TV-Nachlese zum langen EM-Start im ZDF Glaubensfragen, Powernap und Simpsons-Socken

Meinung | Düsseldorf · 90 Minuten dauert theoretisch ein Fußballspiel. 90 Minuten dauerte am Freitagabend vor dem EM-Auftakt des DFB-Teams auch die Vorberichterstattung im ZDF. Viel Zeit für viele Fragen, heimliche Stars und gar nicht mal so bahnbrechende Infos. Am Ende vielleicht einfach zu viel Zeit.

 ZDF-Moderator Jochen Breyer (v.l.) mit den Experten Christoph Kramer und Per Mertesacker.

ZDF-Moderator Jochen Breyer (v.l.) mit den Experten Christoph Kramer und Per Mertesacker.

Foto: Stefan Klüttermann

Oliver Schmidt war schnell. Der Kommentator des EM-Eröffnungsspiels zwischen Deutschland und Schottland am Freitagabend im ZDF atmete nach der achtminütigen Eröffnungsfeier einmal durch und sagte dann das, was wahrscheinlich viele Zuschauer in diesem Moment gedacht haben dürften, die seit 19.25 Uhr die Vorberichterstattung im Zweiten verfolgt hatten: „Endlich Fußball!“ Als um 21 Uhr der Ball rollte, hatte das ZDF und mit ihm Millionen vor dem Bildschirm nämlich schon einmal 90 Minuten hinter sich. Und nicht zum ersten Mal stellte sich die Frage: Warum eigentlich?

Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein meldete sich nach den Heute-Nachrichten aus der „Homebase“ in Berlin. Mit sehr großem Flatscreen. Applaus. Überhaupt: Die Zuschauer im Studio klatschten, wenn sie klatschen sollten, das funktionierte, und Müller-Hohenstein bewies sogar erfrischende Selbstironie, als sie Bilder von der Busankunft des DFB-Teams im Münchner Stadion mit den Worten „aus der Reihe ,Deutschlands schönste Busankünfte’“ kommentierte.

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Schalte oder kein Schalte – der Mehrwert bleibt gleich

Nur: Wer braucht Bilder von Busankünften? Wo ist da die Magie, dass TV-Anstalten sie immer wieder zeigen müssen bei Fußball-Großereignissen. Wer es weiß, möge „Hier!“ schreien und es sagen.

Die obligatorische Schalte zu einer Kollegin in München inmitten betrunkener schottischer Fans klappte nach anfänglichen technischen Problemen erst beim zweiten Mal. Aber keine Schalte oder Schalte – der Mehrwert blieb so oder so überschaubar. Ja, mei, was sollen die Schotten auch anderes sagen, als dass sie auf einen schottischen Erfolg hofften. Bei den anderen Schalten auf die Fanmeilen blieb es immerhin Inteview-frei. Auch ein Mehrwert.

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Foto: dpa/Christian Charisius

Ganz nah dran am Spielfeld waren zeitgleich in München fürs ZDF Moderator Jochen Breyer und die Experten Christoph Kramer und Per Mertesacker. Experten gehören zu Länderspielen einfach dazu. Seit Jahrzehnten. Warum, weiß eigentlich niemand (mehr), es gehört irgendwie zum guten Ton. Kramer und Mertesacker gehören zu den Guten, sind eloquent, und sie können mit Fug und Recht aus der eigenen Historie etwas Glaubhaftes beisteuern, schließlich wurden sie beide 2014 in Brasilien Weltmeister.

Insiderinfos aus Nagelsmanns Schlafzimmer

Aber auch hier: Was sollen die beiden denn bitteschön vor dem Spiel sagen? Es ging viel um Gefühle („Was sagt dein Gefühl vor dem Spiel?“), es ging um die Aufstellung („Hättet ihr genauso aufgestellt? Ich hätte genauso aufgestellt.“) und Appelle an die Fans („Es muss in die Köpfe der Leute rein, dass ein Sieg gegen Schottland ein Erfolg ist.“).

Alles unterhaltsam, aber eben alles auch Gefühl, Klönen und Kaffeesatzleserei. Immerhin wusste Kommentator Oliver Schmidt wenig später zu berichten, Bundestrainer Julian Nagelsmann habe am Nachmittag noch einen Powernap eingelegt. Was immer das auch für das Spiel für ein Omen sein könnte. Und man erfuhr per kurzem Clip, dass Thomas Müller bei der Platzbegehung parallel telefonierte und den Ball hochhielt. Da schau an. Multitasking, der Müller.

In Berlin bei Katrin Müller-Hohenstein war derweil. Nationalspielerin Laura Freigang zu Gast. Auch hier: Was hast du für ein Gefühl? Was glaubst du? Freigang bot ebenfalls sympatische Einblicke in die Profifußball-Gefühlswelt („Jetzt gerade ist der Puls schon hoch“), aber da war sie im Prinzip auch schon längst aus dem Zentrum der digitalen Aufmerksamkeit verdrängt worden. Das Netz bestimmt, was hip ist, und das Netz hatten sich im Internet längst Müller-Hohensteins Socken erobert.

Zitat aus der dpa: „Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein hat mit ihrer Sockenwahl für die ZDF-Übertragung des EM-Auftaktspiels für Aufsehen gesorgt. Müller-Hohenstein trug am Freitagabend helle Socken mit der Comic-Figur Bart Simpson auf einem Skateboard, was während der Livesendung vor dem Anstoß der Partie der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in München gegen Schottland immer wieder zu sehen war. In den sozialen Medien wurden Socken und Motiv ausgiebig diskutiert.“ Aha.

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Foto: dpa/Arne Dedert

Damit es am Ende nicht falsch rüberkommt: Die 90 Minuten vor dem Spiel absolvierte die ZDF-Crew absolut solide, mit sympathischen Gesichtern und Themen, Schalten und Bildern, die man so erwarten durfte. Allein, es bleibt die Frage: Wer braucht so viel Vorberichterstattung? Drei Experten? Simpsons-Socken? Eine Eröffnungsshow? 90 Minuten? Offenbar wir alle. Es tut ja auch nicht weh, aber innerlich war man trotzdem am Ende bei Oliver Schmidt. „Endlich Fußball!“