1. Sport
  2. Fußball
  3. EM

Farben-Psychologie: Sieger tragen Rot

Farben-Psychologie : Sieger tragen Rot

Erfolgreiche Sportler tragen besonders häufig Rot, die Farbe des Welt- und Europameister Spaniens. Ein Experte erklärt warum - und macht den traditionell in Weiß und Schwarz gekleideten Deutschen doch Hoffnung auf den EM-Titel.

Deutschland spielt in Weiß, Italien in Blau, aber Gewinner tragen Rot. "In dieser Hinsicht macht Spanien alles richtig", sagt der Wahrnehmungspsychologe Markus Raab von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Spanien ist also auch Dank der Wahl der Trikotfarbe Welt- und Europameister, doch am Mittwoch im Halbfinale der Fußball-EM in Donezk könnte es ein Problem für die "Rote Furie" geben: Portugal hat "Heimrecht" - und auch rote Trikots.

"Tatsächlich haben Studien aus Großbritannien und den USA gezeigt, dass diese Farbe mit Erfolg zusammenhängt: Mannschaften und Einzelsportler in Rot gewinnen häufiger als Sportler in anderen Farben - das wurde mehrfach empirisch belegt." Ein möglicher Grund wird im menschlichen Unterbewusstsein vermutet. "Die Farbe Rot ist evolutionär ein Angriffs- und Dominanzsignal", erklärt Raab: "Möglicherweise wird der Gegner dadurch unbewusst eingeschüchtert und kann seine Leistung nicht komplett abrufen."

Ausdruck der Geschlossenheit

Rote Trikots als Ausdruck der Entschlossenheit - dieser Idee folgte schon Jürgen Klinsmann. Kurz nach seinem Amtsantritt als Bundestrainer im August 2004 verordnete er der Nationalmannschaft erst mal ein neues Outfit: In Anwesenheit eines Psychologen präsentierte der DFB die neuen, die roten Auswärtstrikots. Unter Nachfolger Joachim Löw spielt die Mannschaft mittlerweile den dominanten Fußball, von dem sie 2004 noch so weit entfernt war, das allerdings nun wieder ganz ohne rote Trikots.

Im traditionellen Weiß-Schwarz tritt die DFB-Auswahl im Halbfinale am Donnerstag (20.45 Uhr/ARD) gegen Italien an, die Azzurri, die blaue Squadra. Ein Fehler? "Nein", sagt Raab: "Neutrale Farben wie Weiß oder Blau haben wohl keinen spezifischen positiven oder negativen Effekt." Zumindest was die Farbe des Trikots angeht, klingt dies nach Unentschieden und Elfmeterschießen. In Weiß ist Deutschland aber auch schon jeweilas dreimal Europa- und Weltmeister geworden, in Blau die Italiener sogar zwei- sowie viermal.

Interessant ist für den Wahrnehmungspsychologen aber eher die Trikotwahl der Torhüter. In leuchtendem Orange stand Manuel Neuer im Viertelfinale gegen Griechenland zwischen den Pfosten - aus Fansicht gewöhnungsbedürftig, für den Wahrnehmungspsychologen eine gute, eine geschickte Wahl. "Bei Torhütern können grelle Farben dazu führen, dass der Schütze seine Aufmerksamkeit unbewusst auf diese Farbe lenkt - dann passiert das, was nicht passieren soll: Der Abschluss landet näher beim Torwart, als gewollt", sagt Raab.

Neben der Wirkung auf Gegenspieler und Schiedsrichter spielt auch die Wahrnehmung durch die Fans eine Rolle in den Überlegungen der Psychologen. "Die Trikotfarbe", erläutert Raab, "sorgt für Identifikation bei den Anhängern, das sollte den Entscheidern immer klar sein. Die Fans identifizieren sich mit der Farbe der Nationalität, das ist eine zentrale Erkenntnis. Damit kann also ein stärkeres Gruppengefühl erzeugt werden. Und das wirkt sich positiv auf die Leistung aus."

Insgesamt, darauf legt der Psychologe jedoch Wert, sollte der Einfluss der Farbwahl nicht überbewertet werden. "Über Sieg oder Niederlage" werde die Farbe in den abschließenden Spielen wohl nicht entscheiden, sagt Raab: "Die Spieler sind höchst aktiviert, höchst motiviert in so einem Spiel - das sind natürlich viel stärkere Einflüsse." Sonst wären womöglich auch der FC Bayern München und Manchester United wieder Meister geworden: auch Verlierer tragen manchmal Rot.

Der SID bietet auch Videomaterial in Form eines O-Ton-Pakets vom Interview mit Professor Markus Raab an. Bei Interesse wenden sie sich bitte an 0221/99880201.

Hier geht es zur Bilderstrecke: EM 2012: Ribery-Trikot besteht Reißtest nicht

(sid)