Norbert Elgert: Der Meisterschmied des Schalke 04-Nachwuchses

Nachwuchstrainer : Norbert Elgert ist Schalkes Meisterschmied

Er ist seit 1996 Trainer der Schalker A-Jugend. Weil aus seiner Knappenschmiede reihenweise Stars hervorgehen, eilt Norbert Elgert ein herausragender Ruf voraus. In seiner Autobiografie erklärt er, was ihn antreibt und warum er den Verlockungen anderer Klubs bislang widerstanden hat.

Da gibt es diese eine Geschichte, die man gehört haben sollte, um Norbert Elgert besser zu verstehen. 1975, Max Merkel, einer der berüchtigtsten Schleifer der Bundesliga-Geschichte, war Trainer beim FC Schalke 04 und hatte einem bis dahin völlig unbekannten 18-Jährigen die ersten Bundesliga-Minuten vergönnt. Doch nach nur drei Spielen war nichts mehr wie zuvor. Elgert wurde ein angeborener Nierenschaden diagnostiziert, er musste operiert werden, wollte sich nicht recht erholen. Vor lauter Frust riss sich Elgert schließlich im Krankenhaus von Kabeln und Schläuchen los, türmte in die nächste Kneipe und trank, so viel der schwache Körper aushielt – alles ausgesprochen lebensgefährlich. Sein Zimmerkollege riet seiner Frau Conny bereits eindringlich, einen solch unverantwortlichen Chaoten schleunigst zu verlassen. Stattdessen steckte sie ihn wieder ins Bett – sturzbetrunken und voller Urin. Elgert überlebte die Eskapade, die zwei seiner großen Lebensthemen verbindet. Sein physisches Handicap, das ihm stets mehr Arbeit abverlangte als den anderen und trotz dessen er es zum Bundesligaspieler schaffte. Und natürlich Conny. Die Ehe der Elgerts ist mit symbiotisch kaum hinreichend beschrieben. Nach seiner Profikarriere erlitt er beim Versuch, sich als Betreiber eines Fitnessstudios selbständig zu machen, finanziell Schiffbruch. Conny zog mit ihm in eine kleinere Wohnung und sparte am Nötigsten. Als es 2003 nach seiner Entlassung als Co-Trainer der Schalker Profimannschaft an der Seite von Frank Neubarth mal wieder gerummst hatte, stand Conny unverbrüchlich an Norberts Seite. Wie zufällig verfällt Elgerts Autobiografie an dieser Stelle sogar in den Plural. Nicht er – nein – SIE besuchten damals fast täglich Fußballspiele auf den Plätzen des Ruhrgebiets, SIE wollten sich auf dem Laufenden halten, SIE wollten sich zeigen und für mögliche Arbeitgeber ins Gespräch bringen. Wenn Norbert Elgert von seiner besseren Hälfte spricht, darf man das wörtlich nehmen.

Mithin passt das zu dem Teamgedanken, der sein Wirken als wohl erfolgreichster deutscher Fußball-Nachwuchstrainer kennzeichnet. Seine Autobiografie quillt nahezu über vor Kalendersprüchen, Alltagsweisheiten und zum Teil auch sattsam bekannten Durchhalteparolen. Statt über Taktik und Trainingslehre referiert Elgert über Autosuggestion und Eigenmotivation, zitiert Psychologen und Gurus. „Erfolg hat nur drei Buchstaben: T-U-N.“ „Hinfallen ist keine Schande, aber liegenbleiben darfst du nicht.“ „Gib niemals auf, es sei denn Briefe bei der Post.“ Elgerts Tochter verrät, dass der Vater wenig von Tätowierungen hält. Es ist aber keineswegs auszuschließen, dass sich seine Schützlinge einige dieser Sprüche auf der Haut haben verewigen lassen.

Zweifellos beeindruckend ist jedoch, wie seine Ansprache bei den Spielern verfängt. Der Erfolg bei den 17- bis 19-jährigen Hochbegabten, mit denen er es täglich zu tun hat, liegt zum Teil wohl bereits in seiner charismatischen Erscheinung begründet. Die furchteinflößend kraftvolle Mähne matt ergraut, unter den wild wuchernden Augenbrauen glitzern stahlblaue Augen hinter einer vorzugsweise randlosen Brille auf holzschnittartiger Nase. Sein muskulöser Hals scheint wenig von der Kraft des früheren Profis verloren zu haben, der sich nach seiner Karriere zunächst dem Kraftsport widmete. Stets umspielt von einem Kreuz an goldener Panzerkette, die unter den offenen Knöpfen seines Polohemds hervorlugt. Ein Rebell und Bücherwurm, Querdenker und Pragmatiker, Sprücheklopfer, praktizierender Christ. Auf Kohle geboren und mit Emscherwasser getauft, sagt Elgert über Elgert. Eine Floskel, die im Ruhrgebiet eine Reihe von Schlüsselattributen mitmeint – allesamt positiv besetzt. Typen wie Elgert scheinen mit Ballonseideanzug bereits ab Werk ausgeliefert zu werden. Seines stand in Gelsenkirchen-Ückendorf. Der Phänotyp des Fußballtrainers aus der Zeit, als die Computer noch nicht tragbar waren. „Norbert Elgert ist ein Typ Trainer, wie ihn vielleicht nur das Ruhrgebiet hervorbringen kann“, sagt Benedikt Höwedes.

Trotz seiner von vielen Härten und wenig Perspektivwechseln geprägten Kindheit als Sohn eines alkoholkranken Bezirksschornsteinfegers ist Elgert dem Milieu seiner Heimat in vielerlei Hinsicht entwachsen. Auch wenn sein Arbeits- und Lebensmittelpunkt nur wenige Kilometer fern der alten Heimat stattfindet, hat Elgert sich emanzipiert, auch weil er immer neue Gedanken und Blickwinkel auf das Leben zugelassen hat. Er selbst hat nie in London gespielt, in Paris oder Madrid gearbeitet. Doch mitten in Gelsenkirchen, im Milieu des gescheiterten Strukturwandels, bildet Elgert seit Jahren so erfolgreich internationale Spitzenkräfte aus wie kaum ein anderer Arbeitgeber. Leroy Sane, Manuel Neuer, Mesut Özil, Benedikt Höwedes, Ralf Fährmann, Thilo Kehrer, Sead Kolasinac – die Knappenschmiede ist kein Etikettenschwindel. Die Verlässlichkeit mit der die Schalker Nachwuchsabteilung neue Stars hervorbringt ist frappierend, mithin in einem Klub, der nun für vieles steht, gewiss aber nicht für Konstanz oder ein gedeihliches Klima für langfristig angelegtes Arbeiten. Es ist daher kaum hoch genug zu bewerten, wie es der Schalker Nachwuchsabteilung gelingt, schon beinahe zuverlässig den Topspielermarkt mit neuen hoffnungsvollen Talenten zu beliefern.

Doch warum arbeitet so einer noch immer als U19-Trainer? An Angeboten mangelte es jedenfalls nicht. Allein schon aus dem eigenen Hause. „Zweimal haben wir darüber nachgedacht, Norbert Elgert zum Cheftrainer auf Schalke zu machen. Nach dem Aus von Mirko Slomka und nach der Trennung von Roberto di Matteo. Beide Male gab es nicht die geringste Chance, ihn von dieser Idee zu überzeugen. Er hatte sich viel zu sehr seiner Nachwuchs-Mission verschrieben“, schreibt Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies. Seit knapp 23 Jahren ist Norbert Elgert nun Erster Knappenschmied beim FC Schalke. Wirklich konkret über einen Abgang will er selbst nur einmal nachgedacht haben. Als 2016 mit Christian Heidel ein neuer Manager in Gelsenkirchen anheuerte, stieß ihm der abermalige Umbruch sauer auf. Als der FC Bayern darüber hellhörig wurde und um Elgert buhlte, drohte Tönnies seinem Freund, dem Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß, gar mit dem Ende ihrer Freundschaft. Elgert blieb. Sein Vertrag läuft seither unbefristet.

Seit knapp 23 Jahren nun steht Elgert gewissermaßen an der Spitze der Wertschöpfungskette im königsblauen Nachwuchs. Rund 170 Millionen Euro verdiente der Bundesligist in weniger als zehn Jahren durch den Verkauf von Talenten aus dem eigenen Nachwuchs. Das allein macht noch keinen guten Trainer. Schließlich haben auch nur wenige A-Jugend-Trainer in Deutschland einen vergleichbaren Fundus an Talenten zur Verfügung. Elgert ist weit entfernt davon, sich mit den Lorbeeren zu schmücken, auch wenn dazu allein die Namen seiner ehemaligen Schützlinge reichen würden. Er versteht sich vielmehr vorzüglich darauf, an den richtigen Stellen zu schweigen. Am stärksten ist seine Biografie oft dann, wenn die anderen reden. Özil etwa, nennt Elgert den „absoluten Schlüsseltrainer“ seiner Karriere. „Ich habe mich so stark gefühlt wie ein Löwe, so schnell wie ein Leopard, so ballsicher wie Zinedine Zidane“, sagt Özil, als er sich an eine von Elgerts Kabinenansprachen erinnert. Der hatte dabei nicht viel mehr getan, als zwei goldene Hanteln zu präsentieren, die er bei einem Kraftwettbewerb auf einer Fitnessmesse gewonnen hatte.

Leroy Sané beschreibt Elgert als „Meister des gepflegten Arschtritts“ - und ist ihm dafür dankbar. Fast jeder seiner Ehemaligen kann einen dieser Momente beschreiben, in denen sie sich anfangs ungerecht behandelt fühlten, um später an der Kritik des Trainers zu wachsen. Noch 2017 beschreibt Elgert eine Begegnung mit dem Star von Manchester City, der verschämt sein Handgelenk vor ihm versteckte, weil er sich eine teure Uhr geleistet hatte. Der Wertekanon dieses Fußballlehrers wirkt weit über Klub- und Altersgrenzen hinaus. Joel Matip vom FC Liverpool sagt: „Wenn wir Ex-Elgerter heute über ihn sprechen, erklären uns wahrscheinlich viele Zuhörer für bescheuert, wie sehr wir noch von ihm schwärmen. Vielleicht gibt es auch den einen oder anderen, der es nicht mehr hören kann. Aber das ändert sich, sobald man Norbert Elgert persönlich erlebt hat.“ Vielleicht liegt sein größtes Geheimnis darin, dass er seine Spieler nicht auf den Fußball, sondern aufs Leben vorbereitet. „Wenn einer unserer Jungs in einer anderen Branche erfolgreich wird, macht mich das genauso stolz wie eine Profikarriere bei Schalke, Real Madrid, Bayern München, Arsenal London oder Juventus Turin.“ Man ist versucht, ihm zu glauben. Nur sein größtes Kunststück ist Elgert bislang noch nicht gelungen: zu erklären, wie der FC Schalke ihn eines Tages ersetzen soll.

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