5:1 bei EM gegen Schottland Diese Lehren kann man aus dem Auftaktspiel des DFB-Teams ziehen

Analyse | München · Das Auftaktspiel der Europameisterschaft – für Deutschland ein Einstand nach Maß. Was man wirklich aus dem 5:1 gegen die Schotten ziehen kann? Die Aussagekraft ist überschaubar und doch gab es wichtige Erkenntnisse. Was besonders gut gewesen ist. Was besser werden muss.

 Trugen mit starken Leistungen zum Auftaktsieg bei: Toni Kroos (l.) und Ilkay Gündogan (r.). (Archivbild)

Trugen mit starken Leistungen zum Auftaktsieg bei: Toni Kroos (l.) und Ilkay Gündogan (r.). (Archivbild)

Foto: dpa/Christian Charisius

Die größte Herrausforderung nach dem furiosen Auftritt der deutschen Mannschaft beim Eröffnungsspiel dürfte wohl nun sein, die Erwartungen irgendwie in Balance mit der Realität zu halten. Einerseits waren es „nur“ die Schotten und nicht ein echtes Schwergewicht der Branche. Aber, anderseits, auch gegen die Bravehearts muss man erst einmal so auftrumpfen. Es geht weniger um das Ergebnis als solches, sondern die Art und Weise des Auftretens. Da stand eine Mannschaft auf dem Platz, die einfach spielen wollte. Die auch in der Lage ist, zu spielen.

Spielstarkes Mittelfeld als Herzstück

Zentraler Faktor ist dabei die Rückkehr von Toni Kroos in die DFB-Auswahl, weil sich dadurch ganz neue Möglichkeiten für Bundestrainer Julian Nagelsmann ergeben. Ilkay Gündogan kann eine Position weiter vorne spielen und ist deutlich entlastet. Besonders der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft ist richtig aufgeblüht und hat in der ersten Halbzeit eines seiner besten Länderspiele überhaupt gemacht.

Die spielerische Qualität ermöglicht es, in die kleinen Räume zu gehen. Dort sind Kai Havertz, Jamal Musiala, Florian Wirtz und eben Gündogan ein echtes Spezialkommando. Für den Gegner ist das nur schwer bis gar nicht zu verteidigen und wenn ,mit einem hohen Risiko verbunden, im Strafraum ein Foul und damit einen Elfmeter zu riskieren. Dieser Tempo-Vorteil kann den Unterschied ausmachen, wenn es konsequent ausgespielt wird.

Noch kein echter Stresstest

Nagelsmann war berufsbedingt schwer begeistert. Gündogan, der zuletzt auch mitunter Kritik einstecken musste, bekam ein Extra-Lob vom 36-Jährigen. „Ilkay hat ein Tor verdient. Er wurde zweimal gut geblockt, er ist immer in torgefährlichen Räumen gewesen. Es ist wertvoll, dass es nicht einer gewesen ist heute, sondern dass wir die Blumen verteilen können.“

EM: Deutschland gegen Schottland - die besten Bilder des Eröffnungsspiels
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Die besten Bilder aus dem DFB-Duell mit Schottland

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Einen echten Stresstest musste die DFB-Elf gegen bisweilen heillos überforderte Schotten nicht absolvieren, weshalb man sehr vorsichtig sein muss mit einer Gesamtbewertung – was überhaupt nicht die Euphorie um die Mannschaft schmälern soll. Nur Ungarn wird Deutschland vor ganz andere Probleme stellen. Der deutlich anspruchsvollere Kontrahent dürfte sich nicht so bereitwillig wie die Schotten auf Spielchen im Kleinklein einlassen.

Taktgeber Kroos

Am Freitagabend hat in der Spieleröffnung vor allem Kroos die Fäden gezogen. Insgesamt spielte Kroos an diesem Abend laut statistischer Auswertung 102 Pässe mit einer Passquote von 99 Prozent – in der 51. Minute wurde ein Ball von ihm von einem Schotten abgefangen. Ansonsten erfreute er sich großer Freiheiten. Die nutzte er aus und überspielte immer wieder die zweite schottische Kette, so waren die flinken Musiala und Wirtz in Position gebracht und konnten den nächsten Schritt in die gefährliche Zone gehen, die heute Box heißt und früher schlicht Strafraum genannt wurde.

Was gehen kann, wenn alles optimal läuft, hat man jetzt gesehen. Wie es wird, wenn die Bedingungen anspruchsvoller werden, muss man abwarten. Wenn die Kreativkräfte dauerhaften Begleitschutz haben und sich nur wenig entfalten können, wird entscheidend sein, wie die Reihe dahinter mitarbeitet. Nicht nur in der Mitte, sondern besonders die Außenpositionen um Joshua Kimmich und Maxi Mittelstädt müssten dann für Entlastung sorgen.

Potenzial zum Sommermärchen ist da

Was definitiv ein Thema sein könnte, ist die Disziplin auf dem Platz. Zwei Verwarnungen für Robert Andrich und Jonathan Tah ,eher aus der Kategorie unnötig. Solche Karten sollte man sich möglichst sparen, wenn man im Laufe eines hoffentlich langen Turniers maximal viele Optionen behalten will. Nagelsmann hat das einzig richtige gemacht und sich für einen frühen Wechsel von Andrich zu Pascal Gross entschieden. Eine gute Möglichkeit, alle im Spielrhythmus zu halten.

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Foto: Ostermann, Olaf (oo)

Deutschland hat sich vielleicht selbst ein wenig überrascht mit diesem couragierten Auftritt. Ein ganzes Land ist aufgeweckt worden und träumt schon zart davon, wieder ein Sommermärchen erleben zu dürfen. Die Anlagen dafür sind auf jeden Fall vorhanden.