Der Drahtzieher im deutschen Team Tooooooni! Toooooooni! Toooooooooni!

München · Auf seinen letzten Tagen als Profifußballer wird Toni Kroos eine Zuneigung zuteil, die er in dieser Form hierzulande nie bekommen hat. Was seine Wichtigkeit für das deutsche Spiel ausmacht und was Julian Nagelsmann besonders an ihm bewundert.

 Toni Kroos wurde nach seinem Comeback direkt wieder Taktgeber des deutschen Spiels.

Toni Kroos wurde nach seinem Comeback direkt wieder Taktgeber des deutschen Spiels.

Foto: dpa/Christian Charisius

Toni Kroos hat in seinem Leben viel erreicht. Sechs Mal konnte er die Champions League gewinnen, genauso oft die Klub-WM, er hat Meisterschaften und Pokalsiege gesammelt, ist 2014 Fußball-Weltmeister geworden. Die Liste seiner Auszeichnungen ist verdammt lang. Und doch hat er in Deutschland lange nicht den Zuspruch bekommen. In Spanien ist er eine Legende.

Angefeuert von wilden Aussagen von Uli Hoeneß hat das Boulevard ihn hierzulande irgendwann „Querpass-Toni“ genannt. Nach dem Aus im EM-Viertelfinale 2021 gegen England polterte der Ehrenpräsident des FC Bayern München: „Seine Art, zu spielen, ist total vorbei." Und weiter: „Bei anderen Teams geht es mit Zug nach vorne und bei uns wurde quer gespielt, quer gespielt, quer gespielt." Hoeneß hat damit bedient, was die breite Masse hören wollte. Es musste einen Schuldigen geben. Auch wenn die Probleme für jeden sichtbar deutlich komplexer gewesen sind.

„Größter Fehler in der Geschichte des FC Bayern“

In Wahrheit ist Hoeneß vor allem noch immer tief verletzt davon, dass es Kroos gewagt hat, München in Richtung Madrid zu verlassen – 2014 für 25 Millionen Euro Ablöse. Lothar Matthäus hat der „Bild“ gesagt, es sei der größte Fehler in der Geschichte des FC Bayern gewesen, ihn gehen zu lassen.

„Toni Kroos war schon immer ein überragender Fußballer. Dass er diesen Weg nimmt bei Real Madrid, hat man jetzt nicht so voraussehen können, wie bei anderen Spielern. Als ich bei den Profis angekommen bin, hat vermutlich auch keiner gedacht, dass ich 15 Jahre ganz oben mit dabei sein kann“, sagt Thomas Müller. „Hinterher ist es natürlich immer leicht. Ich hätte ihn schon gerne behalten. Aber es gehört mehr dazu, man muss Entscheidungen treffen. Der Verein hat eben damals etwas anderes entschieden. So ist es in dem Geschäft.“

Der nahbare Kroos

Kroos steht für Vernunft statt Spektakel. Die hohe Kunst liegt darin, dass er sein Spiel so leicht aussehen lässt. Dass er den Takt eines Spiels fast beliebig verändern kann. Dass er die Schwerpunkte auf dem Feld bestimmt, langsamer, schneller, rechtsherum, linksherum, ab durch die Mitte. Ganz zu schweigen von dem Gefühl in seinem Fuß. Er ist Chef auf dem Platz, ohne pausenlos sagen zu müssen, dass er der Chef auf dem Platz ist.

Mittlerweile hat sich der Wind gedreht und auch das Publikum in Deutschland huldigt ihn. Was auch daran liegt, dass er nahbarer geworden ist. Er ist nicht mehr nur der Mann aus Madrid, sondern der Typ mit dem Podcast mit seinem Bruder Felix. In „Einfach mal Luppen“ erzählt er seine Sicht der Dinge auf den Fußball. Er spricht mit Protagonisten aus dem Fußball wie Mehmet Scholl und Christian Streich über das Geschäft. Während der EM produziert er in unregelmäßiger Weise Sonderfolgen. Mehr Einblick gewährt sonst niemand. Kroos hat etwas zu sagen.

Beim 5:1-Auftaktsieg gegen Schottland bei der Heim-EM in München ist er auf eine Passquote von 99 Prozent gekommen, nur eins seiner 102 Zuspiele wurde von einem Braveheart abgefangen. Während der Partie hallten immer wieder „Toooooooni! Tooooooooni! Toooooooooni“-Rufe durch die Arena. Eine Verneigung vor einem der ganz Großen.

Der Organisator Kroos

Julian Nagelsmann, angesprochen auf Kroos, erzählt von einer Beobachtung vor dem Spiel. Die Mannschaft sei etwas lauter in der Kabine gewesen vor dem Gang aufs Feld. Vielleicht die Kompensation der Aufgeregtheit einiger vor dem Start ins Turnier. Kroos dagegen sei ganz ruhig gewesen, sei mitgelaufen, habe aber an den richtigen Stellen noch einmal etwas zur Gemeinschaft gesagt.

„Er hat eine unglaubliche Erfahrung und Ruhe. Er gliedert sich total in die Gruppe ein. Das ist bei seiner Vita total außergewöhnlich“, sagte er. „Das ist nicht bei allen Weltklassespielern so. Er ist der Ruhepol der Mannschaft.“ Er ist aber auch ihr Organisator. Durch ihn kann Ilkay Gündogan deutlich offensiver spielen, Kroos dahinter regelt es schon. Immer wieder korrigiert er als verlängerter Arm von Nagelsmann auf dem Platz, schiebt die Ketten auf eine Linie. Maxi Mittelstädt bekam von ihm ein, zwei Mal ein Zeichen, mehr auf die Ordnung zu achten – in der Welt von Kroos ist Präzision eine Grundvereinbarung unter Kollegen.

Das Kindheitsidol Kroos

„Wir haben das, was wir uns vorgenommen haben, gemacht“, hat Kroos selbst nach der Partie gesagt im Gespräch mit „Magenta TV“. „Ob man nach einem Spiel schon im Flow ist, weiß ich nicht. Im nächsten Spiel erwartet uns eine Mannschaft, die mindestens eine Klasse besser ist als Schottland. Wenn wir es da noch mal beweisen, können wir von Flow sprechen.“

Er wird wieder seinen Anteil daran haben. Auch innerhalb der Mannschaft ist der Respekt und die Anerkennung für ihn hoch. „Er war in meiner Kindheit einer meiner absoluten Idole“, sagt Kai Havertz. „Mit ihm jetzt auf dem Platz stehen zu dürfen ist ein unfassbares Privileg. Er gibt unserem Spiel so viel. Er gibt uns viel Sicherheit.“ Hoffentlich noch möglichst lange bis zum Finale am 14. Juli in Berlin – es wäre dann endgültig der letzte Vorhang als Spieler für Toni Kroos.