Hohe Erwartungen an den Fußball Die Leichtigkeit fehlt in diesem EM-Sommer

Meinung | Berlin · Angesichts vieler Krisen sehnt man sich nach einem Sommermärchen. Doch auch wenn bei dieser Heim-EM weitere fröhliche Fußball-Abende bevorstehen: Die Leichtigkeit von früher fehlt.

 Fans verfolgen beim Public Viewing in der Fanzone am Brandenburger Tor das Eröffnungsspiel der Fußball-EM.

Fans verfolgen beim Public Viewing in der Fanzone am Brandenburger Tor das Eröffnungsspiel der Fußball-EM.

Foto: dpa/Christoph Soeder

Es ist eine Europameisterschaft, von der sehr viel mehr erwartet wird als fantastischer Fußball. Es ist eine Heim-EM, die auch die Sehnsucht nach einem gemeinschaftlichen Gefühl der Euphorie weckt, nach einer Leichtigkeit, die einst 2006 das Sommermärchen in Deutschland möglich gemacht hat. Doch wird es in diesem Sommer deutlich schwerer, den Wunsch nach einer glücklichen und unbeschwerten Zeit zu erfüllen.

Wie unterschiedlich die heutige Stimmung zu der Atmosphäre vor fast zwei Jahrzehnten ist, zeigen schon die Wörter des Jahres. Ende 2005 hatte die Gesellschaft für deutsche Sprache dafür das Wort „Bundeskanzlerin“ ausgewählt – nachdem hierzulande mit CDU-Politikerin Angela Merkel erstmals eine Frau an die Spitze einer Regierung kam. 2006 wurde wiederum „Fanmeile“ Wort des Jahres, weil es für die damalige Fußballbegeisterung mit Gästen aus aller Welt stand und dem ganz besonderen Lebensgefühl dieser Zeit.

Zuletzt wurde 2023 indes das Wort „Krisenmodus“ auserkoren, weil Krisen, deren Bewältigung noch längst nicht in Sicht ist, von immer neuen Krisen eingeholt werden. Da wären etwa der Klimawandel, die Folgen der Corona-Pandemie, der russische Krieg in der Ukraine, die Energiekrise, der Nahostkonflikt und vieles mehr.

Ein Krisenmodus befördert Gefühle von Hilflosigkeit und Schwermut – und erschwert die Rückkehr der Heiterkeit. Auch wenn diese EM trotz allem weiterhin für schöne Fußballabende sorgen wird. Die Kunst wird sein, dass daraus ein Gefühl von Gemeinschaft und Zuversicht entsteht. Noch schwieriger wird es, ein solches Gefühl in die Zeit danach zu retten. Hier ist auch die Politik gefragt, die sich nicht darauf verlassen kann, dass die EM von allem, was nicht funktioniert, ablenkt.