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Es wie bei George Orwell: Fußballer sind etwas Besonderes

Kolumne „Anstoß“ : Alle Menschen sind gleich, Fußballer sind gleicher

Eine Gesellschaft von Gleichen gibt es eigentlich nicht. In unserer Gesellschaft spielen die Profifußballer eine herausgehobene Rolle. Aber in einer Hinsicht sind in der Corona-Krise alle gleich: Sie haben nur ein Leben.

Die Menschheit verdankt dem englischen Schriftsteller George Orwell eine Reihe wirklich visionärer Bücher. „1984“ zum Beispiel, den Blick in einen düsteren Überwachungsstaat. Oder „Farm der Tiere“, eine Parabel über die Illusion einer demokratischen Gemeinschaft unter Gleichen. Orwell fasste die ganze Vergeblichkeit in einen Satz, der am Ende als einziges Gebot in der von Tieren selbstverwalteten Farm steht: „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.“

Daran musste ich denken, als ich las, was der bestimmt sehr ehrenwerte Jürgen Klopp in seiner Eigenschaft als Trainer des großen englischen Klubs FC Liverpool zur Lage der Welt in der Corona-Krise zu sagen hat. Klopp erklärte: „Die Natur zeigt, dass wir alle gleich sind.“ Was er sagen will: Die Natur zeigt, dass wir am Ende alle sterbliche Wesen sind. Das ist eine Feststellung, die niemand bestreiten kann. Und es ist vielleicht tatsächlich eine gemeinsame Einsicht, die im Augenblick die ganze Gesellschaft ein wenig nachdenklicher macht – sogar die Gesellschaft der Profifußballer. Gut so.

Es ist allerdings anzunehmen, dass auch Klopp seinen Orwell kennt. Schließlich musste der spätere Trainer auf seinem Weg ins Studium der Sportwissenschaften die Schulbank drücken und die Allgemeine Hochschulreife erwerben. Orwells Arbeiten sind ihm ganz sicher über den schulischen Weg bis zum Abitur gelaufen.

Dass manche Tiere gleicher sind, musste er aber nicht an der Schule lernen. Das ist eine Erfahrung, die das Leben so mit sich bringt. Gerade im Sport. Denn es wird neuerdings zwar gern von flachen Hierarchien geschwärmt, aber die Aufteilung in jene, die zu sagen haben, und andere, die folgen müssen, ist in den Vereinsstrukturen ebenso fest verankert wie in den Machtverhältnissen innerhalb einer (Profi-)Mannschaft.

Orwells Satz passt aber auch wunderbar auf die ganze Gesellschaft in Zeiten der Corona-Krise. Es steht nämlich fest, dass Profifußballer schon immer gleicher waren als Amateurfußballer und auch gleicher als all die anderen, die einem normalen Beruf nachgehen. Das liegt erstens am Einkommen. In den einsamen Höhen, in denen sich auch Jürgen Klopp mit seinem Team bewegt, werden viele Millionen verdient. Und es schmerzt wirklich niemanden an der Spitze der Einkommens-Pyramide, wenn er nun teils erzwungen (FC Barcelona), teils freiwillig (Borussia Mönchengladbach) jenen ein Stück vom Kuchen abschneidet, die in Not geraten könnten.

Zweitens liegt es daran, dass die Mitglieder des großen Zirkus Profifußball als Artisten weit über sich selbst hinausragen in der gesellschaftlichen Bedeutung. Sie sind Stars, angehimmelte Wesen. Und weil sie das sind, wird ihnen sehr aufmerksam zugehört. Klopps Satz wird deshalb dankbar aufgenommen, gerade weil jeder weiß, dass er von weit oben, von einem Gleicheren kommt, der sich ehrlich gleich macht in dieser besonderen Situation. Dass er nicht gleich ist, spielt keine Rolle.

Und dass Klopp die Sache offenbar von ihrem (biologischen) Ende her denkt, geht sogar ein bisschen über Orwell hinaus. Der Schriftsteller betreibt Gesellschaftskritik, der Fußball-Trainer Philosophie. Ausnahmsweise mal im Wortsinn und nicht als Umschreibung für die Vorliebe zu einer bestimmten Spielweise. Dafür muss man Klopp dankbar sein.