Europa League: Bayer 04 Leverkusen verliert beim FC Zürich

Zürich - Bayer 3:2 : Schwache Werkself verliert in Zürich

Die 2:3-Niederlage in der Schweiz ist im Kampf um Platz eins in Gruppe A der Europa League ein empfindlicher Rückschlag für das Team von Trainer Heiko Herrlich, der nach der über weite Strecken dürftigen Leistung mehr denn je unter Druck stehen dürfte.

Ein Wort sollte Heiko Herrlich unter der Woche nachdenklich gestimmt haben: „noch“. Damit schränkte Sportgeschäftsführer Rudi Völler die Aussage über das Vertrauen in den Trainer der Werkself ein, der nach dem glücklichen 2:2 gegen Hannover am vergangenen Spieltag umstrittener denn je ist und dringend Siege braucht, um seine Kritiker zumindest leiser werden zu lassen.

Das Topspiel in Gruppe A der Europa League beim FC Zürich taugt dazu nicht. Die Werkself leistete sich eine indiskutable erste Halbzeit und reist letztlich mit einer verdienten 2:3 (0:1)-Niederlage gegen den krassen Außenseiter aus der Schweiz zurück ins Rheinland. Das auf das Trainervertrauen bezogene „noch“ dürfte nun noch lauter werden.

„Wir müssen nicht drumherum reden. Das ist einfach viel zu wenig, was wir abrufen“, sagte Kai Havertz. "Im Moment machen wir alles falsch, was wir falsch machen können. Wir haben so ein bisschen die Scheiße am Fuß.“ Jetzt gelte es, sich als Team zu sammeln und am Sonntag in Bremen Gas zu geben. „Jeder muss für den anderen da sein. Jeder Spieler hat noch Potenzial nach oben.“

Herrlich hatte Rotation angekündigt und nahm mit Blick auf das Auswärtsspiel in Bremen am Sonntag (18 Uhr) fünf Veränderungen in der Startelf vor: Aleksandar Dragovic (für den nicht mitgereisten Jonathan Tah), Tin Jedvaj (Mitchell Weiser), Karim Bellarabi (Julian Brandt) und Isaac Kiese Thelin (Kevin Volland) und Leon Bailey (Lucas Alario) rückten in die Anfangsformation.

Der große Favorit aus dem Rheinland begann fahrig. Nach einem Steilpass tauche plötzlich Toni Domgjoni völlig frei vor Lukas Hradecky auf, doch der Finne parierte den Schuss mit dem Fuß (3.). Ansonsten zeigte Herrlichs Team viele Fehlpässe und Schludrigkeiten im Spielaufbau. Zürich konnte aus den Patzern kein Kapital schlagen. Ein ebenso eigensinniger wie harmloser Abschluss von Bailey war noch die bis dahin erwähnenswerteste Gelegenheit für die Gäste (17.).

Die Hausherren hingegen hatten rund zehn Minuten später die nächste richtig gute Gelegenheit. Nach einem feinen Spielzug war plötzlich Stephen Pius Odey frei vor Hradeckys Tor, doch erneut war Bayers Nummer eins voll auf der Höhe des Geschehens und parierte stark (27.). Kurz danach traf Benjamin Kololli aus ungünstigem Winkel nur das Außennetz (30.).

Bayer wirkte müde, mutlos und uninspiriert. Die Angst der Spieler, einen womöglich entscheidenden Fehler zu machen, war spürbar im Stadion Letzigrund mit seiner Tartanbahn, auf der 1960 Armin Hary erstmals die 100 Meter in 10,0 Sekunden lief – nicht die einzige Bestmarke in der Leichtahtletik, die auf der altehrwürdigen Sportstätte geknackt wurde.

Leverkusens fußballerischer Magerkost hielt bis zum Halbzeitpfiff an. Bailey leistete sich allerdings noch ein übles, höchstens durch Frust erklärbares Foul gegen Jagne Pa Modou, für das er mit der Gelben Karte noch gut bedient war (43.). Eine Minute später erzielte Zürichs Antonio Marchesano die verdiente Führung (44.). Kevin Ruegg tunnelte auf der linken Seite Sven Bender, legte scharf und flach nach innen, wo der Torschütze vergleichsweise locker einnetzen konnte. So einfach kann Fußball sein.

Ein Rückstand zur Pause gegen überlegene Züricher – das hatten wohl nur die größten Pessismisten unter den rund 800 mitgereisten Fans der Werkself erwartet. „Herrlich raus!“-Rufe waren zu dem Zeitpunkt dennoch nicht zu hören im mit rund 12.000 Zuschauern nicht annähernd ausverkauften Züricher Stadion.

Nach dem Wiederanpfiff begann die kurze Gala von Karim Bellarabi, der schon gegen Hannover in letzter Sekunde zum 2:2 traf. Das 1:1 erzielte er aus kurzer Distanz mit einem wuchtigen Schuss unter den Querbalken – allerdings aus abseitsverdächtiger Position nach Pass von Kai Havertz (50.). Nur drei Minuten war es die gleiche Konstellation, die beinahe in gleicher Manier das 2:1 brachte (53.).

Die Freude über die Führung währte indes nicht lange, denn Toni Domgjoni war nach einer knappen Stunde mit dem Ausgleich zur Stelle (59.). Sven Bender fälschte den Schuss aus halblinker Position noch entscheidend ab. Danach versandete die Partie zunächst wieder. Zwingende Torchancen waren auf beiden Seiten Mangelware.

Odey war es dann, der seine Farben erneut in Führung brachte, sehr zur Freude der reichlich mit Pyrotechnik ausgestatteten Heimfans (78.). Diesmal blieb der mögliche Last-Minute-Ausgleich für Leverkusen aus, weil Schiedsrichter Aliyar Aghayev (Aserbaidschan) das Kopfballtor von Sven Bender nach einer Ecke zum entsetzen der Leverkusener Bank abpfiff. Somit führt der FC Zürich die Gruppe A mit neun Punkten an, gefolgt von Bayer 04 mit sechs Zählern.

„Selbstvertrauen tanken“ war vor dem Abflug in die Schweiz der Wunsch von Völler. Dieses Vorhaben ist vor dem wichtigen Auswärtsspiel am kommenden Sonntag in Bremen gründlich misslungen – und Herrlich steht mehr denn je in der Kritik.

Statistik

Zürich: Brecher - Rüegg, Bangura, Maxsö, Pa Modou - Domgjoni, Kryeziu - Winter (58. Khelifi), Marchesano (90. Nef), Kololli (79. Rodriguez) - Odey. - Trainer: Magnin

Leverkusen: Hradecky - Lars Bender, Jedvaj, Sven Bender, Wendell - Kohr, Dragovic (46. Weiser) - Bellarabi, Bailey (79. Brandt) - Havertz, Kiese Thelin (46. Volland). - Trainer: Herrlich

Schiedsrichter: Alijar Aghajew (Aserbaidschan)

Tore: 1:0 Marchesano (44.), 1:1 Bellarabi (49.), 1:2 Bellarabi (53.), 2:2 Domgjoni (59.), 3:2 Odey (78.)

Zuschauer: 12.427

Gelbe Karten: Pa Modou, Rodriguez (2) - Bailey, Lars Bender (2)

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