„Lovely Monty“ aus Hamburg Warum ein indisches Taxifahrer-Lied die neue EM-Hymne werden könnte

Meinung | Hamburg · Die Brüder „Lovely Monty“ aus Hamburg haben einen schrägen Fußball-Song aufgenommen mit Tanzrhythmen aus Punjab. Warum ihr Song „Diese EM“ viral geht. Und was daran wirklich rührt.

Sie sind Taxifahrer in Hamburg, stammen aus Indien und ihr Herz schlägt für „unsere Jungs“, die deutsche Nationalelf. Weil die Brüder Lovely und Monty, wie sie sich im Internet nennen, fest an den Heimvorteil glauben, haben sie ein Lied produziert, das gerade dabei ist, die heimliche EM-Hymne des Internets zu werden: „Diese EM 2024“ lautet der schnörkellose Titel. Die Musik ist indischer Pop „Punjabi Style“, besteht also aus unwiderstehlichen Tanzrhythmen, wie man sie aus Bollywood-Filmen kennt, mit Ohrwurm-Melodie. Dazu haben die Taxifahrer Zuversicht, Fußballbegeisterung und unerschütterlichen Glauben an das Integrationsland Deutschland in einen wunderbar unrhythmischen, total prosaischen Text ohne Reime gegossen. So sind Zeilen entstanden wie: „Diese EM in Deutschland wird sehr farbenfroh, es sind 24 Länder, es wird Spaß machen, wir pushen unsere Jungs, die werden Spiele packen.“ Oder: „Lovely Monty vertrauen die Jungs, die so gemischt sind, erfahrene und neue Leute, zu allem fähig“. Damit erfüllen Lovely und Monty alle Kriterien, die es für einen viralen Hit braucht: Ihr Song ist skurril, authentisch, hat hohen Wiedererkennungswert und ist – sehr lustig.

Die Brüder haben vor ein paar Jahren schon mal einen Fußballsong herausgebracht. Doch diesmal baut sich der Erfolg nicht langsam mit dem Turnier auf, sondern erfasst die beiden in kürzester Zeit mit ungeheurer Wucht. Das hat natürlich mit den Gesetzen digitaler Netzwerke zu tun. Aber auch mit dem Auftaktsieg der Nationalmannschaft – sowie der Skepsis der Deutschen davor. Gerade die Hop-on-hop-off-Fans, die sich erst ab dem Turnier für die Mannschaften interessieren, waren völlig überrascht vom „schönen Fußball“ der Deutschen. Dazu erlebten sie eine Mannschaft, die tatsächlich wieder wie ein Team wirkt. Da kommt ein Song gerade recht, der das ungebrochen fröhlich feiert. Und zwar lieber gleich. Man weiß ja nicht, wie schnell doch wieder deutsche Ernüchterung einsetzt.

Lovely und Monty scheinen das nicht zu fürchten. Sie sind echte Fans der Nationalelf, sie halten alles für möglich. Sie glauben an den Titel, wie sie in einem Interview erzählten. Darum haben sie sogar ein derart kantiges Wort wie den „Heimvorteil“ in ihren Text gewurschtelt und besingen ihn mit größtmöglicher Naivität. Wir vertrauen unseren Jungs. Heimvorteil. Fertig. Nichts mehr von „dieser Weg wird ein weiter sein“. Die EM muss auch nicht „völlig losgelöst von der Erde“ stattfinden, um zu begeistern. Es könnte auch ganz bodenständig klappen. Mit Zuversicht. Mit Humor. Mit zwei, die aus Indien nach Hamburg kamen und Deutschland lieben lernten. Lovely und Monty tanzen einfach, so gut sie eben können, winken mit Fähnchen, den Rest erledigen die Rhythmen aus Punjab. Und „unsere Jungs“. Dollywood, entspann Dich!

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Foto: dpa/Bodo Marks

Wirklich anrührend an diesem EM-Lied ist aber, wie die beiden Taxifahrer, der eine mit Cowboy-Hut in Schland-Farben, der andere mit Turban, scheinbar völlig unangegriffen von den giftigen Migrationsdebatten der Gegenwart, Multikulti feiern. Die beiden tragen Deutschlandfahnen um die Hüfte, tanzen Punjabi-Style mit zuckenden Schultern, gehobenen Armen, und das Ganze vor dem Hintergrund die Elbphilharmonie. Völlig unbedarft singen sie dazu „dreimal waren wir Meister“ – da ist das „Wir“ zurück, von dem es so oft heißt, im Sport könne es über alle Herkünfte hinweg verbinden. Und dann gehen die Fans doch aufeinander los. Und Tausendschaften der Polizei müssen Risikospiele abriegeln. Aber es geht auch anders. Man hatte es schon vergessen. Man hielt es schon nicht mehr für möglich. Zwei Taxifahrer aus Hamburg haben das Multikulti-Wir wiederbelebt. Vielleicht nur für kurze Zeit. Vielleicht nur bis zur ersten Niederlage des deutschen Teams. Vielleicht übernimmt dann wieder der deutsche Missmut. Gerade aber scheint in Schland wieder alles erreichbar. Zumindest für die Dauer eines verrückten Songs.