Joachim Löw und die DFB-Elf: Der Weltmeister ist von der Rolle

Auch kein Sieg gegen Irland : Der Weltmeister ist von der Rolle

Die Nationalmannschaft bringt auch gegen die Iren kein überzeugendes Spiel zustande. Sogar den gestandenen Spielern fehlen Sicherheit, Selbstvertrauen und mentale Fitness.

Ja, ja, der alte Herr Herberger. Hätte der nur mal in allem Recht gehabt. "Ein Spiel dauert 90 Minuten", soll der Ahnherr aller deutschen Fußballtrainer gesagt haben. Wenn das so wäre, hätte die deutsche Nationalmannschaft ihr EM-Qualifikationsspiel in Gelsenkirchen gegen Irland mit einiger Mühe, aber immerhin 1:0 gewonnen. "Arbeitssieg" hätte Sepp Herbergers Nachfahre Joachim Löw gesagt, vom Umbruch nach der WM hätte er gesprochen. Dem Schiedsrichter Damir Skomina aus Slowenien gefiel es aber, der Partie eine Nachspielzeit von vier Minuten zu verordnen. Und in der bettelte das deutsche Team regelrecht um den Ausgleich, den die Iren mit ihrer letzten Ballberührung durch John O'Shea auch schafften. So musste Löw sagen: "Wir hätten uns das auch anders vorgestellt, klar."

Der Sieg über einen in seinen fußballerischen Mitteln deutlich eingeschränkten Gegner war fest eingeplant. Der Punktverlust aber unterstreicht im Paket mit der so überflüssigen 0:2-Niederlage in Polen, dass dem Weltmeister irgendwo auf dem Heimweg von Rio die weltmeisterliche Form abhanden gekommen ist.

Das liegt natürlich auch daran, dass wesentliche Kräfte, die das Finale entschieden, nicht mehr dabei sind. Kapitän Philipp Lahm ist zurückgetreten, er ist zumindest mittelfristig überhaupt nicht zu ersetzen. Bastian Schweinsteiger fehlt verletzt. Seine Präsenz auf dem Platz, auch seine Opferbereitschaft würde man so manchem Edelkicker wünschen. Mesut Özil, ebenfalls verletzt, wird gern wegen seiner zurückhaltenden Zweikampfführung und schlappen Körpersprache geschmäht. Er bringt aber Ideen ins Spiel, von denen Otto-Durchschnittsprofi nicht mal träumt.

Fast so schwer wiegt, dass sich der Nachwuchs auf den Außenverteidigerpositionen in einem öffentlichen Schulungsprogramm befindet. Trotzdem waren Erik Durm und Antonio Rüdiger nicht die entscheidenden Figuren für den Punktverlust der DFB-Auswahl. Ankreiden lassen müssen sich das erfahrene Kräfte, Weltmeister zumal. Denn die noch leidlich gesunden Akteure aus dem Endspiel in Brasilien sind erkennbar auf der Suche nach ihrer Form. Mit Toni Kroos, Torschütze gegen die Iren und so etwas wie der Taktgeber im deutschen Team, fing das kleine Drama von Gelsenkirchen an. Er leistete sich in der Schlussphase gleich zwei erstaunliche Ballverluste, vielleicht die beiden ersten in dieser Länderspiel-Saison. Und er stürzte damit die Kollegen als immerhin anerkannte Führungskraft in die erste allgemeine Verunsicherung.

Fortan wurde nicht mehr kombiniert, sondern der Ball ängstlich zu Torwart Manuel Neuer zurückgeschoben, der ihn dann ohne Humor nach vorn drosch. "In den letzten Minuten", sagte Löw, und er dehnte die "Mi-nu-ten", damit's auch jeder mitbekam, "haben wir einige Bälle leichtfertig verloren." Verteidiger Jerome Boateng nuschelte mit niedergeschlagenem Blick: "Wir haben den Gegner aufgebaut. Das darf nicht passieren. Wir hätten den Ball halten können, dafür haben wir die Qualität."

Weil der Ball aber immer wieder bei den natürlich nie aufgebenden Iren landete, lag er irgendwann auch im deutschen Tor. Daran war wiederum ein Weltmeister beteiligt. Mats Hummels kam im Strafraum einen Schritt zu spät. "Da fehlte die Zuordnung im eigenen 16-Meterraum", nörgelte Löw, "da muss Mann gegen Mann gespielt werden. Da darf ich meinen Mann nicht aus den Augen verlieren." Seine Erklärung für Hummels' Konzentrationsschwäche: "Er ist noch nicht lange genug wieder im Training. Er ist geistig und körperlich noch nicht völlig auf der Höhe." Derartiger Rückstand muss ja nicht immer gleich spielentscheidende Bedeutung erlangen. Löw versicherte allerdings: "Es kommt nicht völlig unerwartet. Noch haben wir nicht die Dynamik, die Präzision. Ja. Klar. Das hatte ich fast erwartet." Er sah ganz so aus, als hätte er sich auf dem Rasen dennoch lieber widerlegen lassen.

Bevor jedoch jemand auf den verwegenen Gedanken verfallen könnte, dass sich nun sogar der Bundestrainer in düstere Skepsis verlieren könnte, schickte der Coach noch eine Kampfansage an Europa in die Runde. "Gegen Gibraltar im November werden wir gewinnen, klar. Und im nächsten Jahr schlagen wir wieder zurück." Ein paar Minuten später stellte sein Kollege Martin O'Neill fest: "Ich halte die deutsche Mannschaft immer noch für die beste in der Gruppe." Es klang ein wenig nach Mitleid.

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(RP)
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