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Fortuna Düsseldorf - Doppel-Interview mit den Zwillingen Tim Corsten (U23) und Jan Corsten (SC West)

Fortuna-Talent Tim Corsten und Zwilling Jan : „Ich bin einfach stolz auf meinen Bruder“

Der Fußball ist nicht nur ihre gemeinsame Leidenschaft, sondern er dominiert das Leben von Tim und Jan Corsten. Während der eine in Fortunas Regionalliga-Mannschaft spielt, trägt der andere das Trikot des SC West. Die Zwillinge teilen fast alles: sogar ihre Verletzungsgeschichte.

Fast pünktlich auf die Sekunde erscheinen Tim und Jan Corsten zum vereinbarten Gesprächstermin. Ersterer hat eine von zwei Trainingseinheiten des Tages soeben hinter sich gebracht. Im Gegensatz zur Vergangenheit, als die Zwillinge viele Jahre lang in Velbert und Wuppertal zusammenspielten, sind sie inzwischen für unterschiedliche Klubs aktiv: Tim steht bei Fortunas Regionalliga-Fußballern unter Vertrag, Jan beim Oberligisten SC West.

Tim und Jan Corsten, gucken Sie sich nach Ihren Spielen häufig Fotos davon an?

Tim Corsten (schmunzelt) Ja.

Jan Corsten Ich weniger, weil von unseren Spielen nur selten Bilder gemacht werden. Aber zu WSV-Zeiten war das bei mir genauso.

Es gibt ein Foto, das einen Zweikampf zwischen Ihnen als A-Jugend-Spielern zeigt: Jan im Trikot des Wuppertaler SV, Tim im Fortuna-Dress. Welche Erinnerungen verbinden Sie damit?

Jan Sehr viel Ehrgeiz, weil ich nicht gegen meinen Bruder verlieren wollte. Ich kann mich auch noch genau an diese eine Szene erinnern, da ist mein Trikot nämlich kaputtgegangen.

Tim Auch ich wollte nicht gegen meinen Bruder verlieren. Vor allem, weil es zusätzlich ein Spiel gegen meinen Ex-Klub war.

In Ihrem Fall hat das Vorhaben funktioniert, Tim. Fortuna gewann die Partie mit 3:1.

Tim Es war jedenfalls sehr ungewohnt an dem Tag. Wir haben damals beide noch bei unserer Mutter gewohnt, uns für das Spiel fertig gemacht, sind im selben Auto zum Platz gefahren und dann in unterschiedliche Kabinen gegangen. Das war schon komisch. Und dann hatte ich meinen Bruder in dieser Situation auf einmal als direkten Gegenspieler, obwohl wir eigentlich gar nicht einander zugeteilt waren. Da ging es ein bisschen mehr zur Sache. (lacht)

Was ging Ihnen durch den Kopf?

Tim Ich wollte unbedingt ein Tor machen, hatte aber auch im Hinterkopf, dass mein Bruder als mein Gegenspieler dann natürlich nicht gut aussehen würde.

Jan Für mich war es ähnlich, nur dass ich eben kein Tor kassieren wollte. Auch als wir noch zusammengespielt haben, hatte ich immer im Hinterkopf, dass mein Bruder hoffentlich keinen Fehler macht. Das war in dieser Partie genauso, obwohl wir Gegner waren.

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Haben Sie die Fußballer-Gene in die Wiege gelegt bekommen?

Jan Das kam nicht von unseren Eltern, auch wenn die uns immer unterstützt und überall hingefahren haben. Es kam eher von unserem Opa, der leider früh verstorben ist. Der hat sehr oft mit uns Fußball gespielt.

Tim Unsere Eltern haben uns die Möglichkeit gegeben, unseren Weg zu gehen. Aber dass wir das Talent von unserem Vater hätten? Eher weniger... (schmunzelt) Was man trotzdem sagen kann: Wir sind eine sehr fußballbegeisterte Familie.

Wer hat Ihre Eltern früher mehr Nerven gekostet?

Tim Wir waren beide schwierig. Keiner von uns hat unseren Eltern mehr Kopfschmerzen bereitet als der andere, wir haben immer zusammen Mist gebaut.

Jan Man könnte vielleicht sagen, dass wir uns ein Stück weit abgewechselt haben.

Tim Jedenfalls gab es keinen Tag, an dem wir keinen Mist gebaut haben.

Wann hat das aufgehört?

Jan (lacht) Das wird noch lange nicht aufhören, sondern ist immer noch so...

Wie lief es damals in der Schule – hatten Ihre Eltern da genauso viel Arbeit mit Ihnen, weil Sie nur den Fußball im Kopf hatten?

Tim Ja, die Schule hat nachher wirklich gelitten. Wir hatten oft Gespräche mit den Lehrern, weil sie der Meinung waren, dass der Fußball nicht an erster Stelle stehen darf. Mein Bruder und ich haben das immer so ehrlich kommuniziert. Unsere Mutter hat das verstanden, aber immer gesagt, dass es auch einen Plan B geben muss.

Jan Da hat sie definitiv die Priorität draufgelegt, falls es mit dem Fußball nichts wird. Es kann immer passieren, dass man sich verletzt. Und dann braucht man ein zweites Standbein. Da hat unsere Mutter uns immer unterstützt, dafür sind wir ihr sehr dankbar. Bis jetzt haben wir sie auch nicht enttäuscht, glaube ich. Wir hatten jedenfalls nie eine Zeit, in der wir kein Geld verdient haben. Wir wohnen jetzt schon seit längerem nicht mehr zu Hause, sondern haben zusammen eine eigene Wohnung – und können immer unsere Miete bezahlen.

Was ist denn Ihr Plan B, oder anders gefragt: ihr zweites Standbein?

Tim Wir betreiben seit einem Dreivierteljahr gemeinsam eine Fußballschule für Kinder, die zwischen sechs und 13 Jahre alt sind. Das Ganze findet drei Mal pro Woche abends statt.

Wie kam es dazu?

Jan In Wuppertal gibt es die „Athletik Akademie“, in der wir selbst lange Zeit trainiert haben. Tim hatte dann die Idee, als Ergänzung eine Fußballschule anzubieten. Es ist also mehr durch Zufall entstanden.

Tim Die „Athletik Akademie“ arbeitet viel mit Fußballern und anderen Sportlern zusammen. Wir haben überlegt, wie man Kindern die Möglichkeit bieten kann, sich nicht nur athletisch weiterzuentwickeln, sondern auch fußballerisch. Wir haben uns dann zusammengesetzt, alles geplant und die Fußballschule an den Start gebracht.

Jan Wir teilen es auch gut auf. Tim kümmert sich eher um den fußballerischen Bereich, ich um den athletischen, weil ich zwischendurch immer wieder auch selbst für die „Athletik Akademie“ arbeite.

Wie ist Ihre Fußballschule angelaufen?

Tim Durch die Zusammenarbeit mit der „Athletik Akademie“ gab es dort sofort einige Leute, die Interesse hatten. Ansonsten ist viel über Empfehlungen gelaufen.

Sie hatten in der Vergangenheit beide mit Schambeinverletzungen zu kämpfen. Wie haben Sie die Zeit gemeinsam überstanden?

Tim Wir haben uns Mut zugeredet. Es war ja auch so, dass wir die Verletzungen versetzt hatten. Ich hatte meine erste Schambeinentzündung, dann hatte Jan seine und ich später meine zweite. Das Schlimmste an langen Verletzungen ist, dass sie zu Kopfsachen werden. Man verliert wichtige Zeit und denkt viel nach, zum Beispiel: Was ist, wenn ich diese Probleme immer wieder bekomme? Wir haben uns mental unterstützt und das zusammen gut hinbekommen.

Haben Sie sich externe Hilfe gesucht?

Tim Auf der einen Seite hatten wir die „Athletik Akademie“ und konnten dort unsere Schwächen stärken, um den Problemen vorzubeugen. Auf der anderen Seite – und ich bin froh, dass wir diese Entscheidung getroffen haben – haben wir mit einem Mentalcoach gearbeitet. Der hat uns geholfen, unsere Sorgen und negativen Gedanken besser zu verarbeiten. Man sieht Probleme dann nicht mehr als solche, sondern vielleicht als Herausforderung oder Test.

Jan Das Gute ist: Es geht immer wieder bergauf. Das habe ich gelernt, wenn auch auf einem schweren Weg.

Zurück zum Sportlichen: Jan, Sie spielen nach einer Station beim VfB Hilden nun beim SC West – beides Oberliga-Klubs. Mit welchem Gefühl schauen Sie auf die Regionalliga-Karriere Ihres Zwillingsbruders?

Jan Mit Stolz. Ich bin einfach stolz, dass mein Bruder es nach einer solchen Verletzung und einem Jahr Pause so weit geschafft und so viele Regionalliga-Spiele gemacht hat.

Was bedeuten Ihnen diese Worte, Tim?

Tim Es macht einen glücklich. Vor allem, wenn der eigene Bruder das sagt.

Jan, Sie hätten beim Wuppertaler SV vor zwei Jahren auch fast einen Vertrag für die Regionalliga unterschrieben. Warum kam es doch anders?

Jan Ich sollte am Ende der Saison drei Regionalliga-Spiele machen. Erstens ist dann aber die Corona-Pandemie ausgebrochen, und zweitens habe ich mir kurz vorher die Schambeinentzündung zugezogen. Hätte ich die drei Spiele gemacht, sähe die Welt heute ganz anders aus.

In der Jugend haben Sie, Tim, mehr Klubs gesehen als Ihr Bruder: angefangen vom SC Velbert, weiter über Wuppertal und Borussia Mönchengladbach bis hin zur Fortuna. Warum – und welche Station hat Sie am meisten vorangebracht?

Tim Ich habe damals gute Spiele gemacht und die Trainer der anderen Mannschaften von mir überzeugen können. Am meisten vorangebracht hat mich das Jahr beim Wuppertaler SV. Wir haben damals eine überragende Saison gespielt und waren im Viertelfinale des DFB-Pokals. Auf diese Weise habe ich gelernt, dass man manchmal einen Schritt zurückgehen muss, damit es wieder nach vorne geht.

Wie zufrieden sind Sie beide mit Ihrer aktuellen Saison?

Jan Zufrieden? Das ist immer ein schwieriges Wort, wenn man in der Abstiegsrunde der Oberliga steckt. (lacht) Mit den vergangenen Spielen kann ich aber auf jeden Fall zufrieden sein. Ich bin in diesem Jahr im Seniorenbereich angekommen, habe meine Entwicklung gemacht und viel gelernt.

Tim Ich bin sehr zufrieden, weil ich es geschafft habe, nicht verletzt zu sein. Ich habe viele, auch gute Spiele gemacht und konnte mich beweisen. Fortuna ist früh auf mich zugekommen und hat mir eine Vertragsverlängerung angeboten. Das war für mich ein zusätzliches positives Zeichen. Ich habe aber auch gemerkt, wo meine Schwächen liegen, und weiß, woran ich arbeiten muss.

Nämlich?

Tim Ich muss körperlich zulegen. Mit 21 Jahren ist man nicht da, wo man mit 25 oder 30 Jahren ist. Diese Saison hat mir gezeigt, dass ich noch einen Weg vor mir habe. Und dann schauen wir, wo es hingeht. Die U23 der Fortuna soll nicht meine letzte Station sein.

Sie sind beide Innenverteidiger. Wo ähneln und wo unterscheiden Sie sich?

Tim (überlegt) Wir können beide Fußball spielen. Bei mir ist das Spielerische vielleicht ein bisschen besser, mein Bruder ist vor allem schneller und körperlich stärker als ich.

Jan Wir spielen beide jedenfalls gerne risikoreiche Pässe in die Tiefe.

Eine Sache haben Sie nicht gemeinsam: Jan, Sie sind Rechtsfuß – im Gegensatz zu Ihrem Bruder.

Jan (lacht) Ich habe den schlechteren Part abbekommen.

Warum?

Jan Ich wäre auch sehr gerne Linksfuß. Die Bälle, die mein Bruder mit links spielt, sind nochmal besser. Es gibt auch insgesamt viel weniger Linksfüße.

Davon abgesehen: Welche Eigenschaften und Fähigkeiten hätten Sie gerne vom anderen – nicht nur auf den Fußball bezogen?

Jan Da gibt es nicht so viele, weil wir uns charakterlich sehr ähneln. In manchen Situationen würde ich gerne etwas gelassener reagieren, denn ich bin sehr impulsiv.

Tim Ich wäre dafür manchmal gerne ein bisschen impulsiver und weniger gelassen. Ein Mix wäre super. Mein Bruder ist außerdem sehr diszipliniert, was seine Ernährung angeht. Ich möchte gerne noch ein bisschen Masse draufpacken. Aber wenn ich satt bin, bin ich satt. Mein Bruder hat wirklich alles gegessen, was er kriegen konnte. (lacht) Deshalb hat er gut und schnell Muskeln aufgebaut.

Sie sind noch am Anfang Ihrer Karriere. Welche sportlichen Ziele verfolgen Sie?

Tim Ich möchte in der nächsten Saison so viele Spiele wie möglich machen, am liebsten alle – und zwar verletzungsfrei. Und dann müssen wir gucken, wie es weitergeht. Wichtig ist für mich, dass ich eine Konstanz reinbekomme und mich weiterentwickle.

Jan Ich schaue mir gerne etwas bei anderen Spielern ab und habe mit Rico Weiler beim SC West ein Vorbild. Mit ihm tausche ich mich auch über Kleinigkeiten auf dem Platz aus. Vielleicht verschaffe ich mir so einen Vorteil gegenüber anderen in meinem Alter. Rico war nämlich da, wo ich hinmöchte.

Und zwar in der Regionalliga. Da soll es für Sie also irgendwann auch hingehen?

Jan Ja, das ist mein Minimalziel. Dafür arbeite ich hart.

Wer ist denn der größere Siegertyp von Ihnen beiden, also wer hat früher öfter beim Spielen gegeneinander gewonnen: bei „Fifa“ auf der Konsole, bei Brettspielen oder auf dem Bolzplatz?

Jan Da haben wir ein Problem: Wir können beide nicht verlieren. Deshalb wurde es auf dem Fußballplatz früher auch mal blutig. Sobald wir gegeneinander spielen, gibt es keine Familie mehr. Da will jeder gewinnen. (beide lachen)

Und konkret bei „Fifa“?

Tim So etwas fragt man nicht. (lacht)

Jan Mal gewinnt er, mal gewinne ich.

Wie oft sehen Sie die Spiele des anderen?

Tim So oft wie möglich, wenn es zeitlich passt.

Jan Manchmal spielt Tim freitags oder mittwochs. Da habe ich dann Training und komme leider nicht hin. Aber ich schaue seine Spiele häufig auch im Internet.

Wie reden Sie hinterher darüber?

Tim Wir sind da sehr ehrlich zueinander und sagen uns das, was wir denken. Wenn es schlecht war, war es schlecht. Die Tipps des anderen nehmen wir gerne auf.

Sie beschäftigen sich sehr viel mit Fußball. Wann schalten Sie ab?

Jan Wir haben gemerkt, dass wir auch mal einen Tag brauchen, an dem wir uns nicht mit Fußball befassen. Dann nehmen wir uns Zeit für Freunde und Familie. Das ist auch wichtig, um den Spaß am Fußball zu behalten. Es ist unser Hobby und wir haben das Glück, damit Geld zu verdienen.

Zum Schluss ein kleiner Blick in die Glaskugel: Werden Sie in Zukunft nochmal gemeinsam auf dem Platz stehen – und zwar in derselben Mannschaft?

Jan Darüber haben wir letztens noch gesprochen. Ich denke, dass das irgendwann mal klappen wird, aber nicht in näherer Zukunft. Nochmal mit Tim zusammenzuspielen, ist schon ein kleiner Traum.

Tim Das hoffe ich auch. Irgendwann wird es wieder so sein. Das Bild von Jan und Tim Corsten in der Innenverteidigung – im gleichen Trikot – würde bestimmt gut aussehen.