch was. Aber anders als gedacht. Zunächst bringt Thomas Bröker alle zum Wahnsinn. Fortunas Außenstürmer wuselt sich in der 64. Minute auf der rechten Seite durch, spielt aber einfach nicht ab. Er spielt so lange nicht ab, bis alle denken: Hat der sie noch alle? Und dann schießt er den Ball ins Tor. 1:1. Der Gästeblock flippt völlig aus. Bei uns auf der Pressetribüne geht es noch reserviert zu. Ein anerkennendes Nicken, ein Lächeln. Noch mehr Spannung fürs Rückspiel durch das Auswärtstor.

Und dann geht es richtig ab. 71. Minute, Freistoß für Fortuna, weit draußen auf der linken Seite. Ken Ilsø schnippelt den Ball in den Strafraum, und dann macht Ramos das, was alle von ihm erwartet hatten. Ein Tor. Allerdings auf der für ihn falschen Seite. Der Zweitligist führt durch das Eigentor des kolumbianischen Starstürmers 2:1, wir schreiben alle unsere Berichte um, und Fortuna bringt den Vorsprung tatsächlich ins Ziel. Sie gewinnt, und beim Abpfiff bemüht sich auf der Pressetribüne, nach dem Drücken auf die „Senden“-Taste im Mailprogramm, niemand mehr um Zurückhaltung. Berliner Journalisten treten gegen Tische, der sonst doch immer so coole und distanzierte Bild-Kollege umarmt seine Sitznachbarin. Und springt er nicht sogar auf und jubelt? So ganz genau sehe ich es nicht, weil ich gerade die Kollegen von WZ und Express umarme.

Es ist eine Ausnahmesituation. Das wird mir immer klarer, als ich durch die Gänge des Olympiastadions zur Mixed Zone gehe. Die Betonwände mit den Baustellenlampen erinnern an einen Film aus den 1940ern, und wie in einem Film fühlen wir uns auch alle. Erst recht in der Mixed Zone, als mich der Radiokollege von Antenne an sein Herz drückt. Und ein bisschen weint dabei. Niemand stört sich daran. Warum auch? Schließlich hat Fortuna jetzt die Chance, nach 15 Jahren in die Bundesliga zurückzukehren, nachdem sie zehn dieser Jahre in Dritt- und Viertklassigkeit zugebracht hat. Das ist kein Arbeitstag wie jeder andere.

Besucht seit seinem achten Lebensjahr Spiele der Fortuna, seit 1999 auch beruflich: RP-Redakteur Bernd Jolitz (56). Foto: Jolitz

Dann führen wir die Interviews, hören, was die Trainer Norbert Meier und Otto Rehhagel sagen. Keiner von uns ahnt, dass Rehhagel ein paar Wochen später in einem Sportgerichtssaal von Halbangst und Bombennächten im Essener Luftschutzbunker fabulieren wird. Das Relegations-Rückspiel mit dem verfrühten Platzsturm und dem Böller-Irrsinn im Hertha-Block liegt damals noch in der Zukunft. Und ist eine ganz andere Geschichte als diese, als Fortuna im Berliner Olympiastadion die deutsche Fußballwelt durchschüttelte.

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