Europameisterschaft 2024 Liebe Engländer, wir müssen mal über Gelsenkirchen reden

Meinung · Die Fans des „Drei-Löwen-Teams“ mokieren sich über das „Drecksloch“ Gelsenkirchen. Warum loben sie dann das gute Bier und die netten Menschen? Und schauen so gar nicht auf ihre Städte?

Martin Kessler
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 Ein Blick auf die Schalker Meile in Gelsenkirchen. (Archiv)

Ein Blick auf die Schalker Meile in Gelsenkirchen. (Archiv)

Foto: Sebastian Kalenberg

„Du bist keine Schönheit“, singt Herbert Grönemeyer über seine Heimatstadt Bochum. Doch die Engländer haben dem benachbarten Gelsenkirchen den Preis der Hässlichkeit zuerkannt. Seit ein Fan des Drei-Löwen-Teams den dreimaligen Austragungsort der Europameisterschaft (EM) auf der Nachrichtenplattform X (vormals Twitter) als „Drecksloch“ (Shithole) bezeichnete, tobt im Netz ein Streit, warum eine angeblich so triste und heruntergekommene Stadt eine von Deutschlands Visitenkarten bei der EM ist. Immerhin wurde der Post des England-Fans mehr als drei Millionen Mal geteilt. Und der Londoner Sky-Sportreporter Kaveh Solhekol gab gleich noch eine weltläufige Erklärung für den Niedergang der Stadt. „Wir sind im Nordwesten Deutschlands, wo früher die Stahl- und Bergbauindustrie groß war. Die ist nun weg und es ist nicht viel übrig." An die englischen Fans gerichtet meinte er: Es gebe hier „nicht viel zu tun und zu unternehmen“. Und die Kneipenwirte würden noch nicht einmal die britischen Kreditkarten annehmen. Immerhin seien die Menschen nett und das Bier gut. Diese Einschätzung teilt er mit vielen anderen englischen Fans.

Der britische Sportreporter hat recht. Mit dem Metropolenglanz Londons kann sich Gelsenkirchen nicht messen. Doch dann wird er schon ungenau. Die Stadt des legendären Reviervereins Schalke hatte zwar jede Menge Kohlezechen, aber ein Stahlwerk war nie darunter. Deshalb fieberten die Kumpels mit Schalke, die vornehmeren Stahlkocher aber mit Borussia Dortmund, neben Duisburg das einstige Zentrum der Hochöfen und Hütten. Da wäre etwas mehr Vorbereitung doch nützlich gewesen, Herr Solhekol.

Überhaupt haben englische Fans an allem und jedem etwas auszusetzen. Eine Straßenbahn zum Stadion fiel aus, die Zuschauer mussten teilweise mehr als zwei Stunden Schlange stehen, und eine Brücke zum Spielort hätte dringend eine Renovierung nötig. Ganz schön anspruchsvoll, die Anhänger von Kane, Bellingham und Co. Die sprichwörtliche englische Gelassenheit vermisst man jedenfalls bei diesen Anwürfen. Das ähnelt mehr den typisch deutschen Meckerern, die im Ausland gern alles überkritisch unter die Lupe nehmen und sich entsprechend aufführen. Was wiederum oft die Briten auf die Palme bringt. Offenbar stehen sich die beiden Völker doch näher, als sie sich beide gerne eingestehen mögen.

Nun muss man zugeben, dass Gelsenkirchen zum einen nicht ganz so gut von englischen Lippen geht wie Köln, Berlin oder München. Selbst Düsseldorf können die Gäste der Insel inzwischen besser aussprechen als Gelsenkirchen. Und in Städte-Rankings nimmt die Revierstadt immer einen der unteren Plätze ein. Die Arbeitslosigkeit erreicht mit 12,3 Prozent (Mai 2024) bundesweit einen Spitzenwert. In der Tabelle des Instituts der deutschen Wirtschaft belegt Gelsenkirchen unter 400 deutschen Städten und Kreisen Platz 399. Nur das benachbarte Herne ist noch schlechter. Immerhin hat die Stadt mehr junge Leute als andere deutsche Gemeinden. Und deren Zahl nimmt in jüngster Zeit sogar zu. Also ganz so hoffnungslos ist die Lage offenbar nicht.

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Ein Blick nach Großbritannien zeigt, dass nicht alle Städte so prosperieren wie London und der englische Süden. Sheffield oder Birmingham, beides auch große Fußballstädte, haben den Verlust ihrer industriellen Basis noch immer nicht verwunden. Blackpool, Bolton oder Bradford sind kaum schöner als Gelsenkirchen. Auch Liverpool oder Manchester, die Englands Fußball in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich prägten, haben großen Nachholbedarf. Aber vielleicht ist Sky-Reporter Solhekol dort noch nie gewesen.

Gelsenkirchen hat jedenfalls seinen Platz in der EM-Endrunde verdient. Nicht nur ist Schalke einer der berühmtesten Clubs in Deutschland. Auch die beiden Stammspieler und Kapitäne der Nationalmannschaft, Ilkay Gündogan und Manuel Neuer, sind in Gelsenkirchen geboren und haben dort ihre Spielkunst gelernt. Im Grunde ist der deutsche Fußball ohne Gelsenkirchen nicht denkbar. Das sollten unsere englischen Vettern beherzigen. Und nach den Bildern der sozialen Medien zu urteilen, haben sich die Fans in den Kneipen der Stadt auch herrlich amüsiert, viel gesungen und viel getrunken. Was wollen sie mehr?