Kleine Gesten, große Wirkung Wie Julian Nagelsmann die Harmonie im Team herstellt

Stuttgart · Mit wohl überlegten Personalentscheidungen und einem selbstbewussten Auftreten stärkt Bundestrainer Julian Nagelsmann die Stimmung im DFB-Team – und zündet damit die EM-Euphorie im ganzen Land an.

Bundestrainer Julian Nagelsmann und Chris Führich umarmen sich nach der Partie in Stuttgart.

Bundestrainer Julian Nagelsmann und Chris Führich umarmen sich nach der Partie in Stuttgart.

Foto: dpa/Tom Weller

Wenn Julian Nagelsmann seiner aktuellen Linie treu bleibt, und es der Spielverlauf am Sonntag (21 Uhr) gegen die Schweiz hergibt, dann könnte Robin Koch in Frankfurt seinen ersten Einsatz bei dieser Europameisterschaft bekommen. Es wäre für den Innenverteidiger von Eintracht Frankfurt ein Heimspiel und würde sich in die bisherige Personal- und vor allem Wechselpolitik des Bundestrainers einfügen. Es sind diese kleinen Geste mit großer Wirkung, von denen der Bundestrainer schon einige gezeigt hat.

Beim Auftaktspiel gegen Schottland in München nahm Nagelsmann für die Schlussphase der einseitigen Partie den überragenden Jamal Musiala vom Feld und brachte dafür Routinier Thomas Müller. Der 34-Jährige bekam damit sofort im ersten EM-Spiel einen Einsatz in seinem Münchener Wohnzimmer. Zudem hatte der Wechsel mit Müllers Teamkollegen auch symbolischen Charakter. Die neue und die alte Spielergeneration formen bei diesem Turnier eine Einheit.

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Die Bilanzen der Bundestrainer beim DFB

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Bewirkt hat das der Bundestrainer durch seinen radikalen Kaderumbau im März. DFB-Dauergäste wie Leon Goretzka und Mats Hummels wurden aussortiert, neue frische Kräfte aus den formstarken Mannschaften wie Leverkusen und Stuttgart hinzugeholt. Jeder Spieler sollte für das Heimturnier seine Rolle kennen und sich in dieser bestmöglich ins Mannschaftsgefüge einbringen. Dieses neue Teamgebilde hat in den vergangenen Monaten ein Arbeitsklima beim DFB entstehen lassen, das so bei Nagelsmanns Vorgängern nicht vorgeherrscht hat. Ein Arbeitsklima, in dem sich junge Ausnahmetalente entfalten können, klar definierte Führungsspieler vorwegmarschieren und Herausforderer von der Bank den gesunden Konkurrenzkampf befeuern, ohne durch falschen Ehrgeiz oder ein gekränktes Ego für schlechte Stimmung zu sorgen.

Stuttgarter kommen im Heimstadion zum Einsatz

Auch bei den Auswechslungen im zweiten Gruppenspiel waren es die kleinen Gesten, mit denen Nagelsmann für sein verschworenes Kollektiv die größte Wirkung erzielte. Als er den beiden Matchwinnern Musiala und Kapitän Ilkay Gündogan in der Schlussphase ihren verdienten Abgang gönnte, wechselte er sie für Chris Führich und Deniz Undav aus. So kamen auch die beiden VfB-Spieler vor heimischer Kulisse in Stuttgart zu ihren ersten Einsätzen bei diesem Turnier.

Nagelsmann versteht sich aktuell gut darin, die Stimmung bei allen 26 Spielern im Kader hochzuhalten und jeden für seinen Anteil am kollektiven Erfolg zu würdigen. Nachdem der junge Aleksandar Pavlovic kurz vor EM-Beginn krankheitsbedingt abreisen musste und der Bundestrainer mit seiner überraschenden Nachnominierung von BVB-Profi Emre Can für Verwunderung im Land sorgte, stärkte er auch dem Nachrücker umgehend den Rücken – mit einer Einwechslung gleich im ersten Spiel. Can zahlte es mit einem Treffer gegen Schottland zurück und bewies auch in den 20 Minuten gegen Ungarn, dass Nagelsmann auf ihn zählen kann.

„Harmonie in der Mannschaft ist auf extrem hohem Niveau“

Der Nationalcoach scheint bei jedem seiner 26 Spieler genau zu wissen, wie er mit ihm umzugehen hat, um das neu entstandene Teamgefüge weiter zu stärken. Dazu gehörte auch die Bestätigung von Ilkay Gündogan als Kapitän und das Festhalten an seinem Stammplatz, als sich Stimmen häuften, Gündogan müsse doch eigentlich auf die Bank platznehmen. „Wir müssen ihm alle mehr vertrauen in diesem Land“, forderte Nagelsmann und verwies auf die Qualität seines Anführers. Gündogan gab das Lob weiter und bestätigte den Eindruck der Einheit, die sich auch dank des Bundestrainers entwickelt hat. „Die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. Die Harmonie in der Mannschaft ist auf extrem hohem Niveau, es macht Spaß, in ihr zu spielen“, erklärte der Kapitän.

Wenn Nagelsmann dieser Tage in Pressekonferenzen oder Fernsehinterviews vor und nach dem Spiel auftritt, dann tut er das mit einem großen Selbstvertrauen und Selbstverständnis. Beides hat sich auch auf die Mannschaft übertragen. Er stärkt durch sein Auftreten und die vielen, kleinen Gesten die gute Atmosphäre im Team. Eine Atmosphäre, die sich aber auch schon aus der Kabine auf die ganze Nation übertragen hat. „Die geniale Stimmung im Land bewegt uns. Wir haben erfolgreiche und erfahrene Spieler. Trotzdem macht das was mit ihnen.“

18 von möglichen 26 Akteuren hat der Bundestrainer in den bisherigen zwei Gruppenspielen gegen Schottland und Ungarn schon eingesetzt. Am Sonntag könnte mit Robin Koch in weiterer hinzukommen, zumal dem Innenverteidiger-Duo Tah und Rüdiger bei der nächsten Gelben Karte eine Sperre droht. Es wäre die nächste kleine große Geste des Bundestrainers.