Perspektive nach Aus im EM-Viertelfinale Was mit dem DFB-Team bei der WM 2026 möglich ist

Analyse | Stuttgart · Nach dem bitteren Aus bei der Europameisterschaft im eigenen Land richtet Bundestrainer Julian Nagelsmann seinen Blick nach vorne und verkündet wie selbstverständlich, dann eben in zwei Jahren Weltmeister werden zu wollen. Wie dafür seine personellen Optionen aussehen könnten.

Internationale Pressestimmen zu Spanien - Deutschland (2:1)
Infos

Internationale Pressestimmen zu Spanien - Deutschland (2:1 n.V.)

Infos
Foto: dpa/Martin Rickett

Der Analytiker Julian Nagelsmann hat in dem größten Spiel seiner bisherigen Karriere als Bundestrainer kräftig danebengegriffen. Die Startaufstellung im Viertelfinale gegen Spanien – eine Ansammlung falscher Annahmen. Darüber kann man nun lange und sicher auch trefflich debattieren, am Umstand des Ausscheidens ändert es für die deutsche Mannschaft wenig. Nach dem 1:2 nach Verlängerung ist das DFB-Team raus aus dem Heim-Turnier, der Traum vom vierten EM-Titel geplatzt.

Und wie geht es nun weiter? Welche Perspektive hat dieses deutsche Team? „Wir haben einen Kader, der nicht extrem jung ist und ein paar ältere Semester dabei. Wir werden uns in Ruhe Gedanken machen, was das Richtige ist. Es ist nicht einfach, so ein mitreißendes Turnier zu haben – und in acht Wochen ist Nations League“, sagt der 36-Jährige. „Da werden wir sicher am Kader was machen, um ein paar gute Spiele abzuliefern und den besten Kader für die WM-Qualifikation 2025 zusammenzustellen. Wie das aussieht, werde ich mit den betreffenden Spielern besprechen. Aber wir werden sicher ein bisschen was ändern.“

Womöglich werden auch ein paar Spieler was an ihrer persönlichen Situation ändern. Bei Thomas Müller ist es sehr wahrscheinlich, dass es in Stuttgart sein letzter Auftritt für die Nationalmannschaft war. Er war bis zum Schluss ein echter Gewinn für die Gemeinschaft mit seiner Art auf und vor allem neben dem Platz, als Kitt zwischen den einzelnen Teilen der Gruppe, die es immer automatisch alleine aufgrund von Altersunterschieden gibt. Er ist nun 34 Jahre alt, und im DFB-Team wird er keine Perspektive mehr sehen, in zwei Jahren dürfte er vermutlich schon in Fußball-Rente gehen. Sein emotionaler Nachfolger könnte Niclas Füllkrug werden, der ein feines Gespür dafür hat, Menschen für sich und die Sache zu begeistern.

Für Toni Kroos war es sogar das letzte Spiel seiner Karriere. Bei Real Madrid hatte er bereits seinen Rücktritt angekündigt, nun ist auch das Kapitel Nationalmannschaft mit dem bitteren Aus gegen Spanien beendet. Für Nagelsmann ergibt sich daraus ein inhaltlich großes Problem – sein Spiel bisher war komplett auf Kroos ausgerichtet. Der Bundestrainer hat viele Mittelfeldspieler, aber (noch) keinen echten Leader in dieser Gruppe. Es wird spannend zu sehen sein, wie er dafür eine Lösung findet.

Und auch er könnte sein letztes Spiel gemacht haben – Manuel Neuer. Der Schlussmann war vor dieser EM lange ein Wackelkandidat, weil ihn Verletzungen aus dem Tritt gebracht hatten. Der Unterstützung von Nagelsmann konnte er sich immer gewiss sein – und zahlte bei der EM das in ihn gesteckte Vertrauen auch zurück. Ob er weitermacht? Wird nur Neuer entscheiden können.

Die WM 2026 wäre nicht komplett unrealistisch für den mittlerweile 38-Jährigen als Torwart, ob es eine vernünftige Entscheidung wäre? Wohl eher nicht. Zumal, da in dem auch schon 32-jährigen Marc-André Ter Stegen vom FC Barcelona ein Keeper von internationaler Klasse seit Jahren auf eine echte Chance wartet.

Doch auch auf vielen anderen Positionen dürfte Nagelsmann gerade mit Blick auf die Nations League noch einmal ein paar Veränderungen vornehmen. Ganz grundsätzlich wird er die Frage beantworten müssen, wie er um Jamal Musiala und Florian Wirtz die Offensive sortiert. Den beiden gehört die Zukunft, sie alleine werden aber nicht viel richten können. Dahinter tun sich gehörige Baustellen auf – es muss sich erst wieder eine Hierarchie bilden. Dies kann Zeit in Anspruch nehmen und beinhaltet auch Rückschläge.

Neben Wirtz und Musiala dürfte Aleksandar Pavlovic, der die EM krank verpasste, ein weiterer zentraler Spieler sein. In der Rubrik „Perspektivkräfte“ finden sich Akteure wie Maximilian Beier, Chris Führich, Deniz Undav und Waldemar Anton wieder. Sie müssen allerdings auch ihren aufsteigenden Trend erst mal in der Bundesliga festigen, ein Selbstläufer ist das alles nicht.

Deutschland verfügt durchaus über einige Talente, nun aber auch nicht über einen übermäßigen Pool an Überfliegern. Es muss sich eine Gruppe finden, ein vernünftiger Rahmen ist aber durchaus vorhanden. Das Duell gegen Spanien hat gezeigt, dass der Abstand zur Weltspitze maximal ein nicht gegebener Elfmeter ist – diese Spitze sei erlaubt. Ansonsten waren Kampf, Leidenschaft und Zusammenhalt unter Nagelsmann wieder sehr ausgeprägt zu sehen. Ein echter Lichtblick nach Jahren der Tristesse.

„Wir haben ein tolles Trainerteam, einen tollen Staff. Hier ist keiner dabei mit großem Ego, keiner, der sich wichtiger nimmt, als er ist. Auch im Trainerteam gab es nie Stress oder Missgunst. Wir hätten es gerne noch eine Woche länger gehabt, auch die Symbiose mit den Fans“, sagt Nagelsmann. „Dass man zwei Jahre warten muss, bis man Weltmeister wird, tut auch weh. Die Aussage gefällt euch, da werden die Augen groß – aber was soll ich anderes sagen? Natürlich wollen wir Weltmeister werden.“

Bis dahin ist allerdings noch ein langer Weg. In diesem Jahr stehen noch die sechs Gruppenspiele in der Nations League an. Deutschland beginnt am 7. September mit dem Heimspiel in Düsseldorf gegen Ungarn. Drei Tage später geht es in Amsterdam gegen die Niederlande. Der Oktober-Doppelpack bringt die Spiele in Bosnien-Herzegowina (9./Zenica) und gegen die Niederlande (14./München). Die letzten beiden Länderspiele 2024 stehen dann am 16. November in Freiburg gegen Bosnien-Herzegowina und am 19. November in Budapest gegen Ungarn an.

Das Abschneiden in der Gruppenphase der Nations League bestimmt auch den Weg zur WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada. Als Gruppensieger oder Gruppenzweiter stehen im März 2025 die Play-offs für die Juni-Finalrunde der Nations League an. Als Gruppendritter müsste man dann in die Play-downs zur B-Liga. Als Gruppenvierter stünde man als Absteiger in die B-Liga fest und würde schon im März 2025 in einer Fünfergruppe in die Qualifikation für die nächste WM-Endrunde einsteigen. In einer Vierergruppe startet die WM-Ausscheidungsrunde erst im September 2025.

Auch der Modus für das WM-Ticket ist wegen der Aufstockung auf 16 europäische Teilnehmer im Feld mit erstmals 48 Teilnehmern neu. Zwölf Gruppensieger qualifizieren sich direkt. Die zwölf Gruppenzweiten spielen mit den vier besten noch nicht qualifizierten Gruppensiegern der Nations League in zwei Play-off-Runden im März 2026 die vier weiteren WM-Teilnehmer aus Europa aus. Die Qualifikationsgruppen sollen im Dezember ausgelost werden.

Nun gilt es aber zunächst einmal, die Wunden zu lecken. „An euch: Vielen Dank für das tolle Gefühl, das ihr uns gegeben habt. Es war wahnsinnig schön, für euch auf dem Platz zu kämpfen“, hat Klassensprecher Füllkrug von Borussia Dortmund nach dem EM-Aus in seiner Rede an die Nation verkündet. „Schade, dass es nur bis zum Viertelfinale war. Ihr wart auf jeden Fall überragend.“