EM-Kolumne Berti Vogts Welchen Fehler der DFB nach dem Ausscheiden nicht machen darf

Kolumne | Stuttgart · Ex-Bundestrainer Berti Vogts ärgert sich nach Deutschlands 1:2 gegen Spanien über den Schiedsrichter – hat im Zuge dessen aber auch sogleich eine Mahnung an den DFB. Was er im Viertelfinale von der Mannschaft vermisst hat, schreibt er in seiner EM-Kolumne.

 Ex-Bundestrainer Berti Vogts.

Ex-Bundestrainer Berti Vogts.

Foto: dpa/Silas Stein

Nun ist die Europameisterschaft für die deutsche Nationalmannschaft vorbei. Wir haben unseren Meister mal wieder in Spanien gefunden – und ich muss zugeben, da geht es mir wie vielen Fußball-Fans im Land: Ich ärgere mich maßlos über den Schiedsrichter. Dass er in der Szene mit dem Handspiel nicht nochmal auf die Video-Bilder schaut, kann ich absolut nicht nachvollziehen.

Gerechtigkeit und Fairness mit Füßen getreten

Wozu gibt es die ganze Technik? Sonst wird bei jedem Einwurf alles zweimal hinterfragt und in der für die deutsche Mannschaft, den EM-Gastgeber, wichtigsten Szene des gesamten Turniers passiert nichts? Vielleicht sollte man aufgrund dieser Szene darüber nachdenken, dass jede Mannschaft pro Halbzeit einmal den VAR anrufen kann, um eine Entscheidung zu prüfen, so wie es in anderen Sportarten üblich ist. Es geht um Gerechtigkeit, um Fairness, beides wurde hier mit Füßen getreten. Übrigens gilt das nicht nur für die Szene – Toni Kroos hätte nach wenigen Minuten zwingend Gelb sehen müssen.

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Foto: dpa, nic

Das EM-Aus tut mir vor allem leid für die deutschen Fußball-Fans. Sie haben eine wunderbare Atmosphäre bei der EM erzeugt, sie haben dafür gesorgt, dass die Menschen überall in der Welt ein ganz anderes Bild von uns Deutschen bekommen. Ich will das nicht auf die große politische Ebene ziehen, es geht einfach darum, dass jeder gesehen hat, dass auch wir Deutschen begeisterungsfähig sind und uns freuen können.

Ich hatte vor dem Start der EM gesagt, dass es ein enorm wichtiges Turnier für den deutschen Fußball ist, weil es darum ging, die Menschen wieder für das Nationalteam zu entflammen. Das haben Trainer Julian Nagelsmann und die Mannschaft geschafft. Das ist im Moment für den deutschen Fußball vielleicht sogar wichtiger als ein Titel. Es ist nun die Aufgabe des DFB und der Mannschaft, diese Begeisterung zu erhalten.

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Foto: imago sportfotodienst

Zum Sportlichen. Ich habe die Deutschen als Turnierfavorit ausgerufen – und ich bleibe dabei: Bei einer Heim-EM gehört eine deutsche Nationalmannschaft immer zu den Top-Favoriten, ohne Wenn und Aber. Doch leider hat das Spanien-Spiel gezeigt, dass die deutsche Mannschaft dem Anspruch nicht gewachsen war. Ob wir „noch nicht“ sagen können, wird die Zukunft zeigen. Denn nach der EM ist die Vorbereitung auf die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2026. Bis dahin sind zwei Jahre Zeit, die Lehren aus der EM zu ziehen.

EM-Aus lag nicht nur am Schiedsrichter

Der DFB und Trainer Nagelsmann dürfen nicht den Fehler machen, das Aus allein auf den Fehler des Schiedsrichters abzulegen und die Begeisterung um das Team zu hoch zu bewerten. Es gingen einige Sachen in die richtige Richtung, aber es ist ein enorm weiter Weg zurück in die Weltklasse. Spanien war der erste echte Prüfstein und es ging daneben. Ärgerlich ist, dass wir im Grunde durch ein typisch deutsches Tor besiegt wurden – so kurz vor Schluss darf so eine Flanke niemals passieren. Die Mannschaft hat gekämpft und sich gegen die Niederlage gestemmt, doch habe ich das nötige Selbstverständnis, einen solchen Gegner besiegen zu können, vermisst.

Es ist wichtig, dass der DFB zwingend nochmal alles hinterfragt: Die Arbeit der Akademien in der Bundesliga, die eigene Trainerausbildung – was machen die Spanier oder die Franzosen besser, warum sind sie uns in den großen Spielen überlegen? Warum haben sie so viele Spieler auf Weltklasse-Niveau? Nagelsmann sollte noch vor dem Bundesliga-Start die Trainer der Klubs zusammenrufen, um die To-do-Liste zu besprechen mit Blick auf die WM.

Klar ist: Wir werden Persönlichkeiten wie Toni Kroos, Thomas Müller und vielleicht Manuel Neuer bis zur WM verlieren. Es wird schwer, sie zu ersetzen. Allerdings haben Jamal Musiala und Florian Wirtz gezeigt, dass sie auch im Nationalteam Verantwortung übernehmen. Sie sind für mich die großen Gewinner der EM und müssen der Kern der neuen Mannschaft sein.

Berti Vogts (77) ist als Spieler mit Deutschland Welt- und Europameister geworden. 1996 führte er das DFB-Team als Bundestrainer zum letzten EM-Triumph, 1992 war sein Team Vize-Europameister. Während der Heim-EM 2024 ist Vogts Kolumnist unserer Redaktion.

(kk)