Unart in EM-Stadien Auspfeifen der Nationalhymne – einfach nur ekelhaft

Meinung | Düsseldorf · Wenn vor einem EM-Spiel die Nationalhymnen gespielt werden, ist im Hintergrund oft ein Pfeifkonzert der gegnerischen Fans zu hören. Diese Pöbelei ist kein zu tolerierender Teil einer Fankultur – sie ist in diesen Zeiten ein Statement, auf das die Welt nur zu gut verzichten kann.

Emotionaler Moment: Die Mannschaften von Polen und der Niederlande bei der Nationalhymne.

Emotionaler Moment: Die Mannschaften von Polen und der Niederlande bei der Nationalhymne.

Foto: dpa/Sina Schuldt

Es gibt wahrlich viele schöne Bilder und Geschichten, die diese Fußball-Europameisterschaft in Deutschland produziert. Schottische Fans, die einen alten Mann mit Rollator unter dem Regenschirm durch einen Wolkenbruch geleiten, Ovationen aus dem österreichischen Fanmarsch heraus für eine Frau auf dem Balkon in Düsseldorf, ganze Städte friedvoll in Oranje, Rot oder Blau getaucht.

Ein Miteinander, das begeistert und rührt. Völkerverständigung, wie die Welt sie nur zu gut gebrauchen kann in diesen beklemmenden, weil konfliktreichen Zeiten. Umso mehr stößt da eine Unart ab, die vor EM-Spielen immer wieder zu beobachten, besser zu hören ist: Fans pfeifen das Abspielen der Nationalhymne der gegnerischen Mannschaft aus.

Das Auspfeifen der Hymne fällt in eine andere Kategorie

Nun ist das Fußballstadion traditionell kein Hort der Etikette. Hier geht es gröber zu, gerade im Umgang mit dem Team, das sich da unten mit der eigenen Mannschaft misst. Wenn also der Star des Gegners ausgepfiffen wird oder der Schiedsrichter ob einer vermeintlichen Fehlentscheidung, oder gar ein in Ungnade gefallener Liebling auf der eigenen Seite – dann ist das alles nicht nett, alles für den Betreffenden belastend, aber irgendwie gehört es zum schlechten Ton auf den Rängen, den Fans und TV-Zuschauer als Begleitmusik über die Jahre akzeptiert haben. Doch das Auspfeifen der gegnerischen Hymne bei einem Länderspiel fällt in eine andere Kategorie, und gerade deswegen ist es kein Kavaliersdelikt oder eben nur schade. Es ist einfach nur eklig.

Wer Cristiano Ronaldo auspfeift oder jeden Gegenspieler bei jedem Ballkontakt, dem geht es ums Sportliche. Vielleicht verunsichern die Pfiffe die anderen ja, vielleicht pfeift man sich auch einfach nur selbst die Angst vor der Qualität eines Cristiano Ronaldo von der Seele. Als Fan tut man eben, was man kann, um hinterher von der eigenen Mannschaft als „Zwölfter Mann“ geadelt zu werden.

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Foto: dpa/Christian Charisius

Aber wer beim Abspielen der Nationalhymne des Gegners nach Leibeskräften pfeift, der verlässt das Sportliche. Damit erfährt die Geringschätzung der anderen eine höhere Ebene: Die Pfeifenden missbilligen eine ganze Nation. Ihre Botschaft ist: Dieses Land, dieses Volk ist verabscheuungswürdig. Nicht nur die Mannschaft oder einzelne Spieler. Alle mit der Nationalität, für die diese Hymne gerade gespielt wird. Es ist einfach nur dumpfe Verachtung. Eine, die sogar bei Spielen auffällt, bei denen man keinen historisch-politischen Konflikt der beiden Länder anführen kann, die da mit ihren Nationalmannschaft gleich ein Fußballspiel austragen werden.

Unwissenheit schützt vor Kritik nicht

Klar ist auch: Die Mehrheit derer, die bei der Hymne pfeifen, tut es ohne nachzudenken. Die Masse um sie herum steckt an. Wenn der ganze Block pfeift, pfeife ich eben mit. Sei es drum. Doch auch hier gilt: Unwissenheit schützt vor Kritik nicht. Wer ins Fußballstadion geht, sucht vieles: Freude, Spannung, Ektase, Gruppendynamik, Ablenkung vom stressigen Job oder der nervigen Familie. Zuweilen kann man den Eindruck gewinnen, Fußballstadien hätten auch deshalb die Form, die sie haben, weil sich in ihnen alles sammelt, was 50.000 Besucher auszuschütten haben an Emotionen.

Verachtung für eine ganze Nation passt in solch ein Stadion aber nicht hinein. Verachtung für eine ganze Nation ist in Bezug auf Fußballfans auch nicht dann erst zu verurteilen, wenn sie sich gewalttätig Bahn bricht. Sondern schon dann, wenn sie sich im Auspfeifen einer Hymne äußert. Die gute Nachricht: Jeder EM-Zuschauer im Stadion kann ab sofort mithelfen, dass die Pfiffe leiser werden: einfach selbst den Mund halten. Tut nicht weh.