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Europa League: Warum die Bundesliga so eine schlechte Bilanz hat

Cup der Verlierer : Warum die Bundesliga keine Europa League kann

Bundesliga und Europa League – es bleibt ein großes Missverständnis. Seit 2009 gibt es den Wettbewerb, und noch kein deutsches Team kam auch nur ins Endspiel. Es fällt zunehmend schwer, dahinter Zufall zu vermuten.

Die Corona-Pandemie hat den Bundesliga-Spielplan auf links gedreht und durchgeschleudert. Alles fühlt sich an wie ein zu heiß gewaschener Pullover, an dem man ständig herumzuppelt, um ihn wieder in die gewohnte Form zu ziehen. Ein Blick auf den Terminkalender versichert aber: Trotz aller Unebenheiten wird es auch in dieser Bundesliga-Saison wieder dann spannend, wenn der Pulli eigentlich im Schrank bleiben kann, weil das Wetter wieder besser wird. Spannung ist in der Bundesliga jedoch ein dehnbarer Begriff. Der Rekordmeister aus München staubte in den vergangenen Jahren sogar Titel ab, von denen eine größere Öffentlichkeit erst dadurch erfuhr, dass die Bayern sie gewonnen haben. Ein Publikumspreis für herausragende Dramaturgie war nicht darunter. Um Spannung in der Bundesliga müssten sich ja genaugenommen auch die Konkurrenten kümmern, was aber so absehbar misslang, dass das Titelrennen kein gutes Verkaufsargument mehr ist. Im Frühjahr richtet sich das Interesse der Beobachter daher zunehmend auf den Abstiegskampf und die Qualifikation für das, was man „internationales Geschäft“ nennt.

Was die Champions League angeht, leuchtet diese Nomenklatur vollkommen ein. Für den Großteil der Stammgäste in diesem elitären Zirkel bedeutet die Königsklasse lukrative Bundesjugendspiele. Die Titelchancen sind für die meisten Starter zu vernachlässigen. Allein für die Teilnehmerurkunde gibt es aber über 15 Millionen Euro. Eine Klasse tiefer flaut die Leidenschaft bereits deutlich ab, dennoch bleibt es das erklärte Ziel der halben Liga, zumindest in der Europa League zu landen. Beim Blick auf die Bilanz der deutschen Teilnehmer könnte man die Frage durchaus mal stellen: warum eigentlich?

Der gesamte Marktwert des norwegischen Klubs Molde FK ist mit gut 14 Millionen Euro laut dem Portal transfermarkt.de ziemlich genauso hoch wie der von Hoffenheims Diadie Samassekou. In Hin- und Rückspiel des Europa-League-Sechzehntelfinales gewann Molde zusammengerechnet mit 5:3 gegen die TSG. Das klingt wie ein kleines Wunder. An schlechten Vorbildern mangelt es Hoffenheim allerdings nicht. Parallel verabschiedete sich Bayer Leverkusen mit einem Gesamtergebnis von 3:6 nach zwei Spielen und einer diskreten 0:2-Heimniederlage gegen die international wenig beleumundeten Young Boys Bern ebenfalls durch die Hintertür aus dem Wettbewerb. „Ich war noch nie im Achtelfinale. Mit Hertha haben wir es nicht geschafft, uns dafür zu qualifizieren“, sagte der frühere Berliner und heutige Berner Fabian Lustenberger anschließend bei Dazn und stocherte dabei gut gelaunt in einer offenen Wunde.

Bundesliga und Europa League führen seit der Einführung des Wettbewerbs 2008 eine toxische Beziehung. Das peinliche und nach allgemeinem Dafürhalten absolut vermeidbare Aus von Bayer Leverkusen und der TSG Hoffenheim ist dafür nur ein Symptom. Selbst in dieser kümmerlichen Bilanz bleibt sogar unerwähnt, dass der VfL Wolfsburg bereits in der Qualifikation zur Europa League an der Hürde AEK Athen scheiterte. Ob Luhansk, Basaksehir oder dereinst Anschi Machatschkala - die Gegner sind auf beiden Seiten vielfältig, das Muster aber wiederkehrend: die Bundesliga kann in der Europa League keinen Blumentopf gewinnen.

Der Wahrheit die Ehre: Nicht immer scheiterten die deutschen Vertreter so kläglich wie in diesem Jahr. Oftmals waren es Gegner aus der international „eineinhalbten“ Reihe wie Inter Mailand, Amsterdam, Donezk oder Lazio Rom, die sich gegen Mönchengladbach, Schalke, Wolfsburg oder Stuttgart durchsetzten. Mitunter mischen in der K.o.-Phase ja auch durchaus Großkaliber wie Atletico Madrid oder der FC Liverpool mit. Dennoch lässt sich höchstens teilweise mit der Qualität der Gegner erklären, dass nach elf Jahren zwei Halbfinal-Niederlagen (Hamburger SV 2010 gegen Fulham und Eintracht Frankfurt 2019 gegen Chelsea) die größten Erfolge deutscher Klubs sind. Vor den Fernsehgeräten in Nordmazedonien, Belarus und der Ukraine dürfte inzwischen Jubel ausbrechen, wenn in Nyon ein Bundesliga-Klub aus der Loskugel gezogen wird.

Es verfestigt sich ein Muster und eine fade Ahnung, dass das Übel ganz woanders wurzeln könnte. Der Gipfel des diesjährigen Klamauks war genau einen Tag nach Aschermittwoch erreicht, als Hoffenheim im spanischen Villarreal zum Hinspiel gegen Molde antrat. Man darf nicht nur aufgrund der Entfernung annehmen, dass die meisten Fans dem Corona-Wirrwarr nicht mehr folgen konnten. Dieser Spaß war nicht nur letztlich vergebens für die Kraichgauer, er kostet nebenbei eine Menge Kraft, Organisationsaufwand und im schlimmsten Fall sogar noch Prestige und Geld. Wer also gar nicht vorhat, in der Europa League weit zu kommen, sollte sich diesen Luxus vielleicht gar nicht erst erlauben. Neben mitunter wirklich weiten Reisen gehen die Donnerstags-Ausflüge schließlich meist mit ungeliebten Sonntagsterminen in der Bundesliga einher. Im schlimmsten Fall droht sogar noch ein Imageschaden. Für viele internationale Zuschauer werden zwei Niederlagen gegen Bern das einzige sein, was sie für längere Zeit von Bayer Leverkusen zu sehen bekommen.

All dies wäre zu verkraften, wenn - man ahnt es - die Bezahlung stimmte. Man mag die Uefa für generös halten, wenn man betrachtet, dass sie allein für die Teilnahme an der Europa League etwas weniger als drei Millionen Euro überweist. Das ändert sich womöglich, wenn man weiß, dass es in der Champions League über 15 Millionen allein fürs Dabeisein sind. Wer in der Europa League diese Summe einspielen möchte, muss schon ins Finale kommen. Insgesamt gibt es für den Sieger an Prämien gerade mal gute 21 Millionen Euro - in der Champions League sind es 81. Für den Einzug ins Achtelfinale freuen sich Bern und Molde über 1,1 Millionen Euro - in der Champions League gibt es dafür 9,5. Selbst wer die Europa League regelmäßig gewinnt, wie vom FC Sevilla erfolgreich vorgemacht, kann dadurch nicht mit Champions-League-Achtelfinalisten mithalten. Der Wettbewerb den Franz Beckenbauer schon als „Cup der Verlierer“ abqualifizierte, als er noch Uefa-Cup hieß, mag als sportliche Simulation der Champions League taugen. Für Klubs, die hier nur zähneknirschend antreten, gibt es aber wenig zu gewinnen.

Welcher Reiz diesem Wettbewerb trotzdem abzugewinnen ist, hat zuletzt Eintracht Frankfurt vorgemacht, die getragen von ihren Fans eine Saison durch Europa getanzt ist - auch wenn im Halbfinale der Geldadel vom FC Chelsea den humorlosen Türsteher vor der Endspiel-Party gab. Oder der FC Sevilla, der in der Europa League die Chance gesehen hat, die Pokalvitrine in Zeiten zu füllen, in denen das in anderen Wettbewerben kaum möglich erscheint. Wer der Europa League nichts Immaterielles abgewinnen kann, der sollte es wohl besser so halten wie der VfL Wolfsburg, der sich bereits in der Qualifikation verabschiedete und nun aussichtsreich um die Champions League kämpft. Der Bundesliga wäre zu wünschen, dass sich im kommenden Jahr wenigstens ein Klub qualifiziert, der hier Geschichte schreiben will. Nach jetzigem Stand wäre das Borussia Dortmund - vermutlich wieder eine Fehlbesetzung. Für Bayer Leverkusen würde es sogar in die neu geschaffene European Conference League gehen - die dann dritte Liga des internationalen Wettbewerbs. Ohne zuviel vorwegzunehmen - dort wird es für die Bundesliga-Klubs nicht attraktiver. Aber das ist eine andere Geschichte.