Offener Brief an das Fußballsorgenkind Lieber FC Schalke, verlass uns nicht!

Meinung | Düsseldorf · So schlimm wie im Frühjahr 2024 stand es noch nie um Schalke. Der große Traditionsverein wankt bedenklich. Es droht der Sturz ins Ungewisse. Ohne Königsblau würde aber eine Farbe fehlen, die nirgendwo anders so faszinierend schillert wie in Gelsenkirchen. Ein offener Brief an Deutschlands Fußballsorgenkind.

 Schalker Fans entrollen ein großes Transparent beim Spiel in Kaiserslautern.

Schalker Fans entrollen ein großes Transparent beim Spiel in Kaiserslautern.

Foto: dpa/Uwe Anspach

Lieber FC Schalke,

Du hast Dich verändert. Alle sagen das. Und alle, das sind viele. Keinem anderen Verein sind 2023 mehr Menschen quer durch Deutschland hinterhergefahren. Zum letzten Heimspiel kamen über 60.000. Du erinnerst Dich, fast auf den Tag genau fünf Jahre früher kam noch Manchester City in die Arena. Diesmal war der SV Wehen Wiesbaden in der Stadt, und Zweitliga-Abstiegskampf stand auf dem Programm. Es kamen mehr Zuschauer als damals in der Champions League und sahen eine Darbietung nah an strafrechtlicher Relevanz. Zumindest also keine Produktenttäuschung. In der Vorwoche hattest Du in Kiel schließlich noch flehentlich dafür plädiert, lieber Einwegflaschen zu sammeln oder barfuß über Legosteine nach Dortmund zu laufen, als sich mit dieser Aufführung das nächste Wochenende zu ruinieren. Doch die Menschen können nicht von Dir lassen. Im gründlichen Gegenteil.

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Foto: dpa/David Inderlied

Früher gab’s vergleichbare Ware unter der Ladentheke im Privatfernsehen. Heute werden dort auf den schmuddeligen Sendeplätzen vor allem Absolventen hiesiger Sonnen-, Kosmetik, Fitness- und Tattoostudios vorgeführt, um sich wechselseitiger Kopulationsbereitschaft zu versichern. Wer noch so richtig unmoralisch gaffen will, wird bei S04 besser versorgt als bei RTL. Du bist das Trash-TV, vor dem sich die Generation Twitch und TikTok in seltener Einvernehmlichkeit mit denen versammelt, die noch vom Uefa-Cup-Sieg 1997 berichten können, der heute klingt wie eine Geschichte aus der Bibel. Dein Gesprächsstoff macht süchtig und Du sorgst selbst an Deinen schlechten Tagen für Nachschub. Eigentlich sogar gerade dann. Ob in der nächsten Woche noch Karel Geraerts, Jürgen Klinsmann oder Trompeten-Willy in der Coachingzone steht? Für alle gilt: „Du bist es ... vielleicht“. Sicher sein kann man sich nur, dass immer eine nächste Episode kommt. Selbst wenn Du in Flammen stehst, taugst Du so noch als Lagerfeuer.

Dass Deine große Seifenoper ein gutes Ende nimmt, wagt inzwischen aber kaum noch jemand anzunehmen. Dazu müsste ja auch erstmal jemand kommen, der in Deiner Geschichte den Helden spielt. Klublegende Marc Wilmots, bei dem man sich nach seiner Rückkehr in der Kostümierung als Sportdirektor zwischendurch versichern muss, ob er jetzt eigentlich für oder gegen Dich arbeitet, könnte äußerlich zwar ein gemeinsames Kind von Rudi Assauer und Huub Stevens sein, ist aber 2024 nicht mehr als eine ergraute Erinnerung an die schier unglaublich gute alte Zeit.

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Die Rückschau auf Deine Erfolge bedeutet für die neuen starken Leute aber mehr Last als Laune. Aufsichtsratschef Axel Hefer, Vorstandsvorsitzender Matthias Tillmann und Finanzchefin Christina Rühl-Hamers bilden eine Vereinsführung aus verunsicherten Auszubildenden. Traust Du diesen Leuten zu, Dich wieder hinzukriegen? Um neues Geld kümmert sich inzwischen eine Agentur, die mit ihren Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle eingezogen ist. Das riecht eher nach Abwicklung als nach Aufbruch. Du bist gründlich pleite. Warum sollte es Dir anders gehen als der Stadt, aus der Du kommst und vielen Menschen, die dort ein aus einem entfernten Blickwinkel manchmal etwas schales Leben absolvieren. Sie lieben Dich auch dafür, dass Du vollendet unperfekt bist.

Da bist Du Dir treu geblieben: am besten kann man Dich über Deine Misserfolge verstehen. Die Meisterschaft, die Du 2001 so glorios verpasst hast, wie das wohl keinem zweiten Klub gelungen wäre und dabei das Scheitern zu einer Kunstform umgedeutet hast. Ein Revierderby, das unentschieden endete, aber im königsblauen Kosmos nachhallt wie ein Jahrhundertsieg. Schalke-Fan wurde man noch nie, weil es so sexy war. Aber chancenlose Auftritte gegen Magdeburg, Kiel oder Paderborn dürften auch in Gelsenkirchen geborene Kinder inzwischen wirksam davon abhalten, auf dem Schulhof Königsblau zu tragen. Wer sollen also die Menschen sein, die sich in 20, 30, 50 Jahren über Deine Niederlagen ärgern und Dir an den Hals wollen? Hältst Du überhaupt noch so lange durch? Entweder Schalke schafft mich oder ich schaffe Schalke, hat Rudi Assauer gesagt. Am langen Ende sind sie alle irgendwie an Dir gescheitert.

Viele Menschen schreiben gerade, dass sie angefangen haben aufzuhören. Ihre Herzen werden leicht, sie lassen los. Wenn die unverbrüchlichen Fans den Profis zum x-ten Mal die Unterstützung verweigern, sickert zusehends Gleichgültigkeit in die nur noch halbherzig vorgetragene Wut. Nach etlichen Zusammenbrüchen, Tiefschlägen und Peinlichkeiten berichten die Menschen in den Social-Media-Selbsthilfezirkeln von Resignation und Akzeptanz. Ganz klammheimlich, und das wirst Du nicht gerne lesen, wünschen sich manche sogar, dass alles noch ein bisschen schlimmer kommt. Dass die verbliebenen Spiele in der 2. Bundesliga verloren werden. Dass die Drittliga-Lizenz platzt. Auf einen Neustart irgendwo ganz anders oder einfach ein Ende.

Auch das, lieber FC Schalke, ist aber nur eine Phase. Die 60.000 im Stadion, die 180.000 Mitglieder, die Millionen Fans warten eigentlich nur auf das Signal, Dir wieder auf die Beine zu helfen. Allein, ihre Währung gilt nicht viel. „Tausend Trainer schon verschlissen, Spieler kommen, Spieler geh‘n. Doch was stets bleibt, sind wir Schalker, die immer treu zur Mannschaft steh‘n“, hörte man in der Kurve zuletzt beinahe in Dauerschleife. Ein trotziger Evergreen aus dem Grenzland zwischen Machtlosigkeit und Ohnmacht.

Die Menschen kleben weiter an Deinen Lippen, weil die Geschichte, die Du ihnen erzählst, kein letztes Kapitel kennt. Sie brennen darauf zu wissen, wie es weitergeht und nicht mal Deine ärgsten Gegner wünschen sich ernsthaft, dass es mit Dir zu Ende geht. Und sei es nur, weil Du Dich an das erste Grundgesetz der Unterhaltung stets gehalten hast: Du warst niemals langweilig.

Diesmal sieht es allerdings so aus, als könnte es Dir wirklich an den Kragen gehen. St. Pauli, Paderborn, Hertha BSC, Karlsruher SC - zu oft wirkten die kommenden Gegner zuletzt meilenweit enteilt, als dass in diesen Spielen mit viel zu rechnen wäre. Die 3. Liga ist aber nur vier Punkte entfernt - und möglicherweise noch zwölf Zweitligaspiele. Sollte es dazu kommen, könnte Deinen zahlreichen sportlichen schließlich auch ein wirtschaftlicher Insolvenzantrag folgen. Du brauchst jetzt echt ein königsblaues Wunder. Aber für eine Überraschung warst Du ja schon immer gut.

Glück auf!

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