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EM-Halbfinale 2021: Warum jedes Team den Titel gewinnen kann

EM-Halbfinale : Warum jedes Team den Titel gewinnen kann – und es verdient hat

Am Dienstag und Mittwoch finden die Halbfinals der Fußball-Europameisterschaft in London statt. Italien spielt gegen Spanien, England trifft auf Dänemark. Alle vier Teams können den Titel gewinnen - und hätten es auch verdient.

Natürlich hatte Frankreich den Weltmeistertitel 2018 irgendwie verdient. Doch die Art des Fußballs hat nicht wirklich begeistert, hat niemanden vom Hocker gerissen. Selbiges gilt für Portugal zwei Jahre zuvor: Eine extrem defensive Mannschaft, die mit drei Unentschieden durch die Gruppenphase kam und im gesamten Turnierverlauf nur ein Spiel nach 90 Minuten gewinnen konnte.

Beide können 2021 nicht mehr Europameister werden. Beide haben ihre Spielweise nicht wirklich geändert, haben zu wenig aus ihrem großen Talent gemacht und sind schon im Achtelfinale ausgeschieden. Verblieben sind jetzt im Halbfinale noch vier Mannschaften, die uns alle auf ihre Art und Weise bei diesem Turnier begeistert haben. Alle vier können jetzt den Titel holen und hätten es auch verdient.

Italien

Catenaccio? Nicht mehr mit Italien! Das unansehnliche Defensivspiel, bei dem das bekannte Pferd nur so hoch springt wie es muss, ist Geschichte. Seit Roberto Mancini nach dem Verpassen der WM 2018 das Ruder übernommen hat, haben sich die Italiener zu einer Mannschaft entwickelt, die sich offensivem Powerfußball verschrieben hat. Dabei wird trotzdem die Defensive, angeführt von den alten Recken Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci, nicht vernachlässigt. Unter dem Strich ist das Spiel mindestens so gut anzusehen wie der italienische Trainer- und Betreuerstab an der Seitenlinie in seinen Maßanzügen.

„Wir haben eine Siegermentalität, wir gehen in jedes Spiel, um es zu gewinnen“, stellte Nicoló Barella klar. Aber mit der nötigen Demut: „Wir träumen weiter, mit den Füßen auf dem Boden“, sagte Bonucci. Entscheidend ist bei den Italienern auch der Teamgeist, der sich vor allem nach der Verletzung von Leonardo Spinazzola zeigte. Man wolle ihn jetzt stolz machen, kündigte Barella an. „Das unterscheidet uns von den anderen Mannschaften: Wir opfern uns einer für den anderen, so können wir weit kommen“, meinte Lorenzo Insigne. Seit 32 Spielen hat die Squadra Azzura inzwischen nicht mehr verloren. Werden daraus 34, steht am Sonntag der erste EM-Titel seit 1968.

Spanien

„Wir müssen jetzt die EM gewinnen.“ Spaniens Torwart Unai Simón mag nach seinen Paraden im Elfmeterschießen gegen die Schweiz noch euphorisiert gewesen sein, dass er das so sagte, aber alles in allem geht es für ihn und seine Mannschaft um nichts anderes mehr. „Es wäre lächerlich zu denken, dass wir oder irgendeiner der Halbfinalisten sich jetzt damit zufrieden geben würden, nur so weit zu kommen“, betonte auch Trainer Luis Enrique: „Wir alle wollen ins Finale kommen und gewinnen.“ Vor Beginn des Turniers gehörte Spanien mehr zum Favoritenkreis, weil Spanien eben immer dazu gehört. Aber die goldene Generation mit dem EM-Titel 2008 und 2012 sowie dem WM-Titel 2010 ist längst weg, das altgediente Tiki-Taka bringt es nicht mehr und sorgte zuletzt für große Enttäuschungen. Das Corona-Chaos in der Vorbereitung tat sein Übriges.

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Die ersten beiden Gruppenspiele waren dann auch eher Wasser auf den Mühlen der Kritiker. Spanien kombinierte sich gegen Schweden und Polen in einen Rausch, doch der Ertrag war mau. Nach zwei Unentschieden gab es den Brustlöser mit dem 5:0 gegen die Slowakei, dann das Spektakel gegen Kroatien und das Elfmeterschießen gegen die euphorisierten Schweizer. Unter dem Strich hat sich Spanien im Verlaufe des Turniers aber merklich gesteigert und wurde auch durch die, oft unsachliche, Kritik mehr und mehr zu einer Einheit. Die im Schnitt über 67 Prozent Ballbesitz mit einer Passquote von fast 90 Prozent sind überragend. Spanien, das ist eine Mannschaft, die sich eigentlich noch finden wollte und mehr langfristig in Richtung WM 2022 dachte. Doch sie ist schon in diesem Jahr bärenstark - und Italiens Angstgegner.

England

Kommt der Fußball in diesem Jahr nach Hause? England hat schon so viele talentierte Mannschaften gehabt, doch einen großen Titel haben die Three Lions erst einmal geholt: 1966, bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land. Damals schlug man die deutsche Mannschaft im Finale, den späteren Angstgegner, der auch in diesem Jahr nach einer gefühlten Ewigkeit wieder bezwungen werden konnte. Die Gruppenspiele waren noch sehr zäh, doch kann man eines festhalten: England ist defensiv die stabilste Mannschaft des Turniers, die kaum Großchancen zulässt und vor allem noch nicht ein Gegentor kassiert hat. Das ist kein Zufall, das hat Methode.

Was natürlich für England spricht: der Heimvorteil. Das Halbfinale und auch das Endspiel werden im Wembley-Stadion in London ausgetragen, vor allem vor englischen Fans - denn aus dem Ausland ist die Einreise aktuell schwierig. „Viele von uns werden so eine Gelegenheit bei einem großen Turnier in Wembley nicht nochmal bekommen“, weiß Kapitän Harry Kane, der pünktlich zur K.o.-Phase des Turniers endlich das Tor trifft. Es war bisher nicht immer schön, was England gespielt hat. Doch Leidenschaft war immer dabei und dieser Triumph im eigenen Land, der hätte etwas.

Dänemark

Eigentlich reicht an dieser Stelle ein Name: Christian Eriksen. Sie spielen natürlich für ihn, der im ersten Spiel mit einem Herzstillstand zusammenbrach und nun glücklicherweise wieder auf dem Weg der Besserung ist. „Ich denke jeden Tag an Christian, vor dem Spiel und nach dem Spiel“, sagte Trainer Kasper Hjulmand ergriffen nach dem Halbfinal-Einzug. „Ich bin froh, dass er überlebt hat. Wir haben ihn hierhin mitgenommen und werden ihn auch mit nach Wembley nehmen.“ Kapitän Simon Kjaer sieht es genauso: „Wir haben so viel zusammen durchgemacht. Wir sind eine wunderbare Gruppe, wir vertrauen uns gegenseitig, wir sind füreinander da. Dazu wissen wir, dass es Christian gut geht. Wir spielen für ihn.“

Doch Dänemark nur auf die Geschichte rund um Eriksen zu reduzieren, würde der Mannschaft nicht gerecht. Hjulmand, in der Bundesliga bei Mainz 05 noch gescheitert, hat sich als wahrer Stratege bewiesen und gibt seiner Mannschaft immer die richtige Taktik an die Hand, zur Not ändert er sie gewinnbringend im Spiel. Und seine Spieler machen großartige Sachen, die Flanke von Joakim Maehle auf Kasper Dolberg zum 2:0 gegen Tschechien zum Beispiel hätte man schöner nicht malen können. Die Dänen verfügen über gute Spieler, eine starke Gemeinschaft und einen cleveren Trainer. Mit ihrer Klasse und ihrer Hintergrundgeschichte gibt es wohl niemanden, der ihnen den Titel missgönnen würde.

(mit dpa)