Fußball-EM 2020: Die Auslosung der Gruppen durchblickt niemand

Gruppen-Auslosung in der Kritik : Bei der EM blickt niemand mehr durch

Der Gruppensieg hat sich für das deutsche Team nicht ausgezahlt – die DFB-Auswahl hat zwei Hochkaräter zugelost bekommen. Es gibt einfach viel zu viele Fragezeichen. Die Uefa will es so: weil sie mit dem Format mehr Geld verdienen will. Eine Analyse.

Joachim Löw musste sich zunächst auch erst einmal sortieren. Man sah dem Bundestrainer an, dass er mit vielem gerechnet hat, aber nicht mit diesem Ausgang bei der Auslosung zur Europameisterschaft im kommenden Jahr. „Da hat der Gruppensieg sich ja richtig gelohnt“, verkündete Löw und kicherte fast schon verlegen. Mit etwas Abstand war er indes um eine sachliche Einordnung bemüht. Ehrenspielführer Philipp Lahm als Losfee hat Deutschland eine sogenannte Hammergruppe mit den Duellen gegen Weltmeister Frankreich und Europameister Portugal beschert. Der dritte Gegner muss noch in Play-off-Partien gefunden werden. „Die Vorfreude wird größer, das muss man sagen. Wir konnten die Auslosung so vielleicht nicht erwarten. Man denkt immer, dass man nicht unbedingt zwei sehr starke Mannschaften in der Gruppe vorfindet. Ich finde, die Spannung erhöht sich und die Vorfreude steigt und die Begeisterung schwappt ein bisschen über“, sagte Löw.

Wie schwer die Aufgaben bei den Heimpartien in der Münchner Allianz Arena am 16. und 20. Juni gegen Weltstars wie Kylian Mbappé und Cristiano Ronaldo aber sein werden, verdeutlichte Oliver Bierhoff. Der Direktor machte in der DFB-Reisegruppe um Löw und den neuen Verbandsboss Fritz Keller den skeptischsten Eindruck. Aufschub oder eine behutsame Entwicklung gibt es jetzt jedenfalls für das junge Umbruch-Team um Serge Gnabry und Joshua Kimmich nicht mehr. „Wir werden jetzt schon im Januar in die Köpfe der Spieler setzen, dass Meisterschaft und Champions League wichtig sind, aber dass man schon im Kopf hat, dass da im Sommer eine ganz große Aufgabe wartet. Wir dürfen in der Vorbereitung kein Prozent liegen lassen“, sagte Bierhoff. Auch Löw weiß natürlich, dass sein siebtes großes Turnier als Chefcoach ihn in bislang nicht gekannter Form fordern wird.

Eine EM in dieser Form hat es noch nie gegeben. Sie ist entstanden, weil die Uefa ein deutlich größeres Stück vom Kuchen abhaben will. Europameisterschaften in der bisherigen Spielweise waren vermarktungstechnisch weitestgehend ausgereizt. Die Uefa hat nun allerdings einen Wanderzirkus der besonderen Art erschaffen – und niemand weiß so recht, ob das Spiel mit dem Feuer gut gehen wird.

Denn schon im Vorfeld des Turniers vom 12. Juni bis 12. Juli waren einige Dinge schon vor der Auslosung klar und andere sind es erst wenige Wochen vor dem Anpfiff. Es gibt zwölf Ausrichterländer, zehn verschiedene Sprachen und vier verschiedene Zeitzonen. Erst Ende März steht endgültig fest, wer alles dabei sein wird. Natürlich werden nicht mehr nur die Top-Mannschaften versammelt sein, sondern viele Nationen werden schlicht zum Auffüllen gebraucht.

Der Fehler steckt im System. Die Qualifikation ist eher ein munteres Warmlaufen. Selbst wenn Deutschland alle acht EM-Qualifikationsspiele verloren hätte, wäre der DFB durch den europäischen Rettungsschirm für große Länder aufgefangen worden. Über die Play-offs ist ein ganz großes Türchen geöffnet worden, um sich doch noch zu qualifizieren. Andere Konkurrenten hätten sich dagegen die Fahrt nach Bukarest sparen können. Die Belgier zum Beispiel. Sie wussten schon vor der Veranstaltung, dass sie in der Vorrunde in St. Petersburg auf Russland und in Kopenhagen auf Dänemark treffen würden.

Theoretisch wäre zwar möglich gewesen, dass die Ukraine in Gruppe B gelost worden wäre – doch aus politischen Gründen kann das Team nicht in Russland spielen. Ein sportpolitischer Irrsinn.

Löw will sich lieber nicht so intensiv mit dem Modus beschäftigen und versucht sich in Pragmatismus. „Je stärker die Gegner sind, umso besser für uns. Das sind Spiele, die wir jetzt brauchen. Die Mannschaft ist noch jung. In der Qualifikation haben wir uns gut aus der Affäre gezogen. Aber jetzt braucht die Mannschaft Gegner wie Spanien, die in der Weltklasse sind. Das sind die Herausforderungen, an die sich unsere Spieler gewöhnen müssen“, sagte Löw. „Jeder muss ans Limit gehen, wenn er da eine Chance haben will.“ Der DFB will jetzt nur noch nach vorne schauen.

 Und selbst wenn es gegen Frankreich und Portugal nicht klappen sollte, die Uefa hat natürlich ein gestiegenes Interesse daran, auch nach der Vorrunde noch alle großen Länder dabei zu haben. Deshalb könnte auch der dritte Gruppenplatz zum Weiterkommen reichen. Sehr wahrscheinlich wird die EM zumindest in München wieder ein riesengroßes Fest – das Wort Sommermärchen macht erneut die Runde.

Bitte lächeln – die Trainer der ausgelosten Mannschaften der Gruppe F neben dem EM-Pokal: Fernando Santos (links/Portugal), Didier Deschamps (rechts/Frankreich) und Joachim Löw. Foto: dpa/Christian Charisius

Der Fußball an sich droht aber durch das aufgeblähte Format langfristig größeren Schaden zu nehmen. Aber davon will natürlich jetzt lieber niemand etwas wissen. Es geht schließlich um einen Titel und vor allem viel Geld.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Bilder der EM-Auslosung in Bukarest