Führungsspieler auch im Nationalteam Wie Tah nicht nur in der Nationalmannschaft den nächsten Schritt machen will

München · Er war immer nah dran – und hat dann lange doch keine echte Rolle in der Nationalmannschaft gespielt. Bei der EM 2016 in Frankreich stand er zwar im Kader, spielte aber nicht. Acht Jahre später ist seine Rolle im Team von Julian Nagelsmann deutlich gewichtiger.

Jonathan Tah soll eine Stütze für die anstehende EM sein. (Archivbild)

Jonathan Tah soll eine Stütze für die anstehende EM sein. (Archivbild)

Foto: dpa/Tom Weller

Etwas flunkern gehört zum Profigeschäft dazu. Und so ist Jonathan Tah eben nicht nur ein sehr, sehr guter Verteidiger, sondern auch ein sehr, sehr guter Flunkerer. Es ist gerade einmal ein paar Tage her, da ist der 28-Jährige in kleinerer Runde zu seiner Zukunft gefragt worden. Und Tah wollte sich nur auf das für ihn gerade Wesentliche konzentrieren. „Es gab in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder Spekulationen“, sagte der Verteidiger im deutschen Trainingslager. „Das ist verständlich durch meine Vertragssituation. Aber ich fokussiere mich voll und ganz darauf, was vor uns steht.“ Tah geht ins letzte Vertragsjahr bei Leverkusen.

Bleiben oder sich noch einmal woanders ausprobieren? Offenbar ist diese Entscheidung dann doch bereits gefallen. Er soll sich mit den Münchnern auf einen Fünfjahresvertrag geeinigt haben und den Bayer-Verantwortlichen seinen Wechselwunsch mitgeteilt haben. Nun geht es wohl „nur“ noch um die fällige Ablösesumme. Sky hat zuerst darüber berichtet. Die Bayern sind angeblich bereit, rund 20 Millionen auf den Tisch zu legen. Die Leverkusener verlangen allerdings fast das Doppelte für ihren Leistungsträger, der noch bis zum Ende der kommenden Saison bei ihnen unter Vertrag steht. Die Bemühungen des Meisters um eine Vertragsverlängerung mit Tah, der seit 2015 in 353 Spielen für Leverkusen aufgelaufen ist, sind offensichtlich gescheitert. Hinter den Kulissen wird nun eifrig verhandelt werden, so kurz vor dem Start der Heim-EM eher ein suboptimaler Zustand, weshalb eine schnelle Einigung zumindest wünschenswert wäre.

Über Hamburg und Düsseldorf nach Leverkusen

Tah ist keiner dieser klassischen Überflieger. Er hat sich in seinem Leben alles hart erarbeitet. Er ist nicht auf die große Fußballbühne getreten und alle haben ihm den roten Teppich ausgerollt. Er ist kein Wandervogel und doch hat er schon einiges in dem Geschäft erlebt. Er begann beim Hamburger SV, wo er alle Jugendmannschaften durchlief, mit 17 dann seine Premiere. Er ging als Leihspieler zu Fortuna Düsseldorf und konnte so sehr überzeugen, dass Bayer Leverkusen 2015 für ihn zehn Millionen gezahlt hat.

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Tah hat Schritt für Schritt gelernt und ist irgendwann selbst zum Abwehrchef geworden. In die Nationalmannschaft hat er es erst verhältnismäßig spät geschafft, zumindest was seine Rolle als Stammkraft angeht. Diese Europameisterschaft soll ihm auch auf internationaler Bühne zum Durchbruch verhelfen. Kommt das alles nicht ein wenig spät? „Überhaupt nicht“, sagt er ganz gelassen. „Wirklich überhaupt nicht. Ich war vorher einfach noch nicht so weit. Es hat bei mir etwas gebraucht.“

Geadelt von Abwehrkollege Rüdiger

Und doch kann er mehr als zufrieden sein, wie sich alles entwickelt hat. Tah ist 1,95 Meter groß, ein Hüne mit Schultern so breit wie ein Kleiderschrank. Er wirkt in sich ruhend, aber er kann auf dem Platz zu einem echten Lautsprecher werden, der die Abwehr dirigiert, das Spiel nach vorne auch initiieren kann. An Tah, Deutscher mit ivorischen Wurzeln, kommt man nicht so einfach vorbei. Unlängst ist er von Antonio Rüdiger geadelt worden. Der Champions-League-Sieger von Real Madrid bezeichnete ihn als „besten Innenverteidiger der Bundesliga“. Ein tolles Kompliment einerseits, andererseits dürfte es aber auch das Bestreben von Tah sein, noch ein paar Stufen hochzuklettern. Er ist erwachsen geworden und reif für die Verantwortung.

Wann für ihn ganz persönlich die EM ein Erfolg wäre, wird Tah gefragt. Er überlegt einen kurzen Augenblick, dann sagt er: „Wenn wir den Titel gewinnen. Alles andere zählt nicht. Dafür sind wir alle Sportler geworden, um zu gewinnen. Ich bin ein schlechter Verlierer, egal ob auf dem Platz oder bei einem Spiel mit den Jungs. Es gibt da diesen Ehrgeiz, ganz oben stehen zu wollen.“ Die Bühne bei der Europameisterschaft könnte wie geschaffen für ihn sein. 2016 unter Bundestrainer Joachim Löw stand er zwar bei der EM in Frankreich im Kader, doch zu einem Einsatz während des Turniers reichte es nicht. Diesmal spielt er eine deutlich gewichtigere Rolle. Er ist bereit.