Neue Transparenz beim DFB Warum Reden bei Nagelsmann Strategie ist

Herzogenaurach · Es gab mal eine Zeit, da wurde mehr übereinander als miteinander geredet. In der Ära Joachim Löw und auch Hansi Flick sind Entscheidungen nur sehr bedingt kommuniziert worden. Julian Nagelsmann fährt als Bundestrainer eine komplett andere Strategie und liegt damit bislang genau richtig.

 Bundestrainer Julian Nagelsmann während des Trainings.

Bundestrainer Julian Nagelsmann während des Trainings.

Foto: dpa/Federico Gambarini

Kann er das überhaupt? Ist er nicht noch ein bisschen jung mit seinen 36 Jahren? Ob er der Richtige im Amt des Bundestrainers ist? Fragen über Fragen – doch Julian Nagelsmann ist eines bewusst: Er wird vor allem an Ergebnissen gemessen. Der Start in die Heim-EM ist gelungen. Das 5:1 gegen die Schotten hat den vorsichtig wachsenden Optimismus im Land nach drei Bruchlandungen bei den vergangenen Großereignissen vorsichtig anwachsen lassen.

Nagelsmann hat an dieser Entwicklung nicht nur sportlich einen gewichtigen Anteil dazu beigetragen. Natürlich hat den größten Anteil das Abschneiden. Die wenigsten dürften wohl den EM-Titel ablehnen, nur weil der Trainer an der Spitze ein Stinkstiefel ist. Doch der sportliche Erfolg ist nur schwer zu planen, umso wichtiger ist es, dass das Grundgefühl um das einst als „Die Mannschaft“ in Verruf geratene Konstrukt stimmt oder positiv ist.

Schweres Erbe für Nagelsmann

Der in Landsberg am Lech geborene Fußballlehrer ist seit September 2023 für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft verantwortlich. Er hat die Aufgabe in einer Zeit übernommen, in der nicht mehr viele so etwas wie Zutrauen in die Auswahl hatten. Man könnte auch sagen: Das Team und die Strukturen drumherum waren ganz schön abgewirtschaftet. Ein echter Neuanfang spätestens nach der EM 2016 ist verpasst worden. Die Hoffnung war da, dass es schon irgendwie wieder funktionieren würde. Aber es passte einfach nicht mehr viel zusammen.

2018 bei der WM in Russland gab es das Aus in der Vorrunde. 2021 (wegen Corona verschoben) das Aus auch bereits im Achtelfinale. 2022 schließlich bei der WM in Katar das nächste Debakel. Das Problem: Bundestrainer können sich nicht in Transferphasen neue Spieler dazukaufen, sowie es der Geldbeutel hergibt. Sie müssen damit klarkommen, was vorhanden ist. Ihre wirkungsvollste Waffen heißen deshalb: Vertrauen in den Weg und gute Stimmung – innerhalb und außerhalb des Verbandes.

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Man kann mit diesen Herausforderungen so oder so umgehen. Nagelsmann geht Themen nicht aus dem Weg. Kurz nach seinem Amtsantritt hat er die Entscheidung getroffen, dass Joshua Kimmich nicht hier und da eingesetzt werden soll, sondern in seinen Planungen Rechtsverteidiger ist. Damit hat er Tatsachen geschaffen, und alle konnten und mussten damit umgehen. Solch ein Vorgehen fällt nicht einfach so vom Himmel, dahinter steckt auch ein gutes Stück mediale Strategie. Nagelsmann wird wie Toni Kroos und weitere Nationalspieler von der Berateragentur „Sports360“ von Volker Struth und Sascha Breese betreut. Man kann davon ausgehen, dass viele Themen bei Nagelsmann identifiziert worden sind. Statt abzuwarten, ist man selbst in die Offensive gegangen und hat Themen gesetzt.

Entscheidungsfreudig mit klarem Plan

Dabei sind auch dunkle Themen in Nagelsmanns Biografie. Sein Vater hatte sich das Leben genommen, da war er gerade einmal 20 Jahre alt. Um Nagelsmann zu verstehen, um zu verstehen, warum der Bundestrainer ist, wie er ist, muss man von diesem Einschnitt wissen. Er musste seither viele Entscheidungen treffen. Er wird oft gefragt, ob dieses und jenes knifflig sei, ob er Druck verspüre. Er spricht dann immer gerne von einem Privileg, Entscheidungen treffen zu dürfen. Er weiß, was wirklich wichtig ist.

Leon Goretzka aus dem Kader zu streichen, eine Rückkehr von Mats Hummels recht zügig abzumoderieren, nicht jedem geht so etwas leicht von der Hand. Denn es löst Reaktionen aus. Nagelsmann indes hat einen klaren Plan vor Augen. Es geht in seine Anlage nicht zwingend darum, die technisch besten Spieler auf dem Feld stehen zu haben – es müssen die besten sein, um eine ihnen vorher gegebene Rolle zu erfüllen.

Nagelsmann kommuniziert nach vorne gerichtet. Er ist in seinem Auftreten extrem höflich, selbst wenn er Fragen beantworten muss, die weit weg vom Sport führen. Er weiß, dass es dazugehört, er bedient es. Seine Lebensgefährtin Lena Wurzenberger hatte beim Eröffnungsspiel ein Trikot an mit seinem Spitznamen „Julsi“. Natürlich ein medial abgefeiertes Thema, ihm wird die Wirkung bewusst gewesen sein. Aber er hat eben den Zeitpunkt bestimmt.

Er spielt das mediale Spiel mit

„Der Spitzname ist nicht so neu, den habe ich schon ein bisschen länger", klärte Nagelsmann schließlich auf. Ein Reporter fragte Nagelsmann, wie er es einordne, dass seine Freundin ein beliebtes Motiv der Fotografen sei. Nagelsmann antwortete smart: „Wenn sie jeder fotografieren will, ist das ja kein so schlechtes Zeichen. Ich fotografiere sie auch gerne. Ich freue mich, dass sie im Stadion ist und wie meine Familie auch mich unterstützt. Das ist sehr wertvoll, tut gut und hilft hoffentlich auch auf dem Weg, gute Arbeit zu machen."

Es könnte ein Pressesprecher dazwischen gehen und solche Exkurse unterbinden. Es könnte ein tadelndes Wort von Nagelsmann selbst kommen. Doch er spielt das mediale Spiel mit, weil er weiß, dass er es nur bedingt selbst steuern kann. Was er beeinflussen kann, ist sein innerer Kreis. Deshalb stellte er sich so vehement vor Manuel Neuer, als der sich ein zwei Schnitzer geleistet hatte, vor Ilkay Gündogan stellt er sich sowieso, der sich andauernd kritische Einordnungen gefallen lassen muss.

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Für Deutschland soll das Turnier diesmal deutlich länger gehen als zuletzt. Im Optimalfall ist erst Endstation am 14. Juli in Berlin. Der Weg ins Finale ist weit. Die Strecke selten ganz ohne Störfeuer zu absolvieren. Umso wichtiger ist es, wie man voranschreitet. Nagelsmann erklärt, was er tut. Für den DFB ist das nicht eine komplett neue Erfahrung, in dieser Konsequenz allerdings schon. Die neue Transparenzoffensive des Verbandes – es bleibt abzuwarten, zu welchem Erfolg es am Ende führt. Es fühlt sich aber gerade alles sehr richtig an. Die Mannschaft ist wieder eine Mannschaft, nicht nur ein Kunstprodukt. Fußball-Deutschland rückt zusammen. Das ist auch ein Erfolg von Nagelsmann. Schon jetzt.