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Fußball-EM: TV-Kommentatorin Claudia Neumann und Moderatorin Esther Sedlaczek über Frauen im Fußball

Claudia Neumann und Esther Sedlaczek : „Als eine Art Exotin nimmst du unbewusst eine Vorbildrolle ein“

Moderatorin Esther Sedlaczek wird bei der Fußball-EM erstmals für die ARD vor der Kamera stehen, Claudia Neumann kommentiert Spiel für das ZDF. Beide wissen um die Besonderheit dieses Turniers – und wundern sich, dass auch ihre Rolle immer noch etwas Besonderes ist.

Frau Sedlaczek, Sie werden zum ersten Mal bei einer Fußball-EM dabei sein. Was erhoffen Sie sich von Ihrem Einsatz? Worauf freuen Sie sich besonders?

Esther Sedlaczek Für mich ist klasse, dass ich zum ersten Mal bei einer Europameisterschaft dabei sein kann. Das ist etwas, auf das ich mich so oder so mit meinem neuen Job beim „Ersten“ gefreut habe, dass es jetzt so früh kommt, damit habe ich nicht gerechnet. Daher freut es mich umso mehr. Es ist schwer einzuschätzen, was in diesem Jahr von der Nationalmannschaft, die sich im Umbruch befindet, zu erwarten ist. Es ist sicherlich ein guter Mix an Spielern dabei, aber trotzdem ist das Team für mich noch etwas eine Wundertüte. Wir wissen, Deutschland ist eine Turniermannschaft, mit Joachim Löw haben sie bis auf 2018 immer gut abgeschnitten, von daher bin ich da trotz allem guter Dinge und bin auch der Meinung, dass sie diese sogenannte „Todesgruppe“ überstehen werden. Ich würde mich einfach freuen, wenn wir eine EM erleben, an der wir auch unter den erschwerten Bedingungen einfach Spaß haben können. Die wir genießen können. Das wäre mein persönlicher Wunsch an diese Europameisterschaft.

 Claudia Neumann kommentiert Fußballspiele für das ZDF bei der Europameisterschaft 2021.
Claudia Neumann kommentiert Fußballspiele für das ZDF bei der Europameisterschaft 2021. Foto: ZDF und Jana Kay/Jana Kay

Frau Neumann, Sie sind schon seit einigen Jahren bei großen Fußball-Turnieren dabei. Mit welchem Gefühl fahren Sie zu dieser Europameisterschaft?

Neumann Es ist ein ambivalentes Gefühl, denn es wartet ja wirklich eine besondere EM während dieser Pandemie. Auf meinen Job, also Spiele kommentieren, habe ich wie immer eine große Vorfreude. Da bin ich wie ein kleines Kind, das sich auf den Ball freut, das Gefühl verliert sich nie. Aber wir wissen auch noch nicht, wie es am Ende aussehen wird, ob wir aus den Stadien kommentieren oder aus der Heimat. Das hängt dann konkret von den Corona-Regeln des jeweiligen Landes ab und das ist einen Tick komplizierter, als wenn die EM in einem Land stattfinden würde.

Fällt es Ihnen schwer, Spiele zu kommentieren, wenn Sie nicht im Stadion sind?

Neumann Es gibt sicherlich Sportarten, die man ähnlich gut vorm Fernseher kommentieren kann, zum Beispiel eine Radrundfahrt, weil Kommentatoren*innen dort ohnehin im Zielbereich sitzen, das Rennen vor dem Monitor verfolgen. Eine Ballsportart ist etwas komplizierter, weil es viele unvorhergesehene Abläufe gibt, die man im Stadion einfach besser sieht. Aber das nehmen wir locker so entgegen, wie es kommt. Von daher ist das schon eine besondere Europameisterschaft, die viel Flexibilität zwischen den Spielen von uns allen erfordert.

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Wie kann man die Emotionen bei einer EM mit nur wenigen Zuschauern und ohne Public Viewing an die Fans zu Hause auf dem Sofa überhaupt transportieren?

Neumann Wir konnten ja schon mehr als ein Jahr üben. Es ist ein schwieriger Spagat. In allen Stadien soll zumindest eine Teilzulassung von Zuschauern möglich sein. Aber wir haben uns in dieser Corona-Zeit oft gefragt, welche Auswirkung ein überwiegend leeres Stadion auf den Stil des Kommentierens hat. Man hat nicht die gewohnte Atmosphäre, mit der man ja irgendwie lebt und auf der man auch schwebt bei einem spannenden Fußballspiel. Dann stellt sich die Frage, ob man die üblicherweise gewünschten Sprechpausen so einhält. Das kann ohne Fan-Atmosphäre schonmal trist wirken. Aber wir haben jetzt alle lange genug mit dieser Situation umgehen können und dann macht es jeder, wie er es für richtig hält. Dem einen gefällt es so besser, dem anderen so – das liegt in der Natur der Sache.

Dürfen sich die Fans im Sportschau-Club auf neue Formate zu dieser besonderen EM freuen, Frau Sedlaczek?

Sedlaczek Wir wollen nach dem Spiel nochmal einen anderen Blick auf das werfen, das passiert ist. Einen unterhaltsameren Blick, mit Gästen, teilweise aus dem Fußball, teils aus dem Entertainment-Bereich, die eine große Affinität zum Fußball haben. Wir werden sehr witzige Elemente haben, da will ich noch gar nicht zu viel vorwegnehmen. Wir wollen den Zuschauerinnen und Zuschauern aber vor allem mit guter Laune und einem guten Gefühl in die Nacht entlassen.

Ob bei Ihnen als Kommentatorin, Frau Neumann, oder bei Ihrem Wechsel zur ARD, Frau Sedlaczek, es wird immer wieder thematisiert, dass Sie als Frauen im Fußballbereich arbeiten. Wie kann es gelingen, dass auch außerhalb des Journalismus mehr Frauen im Fußball Führungsaufgaben übernehmen? Hilft es, dass es weibliche Vorbilder im Sportjournalismus gibt?

Sedlaczek Mir wird das zu sehr auf die Frauen runtergebrochen, die vor der Kamera stehen oder an den Kommentatorenplätzen sitzen, von denen es natürlich mehr geben könnte. Es geht mir auch um die Frauen in der Redaktion. Es gibt immer mehr tolle Frauen, die einen tollen Job machen, die mich als Redakteurinnen begleiten. Ich finde, wo noch mehr passieren sollte, ist auf Vereinsebene, auf Führungsebene. Ich glaube, dass Frauen auch Vereinen sehr, sehr guttun würden. Da sehe ich meiner Meinung nach zu wenig Frauen. Und wenn wir jetzt über eine kommende DFB-Präsidentin sprechen, dann wäre das für mich ein absolut positives Signal und auch alles andere als eine falsche Entscheidung, eine Frau an die DFB-Spitze zu setzen. Da gibt es tolle Kandidatinnen, daher ist es für mich nicht nur ein „Der Fußball muss weiblicher werden“ oder „Frauen vor die Kamera“, wir reden da noch von ganz anderen Ebenen, und da ist noch sehr viel Luft nach oben.

Neumann Im Fußballjournalismus hat sich das Thema Frauen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Das geht einerseits in dem Tempo, in dem unsere Gesellschaft das zulässt, andererseits beobachte ich seit einigen Jahren deutlich gewachsene Unterstützung für Frauen von den Redaktionsverantwortlichen. Als ich früher mit den Jungs auf dem Bolzplatz gespielt habe, war ich halt die einzige, heute sind fast genauso viele Mädchen mit Ball am Fuß unterwegs. Das ist wohlgemerkt nur eine Basis, aber das heißt, dass man sich aus einem viel größeren Pool derer bedienen kann, die sich auch für das Metier interessieren und später dann möglicherweise auch in den Journalismus wollen. Da habe ich in den vergangenen 30 Jahren schon einen stetigen Zuwachs gesehen.
Was anderes ist das Thema Frauen im Fußball in Führung. Und da reden wir konkret von Frauen im Männerfußball, das wird gerne verwechselt mit Fußball spielenden Frauen. Ich habe mich dieses Themas auch erst kürzlich intensiver angenommen. Wir haben im Winter eine Dokumentation über Frauen im Fußball gedreht. Es gibt im heutigen Fußball so viele Felder: Funktionärswesen, Trainer, Management, Betreuer, Scouting, Analyse – überall ist der Frauenanteil im marginalen Bereich.

Sie sprechen das Thema an, Frau Neumann. Sie sind Mitinitiatorin des Positionspapiers „Fußball kann mehr“. Wie ist es dazu gekommen und was fordern Sie?

Neumann Durch die Recherche und die Drehs bin ich an all die tollen, kompetenten Frauen geraten und daraus ist eine Kraft entstanden zu sagen „Kommt, lasst uns mal gemeinsam was bewegen“. Sie haben alle ganz unterschiedliche Erfahrungen im Fußball gemacht. Aber alle haben ihre Geschichte, sind aber sehr wenige in ihrem Bereich. Das Positionspapier ist eine Produktion von mehreren Monaten. Wir haben zahlreiche Gespräche mit Interessenvertretern und Führungskräften aus verschiedenen Bereichen geführt – auch mit der DFL- und der DFB-Spitze. Daraus ist das Papier entstanden. Es soll was Nachhaltiges sein, mit dem wir was bewegen wollen. Es geht nicht um die aktuelle spezielle Situation beim DFB, die ist jetzt nur dazu gekommen. Die Vereine und Verbände sind nun aufgefordert Ideen zu entwickeln, um den Frauenanteil in den unterschiedlichen Gremien zu erhöhen. Gerne unterstützen die Mitglieder unserer Gruppe mit ihren Erfahrungen in ihren jeweiligen Fachgebieten.

Sehen Sie beide sich als Vorbilder für junge Frauen und was sagen Sie anderen Frauen, wenn die Sie nach Rat fragen?

Sedlaczek Mir passiert das mittlerweile tatsächlich oft, dass junge Frauen auf mich zukommen und mich als Vorbild sehen. Ich sehe mich in der Rolle überhaupt nicht. Ich bin zwar schon zehn Jahre dabei, aber ich empfinde mich selbst noch in einer stetigen Entwicklung und selber noch als jemanden, der zuschaut und lernen will, so dass ich mich selber gar nicht als Vorbild sehe.
Neumann Man lernt ja selbst nie aus, trotzdem nimmt man als eine Art Exotin unbewusst, eine Vorbildrolle ein. Das ist mir in den vergangenen Jahren häufig gespiegelt worden, entsprechend nehme ich diese Verantwortung mittlerweile sehr überzeugt an. Es ist wichtig, Frauen im Fußball zu signalisieren, dass sie alles erreichen können mit entsprechender Kompetenz und Beharrlichkeit.

Gleichzeitig muss man in Ihren Bereichen nicht nur immer noch mit der Exotenrolle umgehen, sondern auch mit Hasskommentaren. Sie beide haben das bereits erfahren. Wie gehen Sie mit solchen Kommentaren um?

Sedlaczek Ich finde, dass Hass-Kommentare nicht dazu gehören. Ja, sie sind Teil des Ganzen. Muss ich es gutheißen? Nein! Muss ich sie gut finden? Nein. Muss ich es verstehen? Erst recht nicht! Für jeden in diesem sehr transparenten Beruf ist es wahrscheinlich schwierig, damit umzugehen, dass man für alles und von jedem beurteilt und kritisiert werden kann. Es ist natürlich auch schwierig, mit dieser teils sehr unsachlichen Kritik umzugehen. Ich habe mir nach ein paar Jahren gesagt, ich kann mir nicht immer Gedanken darüber machen, ob mich mein Gegenüber ernst nimmt oder nicht. Ich kann aber sehr wohl meinen Job gut machen, mich gut vorbereiten und bei mir bleiben. Man muss sich eine Selbstsicherheit aufbauen, die einem dann auch den Job erleichtert. Das ständige Gedanken machen, was hat der jetzt über mich gedacht, hilft mir ja nicht weiter und entlässt mich dann nie aus dem Gedankenstrudel, es allen recht zu machen. Das ist auch nicht mein Anspruch. Ich bin nicht perfekt, mir passieren Fehler, ich habe Versprecher, ich stell mal eine blöde Frage, das gehört zum Job dazu. Das sind Fehler, aus denen man lernt, die einen verbessern. Das hinfallen und wieder aufstehen hat mich letztlich dahin gebracht, wo ich jetzt bin. Es muss jeder seinen Weg finden, damit umzugehen. Ich finde es aber wichtig, darauf hinzuweisen, dass das alles andere als gutzuheißen ist. Das geht ja bis zu Morddrohungen. Es ist gut, dass man inzwischen rechtliche Schritte einleiten kann.

Neumann Genau richtig, Esther, du hast eigentlich schon alles gesagt. Wir haben in unserer Gesellschaft eine teils merkwürdige Fehlermessung. Wir sollten alle überlegen, mit welcher Herangehensweise man über solche Dinge spricht. Ich persönlich habe wenig Probleme damit, weil ich in sozialen Medien nicht unterwegs bin. Und auch, weil ich in meinem Berufsleben so fortgeschritten bin, dass ich es einordnen kann. Das macht das generelle Problem Netzhetze nicht besser, ein hässlicher Begleiter unserer Zeit. Es betrifft ja alle die in irgendeiner Form Meinung beziehen oder Haltung zeigen. Ich würde mir wünschen, dass wir als Gesellschaft bessere Strategien zum Umgang mit Hass und Bedrohung entwickeln.

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