Eklat in Serbien: Flagge wie "Hakenkreuzfahne mit dem Kopf Adolf Hitlers"

Eklat in Serbien : Flagge wie "Hakenkreuzfahne mit dem Kopf Adolf Hitlers"

Der Spielabbruch bei der Partie zwischen Serbien und Albanien ist nicht nur sportlich hochbrisant, sondern auch politisch. Der serbische Fußballverbands-Vize Goran Milanovic zieht einen drastischen Vergleich.

Nach dem Spielabbruch der EM-Qualifikations-Partie zwischen Serbien und Albanien am Dienstagabend in Belgrad hat der serbische Außenminister Ivica Dacic alle Schuld den Albanern zugeschoben. "Serbien trägt keinerlei Verantwortung für den Spielabbruch", sagte der Spitzenpolitiker der größten Zeitung "Blic" am Mittwoch in Belgrad.

Vor dem Spiel habe die EU auf Serbien massiven Druck ausgeübt, den albanischen Zuschauern den Weg ins Stadion zu ermöglichen, obwohl die serbischen Behörden sie am Flughafen festhalten wollten. Die nationalen Verbände Serbiens und Albaniens hatten sich im Sinne der Deeskalation vor dem Spiel auf den Ausschluss der Auswärtsfans geeinigt, auch zum Rückspiel 2015 in Albanien sollen keine serbischen Anhänger nach Tirana reisen.

"Politische Provokation"

"Wenn jemand aus Serbien in Tirana oder in Pristina eine Fahne Großserbiens entrollt hätte, dann wäre das schon auf der Tagesordnung des UN-Sicherheitsrates", sagte Dacic weiter: "Besonders problematisch ist die Tatsache, dass das der Bruder des albanischen Premiers getan hat, der hier Gast sein sollte. Das verleiht dem ganzen Fall eine politische Dimension und ist eine politische Provokation".

Der serbische Fußballverbands-Vize Goran Milanovic ging derweil laut der Belgrader Zeitung "Informer" sogar noch weiter: "Stellen Sie sich nur mal eine Situation vor, in der Israel Deutschland in Tel Aviv empfängt und jemand eine Hakenkreuzfahne mit dem Kopf Adolf Hitlers entrollt. Etwas Ähnliches hat sich am Dienstagabend im Partisan-Stadion ereignet."

Hintergrund sind die belasteten Beziehungen zwischen beiden Nationen. Der Kosovo mit seiner großen albanischen Bevölkerung gehörte lange Zeit dem früheren Jugoslawien und später auch noch Serbien an, ehe 1999 ein Krieg um die Region zur späteren Unabhängigkeit des Gebietes führte.

Eine Drohne mit einer Flagge, die das potenzielle Großalbanien zeigte, wurde während der ersten Halbzeit in das Stadion geflogen. Das Problem dabei: Der Staat Großalbanien wird von Nationalisten beansprucht, demnach seien die gesamten albanischsprachigen Gebiete des Kosovo, das Presevo-Tal — ein Teil Serbiens —, die mehrheitlich von Albanern bewohnten Gebiete Mazedoniens und ein Gebiet in Montenegro Teil Albaniens.

Als Stefan Mitrovic, der beim SC Freiburg unter Vertrag steht, die Fahne von der Drohne losmachte, eskalierte die Situation. Präsident Fritz Keller vom Bundesligisten hat seinen Spieler für dessen Aktion verteidigt. "Es hat sicher kein nationalistischer oder böser Gedanke dahintergesteckt. Stefan hat das gemacht, was jeder Spieler machen würde. Jeder ärgert sich doch, wenn der Fußball durch politische Dinge unterbrochen wird", sagte Keller dem Onlineportal Sport1.

Blatter: "Zutiefste Missbilligung"

Fifa-Präsident Joseph Blatter hat die Vorfälle aufs Schärfste verurteilt. "Fußball sollte niemals für politische Botschaften benutzt werden. Ich missbillige zutiefst, was letzten Abend in Belgrad geschehen ist", twitterte der Boss des Fußball-Weltverbandes am Mittwoch.

Anders sehen das zahlreiche Albaner: Nach dem Abbruch des EM-Qualifikationsspiels haben Tausende Albaner ihre Mannschaft gefeiert. In Tirana begrüßten Vizeregierungschef Niko Peleshi und Sportministerin Lindita Nikolla am frühen Mittwoch die aus Belgrad zurückgekehrte Mannschaft.

Alle Albaner könnten stolz sein auf das Team, das aus "Helden des Tages" bestehe, sagten die beiden Spitzenpolitiker vor jubelnden Fans. Die gesamte Regierung stehe hinter der Mannschaft. Die albanische Nation könne stolz sein "auf die Werte, die die Spieler auf dem Rasen gezeigt haben".

Zahlreiche Zusammenstöße

In der Kosovo-Hauptstadt Pristina gingen Hunderte auf die Straße und feierten das Spiel mit Feuerwerk, Hupkonzerten und nationalen Gesängen. In der zwischen Albanern und Serben geteilten Stadt Mitrovica im Norden des Landes mussten starke Sicherheitskräfte Hunderte aufgebrachte Anhänger voneinander fernhalten. Auch in Wien verhinderten nur starke Polizeikräfte, dass Albaner und Serben aneinandergerieten. Teile der Innenstadt mussten vorübergehend für den Verkehr gesperrt werden.

Auch in Wien ist es zu Zusammenstößen zwischen Serben und Albanern gekommen. Rund 50 Albaner warfen in der Nacht zu Mittwoch Flaschen auf ein vermutlich serbisches Kaffeehaus, wie die Polizei mitteilte. Kurz darauf versuchten den Angaben zufolge rund 200 Serben, die inzwischen errichteten Polizeisperren zu durchbrechen. Beide Gruppen trafen demnach nicht aufeinander, Verletzte habe es nicht gegeben. Einige Autos, darunter auch Polizeiwagen, wurden beschädigt.

Olsi Rama als Hauptverdächtiger

Der Bruder des albanischen Regierungschefs Edi Rama, Olsi, soll derweil hinter den Provokationen beim EM-Qualifikationsspiel stecken. Das berichteten die serbischen Medien am Mittwoch übereinstimmend unter Berufung auf die Polizei. Olsi Rama sei am Dienstagabend in der VIP-Loge des Stadions vorübergehend festgenommen worden, nachdem bei ihm die Fernsteuerung für einen Modellflieger gefunden worden sei.

"Ich habe mit der Drohne nichts zu tun. Ich weiß nicht, wo diese Geschichte herkommt. Ich bin auch weder festgenommen noch verhört worden", beteuerte indes Olsi Rama seine Unschuld - die Aktion löste auf jeden Fall politische Verwicklungen aus.

"Auf dem Balkan haben wir unangenehme historische Erfahrungen"

Die griechische Regierung hat die Ausschreitungen beim EM-Qualifikationsspiel Serbien gegen Albanien als "Fehler" verurteilt. "Auf dem Balkan haben wir unangenehme historische Erfahrungen", sagte der griechische Außenminister Evangelos Venizelos am Mittwoch in Athen und forderte Albanien und Serbien auf, "mit Erklärungen und Taten" für Stabilität in der Region zu sorgen.

Nach griechischen Medienberichten waren auf der großalbanischen Fahne auch Gebiete Griechenlands abgebildet. Darunter war die griechische Insel Korfu sowie große Teile des Nordwesten Griechenlands.

Uefa rechtfertigt Auslosung

Die Uefa hat nach dem Skandalspiel von Belgrad ihre Vorgehensweise bei der Auslosung der Qualifikationsgruppen für die EM-Endrunde 2016 verteidigt. Während die Uefa beispielsweise in der Vergangenheit Armenien und Aserbaidschan wegen angespannter politischer Beziehungen nicht gegeneinander spielen ließ, sah sich der Verband bei der brisanten Paarung zwischen Serbien und Albanien nicht zu einer "Trennung" gezwungen.

"Hierfür gab es keinen wirklichen Grund", sagte ein Uefa-Sprecher dem Guardian. Am Dienstagabend war die Partie in Belgrad zwischen Serbien und Albanien in der 41. Minute abgebrochen worden. Auslöser für die Tumulte und Krawalle war eine an einer Drohne befestigte großalbanische Flagge, durch die sich die Serben provoziert sahen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Albaner feiern nach Spielabbruch in Belgrad

(dpa)
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