Zehnjähriger Flitzer bei Spiel in Dortmund Selfie-Jäger statt Nudisten – Warum sich das Flitzen verändert hat

Dortmund · Früher rannten Flitzer nackt übers Feld, heute sind sie eher Selfie-Jäger. Über den Wandel eines Phänomens, das nervt. Aber Konjunktur hat. Woran liegt das?

 Ein zehnjähriger Junge läuft für ein Selfie mit Ronaldo auf das Spielfeld in Dortmund.

Ein zehnjähriger Junge läuft für ein Selfie mit Ronaldo auf das Spielfeld in Dortmund.

Foto: AP/Michael Probst

Nun hält der portugiesische Superstar Cristiano Ronaldo auch diesen Rekord: Beim EM-Spiel gegen die Türkei in Dortmund liefen gleich mehrere Flitzer über das Feld, um ein Selfie mit dem Fußball-Superstar zu ergattern. Bei einem zehnjährigen Jungen beugte sich Ronaldo noch lächelnd ins Bild. Als sich die Nachahmer häuften, sank Ronaldos Laune. Verständlich. Jeder Flitzer bedeutet eine Störung. Und ein Sicherheitsrisiko. Selbst wenn die Flitzer den Kultstatus von CR7 vor der Weltöffentlichkeit dokumentieren.

Bemerkenswert ist aber nicht nur die Häufung der Vorfälle. Es gibt auch einen Wandel des Flitzer-Wesens. Versuchten früher meist nackte Männer mit einem Home-Run durch die Liveübertragung von sich reden zu machen, geht es heute eher um das Handybild mit den Stars. Die Nudisten wurden abgelöst von den Selfie-Jägern. Und die Leidenschaft fürs Selfie-Flitzen erfasst bereits Kinder.

Dahinter steckt der unendlich gesteigerte Ruhm globaler Sporthelden. Sie selbst pflegen die vermeintliche Nähe zu ihren Fans durch persönliche Nachrichten auf den digitalen Plattformen. Gerade während eines Turniers sind die allgegenwärtig. Es gibt Interviews, Werbevideos, Zeitlupen aus den Spiele, dramatische Schüsse, Zusammenschnitte genialer Momente. Da bleibt es nicht aus, dass es zum Wert an sich wird, den Helden nahezukommen und diesen Moment in einem Selfie festzuhalten. Das ist wichtiger geworden als die alte Idee, als Störenfried durchs Bild zu rennen, vielleicht noch mit einer Botschaft und sich im alten Medium Fernsehen zu verewigen.

Auch auf dem Feld der Flitzer hat sich also das Digitale durchgesetzt: Das Selfie können Flitzer über ihre digitalen Kanäle verbreiten und sich den Ruhm so selbst verschaffen. Die Flitzer früherer Zeit mussten über den Platz laufen, um anderen ins Bild zu rennen und von einer Fernsehkamera erfasst zu werden. Ob und wie dann über sie berichtet wurde, hatten sie nicht selbst in der Hand. Das erlebte bereits der Pionier unter den Flitzern, der 25-jährige Australier Michael O’Brien, der 1974 bei einem Rugby-Spiel nackt durch das Londoner Twickenham Stadion rannte. Das Foto danach wurde berühmt, weil dabei ein britischer Polizist die Genitalien des Flitzers mit seinem Polizeihelm verdeckte.

Die Flitzer von heute laufen nicht, um gesehen zu werden. Sie laufen, um ihr Ziel zu erreichen – den sportlichen Superhelden und diesen Moment zu verewigen. Sie wollen ihm nahesein, ihn berühren. Wie das kleine Mädchen, das mit der portugiesischen Mannschaft als traditionelles Begleitkind auflief, und dann schnell die Hand zu Ronaldo ausstreckte, über sein Trikot strich und danach dem Nachbarkind stolz die „veredelte“ Handfläche zeigte. Das hat etwas von Heiligenverehrung früherer Tage, als Menschen zu Berührungsreliquien pilgerten. Etwas Transzendentes soll sich übertragen allein durch die totale Nähe.

Es gibt nun Appelle von allen Seiten, die Flitzerei bei der EM einzustellen. Es muss sonst zur weiteren Abschottung am Spielfeldrand kommen. Das würde die Illusion des freien Miteinanders von Fans und Helden auf dem Rasen endgültig zerstören. Doch leben kommerzielle Großereignisse wie die Uefa Euro 2024 davon, dass es Stars gibt und Superstars und dass sie auf dem Feld nahbar wirken. Alle Appelle und hohen Ordnungsstrafen dürften also dem Fan-Fanatismus, der sich im Flitzen äußert, nur schwer Einhalt gebieten. Ein Akt der Anarchie im perfekt geplanten Spielbetrieb, der alle Blicke der Weltöffentlichkeit auf sich zieht – für das Ego des Selfie-Jägers kann es kein größeres Geschenk geben als den digitalen Niederschlag dieses Moments.