Fußball-Fans in Düsseldorf „Die haben sich alle Mühe gegeben, uns leer zu trinken“

Düsseldorf · Die Wirte der längsten Theke der Welt sind im EM-Rausch – und haben fünf Mal mehr zu tun als sonst. Englische und schottische Fans trinken so viel, dass manchen Kneipen in der Düsseldorfer Altstadt sogar das Bier ausging.

 Vangelis Chantzis, seit 20 Jahren Wirt im Irish Pub Fatty’s an der Hunsrückenstraße: „Keiner hier hat sowas jemals gesehen.“   Foto: Nowroth

Vangelis Chantzis, seit 20 Jahren Wirt im Irish Pub Fatty’s an der Hunsrückenstraße: „Keiner hier hat sowas jemals gesehen.“ Foto: Nowroth

Foto: Maximilian Nowroth

Eines der beliebtesten Lieder der englischen Fußball-Fans geht so: „Please don’t take me home, I just don’t wanna go to work. I wanna stay here and drink all your beer.“ Auf Deutsch: „Schickt mich nicht nach Hause, ich will nicht arbeiten. Ich bleibe hier und trinke all euer Bier.“

 Marinko Miletic (vierter von rechts), Chef des Grillrestaurants Ham Ham an der Kurze Straße: Der Deutsch-Kroate war früher selbst Fußballer.

Marinko Miletic (vierter von rechts), Chef des Grillrestaurants Ham Ham an der Kurze Straße: Der Deutsch-Kroate war früher selbst Fußballer.

Foto: Maximilian Nowroth

Und tatsächlich haben sie es am vergangenen Wochenende fast geschafft. Sonntagabend habe es in der gesamten Altstadt kaum noch Pils gegeben, sagt Isa Fiedler, die frühere Chefin der Kneipe Knoten und heutige Vize-Vorsitzende des Gastroverbands Dehoga Nordrhein. „Wir haben ja mit vielem gerechnet. Aber nicht in dieser Größenordnung.“

Biernachschub am Dienstagmorgen: Eindrücke vom Irish Pub Fatty’s.

Biernachschub am Dienstagmorgen: Eindrücke vom Irish Pub Fatty’s.

Foto: Maximilian Nowroth

Die Heim-Europameisterschaft versetzt die längste Theke der Welt in einen Ausnahmezustand. Schon Tage vor dem Eröffnungsspiel am Freitag kamen Tausende Schotten in die Stadt – und sind bis heute geblieben. Das erste England-Spiel fand zwar am Sonntagabend in Gelsenkirchen statt, lockt seitdem aber Tausende englische Anhänger in die Altstadt. Und am Montag, zum ersten von fünf Spielen in Düsseldorf, gesellten sich Österreicher und Franzosen dazu.

Welchen Wirt man auch fragt – alle sind im EM-Rausch. „Keiner hier hat so etwas jemals gesehen“, sagt Vangelis Chantzis. Er betreibt seit 20 Jahren den Irish Pub Fatty’s an der Hunsrückenstraße. Dort gibt es noch zwei weitere Pubs, der direkt nebenan gehört seinem Bruder Aki. 2000 Leute hätten hier am Samstag vor den Läden gestanden, sagt Chantzis, von mittags bis nachts um zwei Uhr. Dann machte er zu, eine Stunde eher als sonst. Bier hatte er zwar noch, aber sein Personal war einfach platt. „Wir haben aktuell fünfmal mehr zu tun als sonst.“

Fotos aus Düsseldorf: Schotten feiern die EM in der Altstadt
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So feiern die Schotten die EM in Düsseldorf

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Foto: Jakub Drogowski

Zum Epizentrum der Euro-Partyfans zählt natürlich auch die Bolkerstraße. Dort spielten sich am Wochenende beispiellose Szenen ab. „Alle hatten Probleme, genug Bier zu beschaffen“, sagt Peter Klinkhammer, Wirt in „Dä Spiegel“.

Kellner aus mehreren Kneipen wurden am Samstag und Sonntag gesehen, wie sie mit Stechkarren durch den Pulk liefen, um bei benachbarten Lokalen nach Nachschub zu fragen – meist vergeblich. Alt habe es in der Altstadt zwar noch ausreichend gegeben, sagt Klinkhammer. „Aber die meisten Fans wollten nur Pils trinken“.

Weil eine große Brauerei am Sonntag nicht wie versprochen nachliefern konnte, musste sich auch der Spiegel-Wirt anderweitig helfen. „Ich habe bei Kollegen außerhalb der Altstadt mit Mühe und Not noch drei bis vier Hektoliter Pils aufgetrieben.“ Allein am Samstagabend hätten seine durstigen Gäste 1000 Liter Pils bei ihm getrunken, daher war sein Vorrat fast aufgebraucht. „Die haben sich alle Mühe gegeben, uns leer zu trinken“, sagt Klinkhammer.

Wer viel vertragen will, braucht eine gute Grundlage – auch dafür gibt es in den Gassen der Altstadt genug Angebot. Normalerweise. In dem Grillrestaurant Ham Ham an der Kurze Straße aber gingen so viele Schweinebrötchen, Haxen und Currywürste über die Theke, dass Chef Marinko Miletic am Sonntagmorgen eine Sonderschicht einlegen musste. Er fuhr zu seinem Schweinelieferanten nach Duisburg, „der hat extra für mich aufgemacht“, sagt Miletic. Auf dem Rückweg hatte er dann 200 Kilogramm Schweinefleisch im Gepäck, um den Hunger der Gäste am Sonntag stillen zu können.

Vangelis Chantzis musste ebenfalls am Sonntag früh raus, um zu seinem Getränkelieferanten nach Solingen zu fahren. Der „Cider“ war ihm am Vorabend ausgegangen, ein bei Briten beliebter Apfelschaumwein. Ansonsten bestellten die Fans bei ihm hauptsächlich Guinness oder Pils, zum Preis von rund 6,50 Euro pro Pint. Sportlich, aber mittlerweile üblich an der längsten Theke der Welt.

Was viele Wirte neben dem großen Durst noch positiv überraschte: die friedliche Stimmung. „Die Leute sind im besten Sinne ausgelassen“, sagt Schumacher-Chefin Thea Ungermann. Für ihr Brauhaus „Im Goldenen Kessel“ an der Bolkerstraße brauche sie keine zusätzliche Security zur EM. Frank Engel, dem ein Großteil der Kasematten gehört sowie zwei Bars an der Bolkerstraße, bestätigt: „Die Fans sind so friedlich wie trinkfreudig.“

Und wie es aussieht, wird der EM-Rausch in der Altstadt noch eine ganze Weile anhalten. Isa Fiedler und Peter Klinkhammer sagen, dass vor allem englische und schottische Fans die Landeshauptstadt als „Homebase“ für das Turnier nutzen. Sie landen hier am Flughafen, fahren zu Spielen, für die sie Tickets haben – und schauen die anderen Partien am liebsten unter Gleichgesinnten an der längsten Theke der Welt.

Damit diese nicht austrocknet, sorgen die Wirte jetzt vor. Klinkhammer zum Beispiel hat ein zweites Kühlhaus über seiner Kneipe in Betrieb genommen, „da habe ich jetzt immer eine Pils-Reserve drin“, sagt der Spiegel-Chef.

Marinko Miletic glaubt, dass die Stadt bei den kommenden Partien noch voller werden könnte. Denn das Wetter werde besser. Im Juli finden zwei K.o.-Spiele in Düsseldorf statt – ein möglicher Teilnehmer sind die Niederlande. Und die schon angereisten Fans handeln nach dem Motto: „Please don’t take me home.“