„Welcher Dummkopf hat das erlaubt?“ Wie DFB-Star Musiala zaubert und für Frust in England sorgt

Stuttgart · Vor drei Jahren entschied sich Jamal Musiala gegen die englische und für die deutsche Nationalmannschaft. Mit Blick auf seine Leistungen bei der Europameisterschaft sorgt das für Frust in seiner zweiten Heimat.

Deutschlands Jamal Musiala im Dribbling gegen Ungarn.

Deutschlands Jamal Musiala im Dribbling gegen Ungarn.

Foto: dpa/Federico Gambarini

Der Stuttgarter Hauptbahnhof ist alles andere als eine schöne Fotokulisse. Der milliardenteure Umbau im Zuge des Großprojektes Stuttgart 21 verzögert sich noch mindestens bis ins Jahr 2026, sodass dort aktuell vor allem Baugruben, Absperrungen und Hinweisschilder das Gesamtbild prägen. Dennoch griffen dort in den vergangenen Tagen insbesondere Fußballfans häufiger als gewöhnlich zur Handykamera, um ein bestimmtes Detail zu fotografieren. Denn alle „Stuttgart“-Ortsschilder am Bahnhof wurden für die Zeit der Europameisterschaft im eigenen Land mit dem Zusatz „Heimatstadt von Jamal Musiala“ versehen. Ein Motiv dieser EM, das Fans sich gerne bewahren möchten.

Das Schild in Stuttgart mit dem Hinweis zu Jamal Musiala.

Das Schild in Stuttgart mit dem Hinweis zu Jamal Musiala.

Foto: Sebastian Kalenberg

Über ganz Deutschland verteilt hat die Deutsche Bahn diese Schilder in den Heimatstädten der EM-Spieler und Trainer aufgehängt. Der 2:0-Erfolg gegen Ungarn im zweiten Gruppenspiel, den Musiala mit einem Treffer entscheidend mitgestaltet hat, war also ein echtes Heimspiel für den 21-Jährigen. Im Februar 2003 wurde der Ausnahmedribbler in der Hauptstadt Baden-Württembergs geboren, aufgewachsen ist er dann aber nach einem Umzug seiner Familie ab 2005 im hessischen Fulda, was an einem anderen Detail bei dieser EM ebenfalls zu erkennen ist.

Fußballerische Sozialisation in England

Jeder Spieler trägt bei diesem Turnier auf seiner Trainingsjacke unterhalb des Adidas-Logos eine kleine, individuell designte Deutschlandkarte, auf der der jeweilige Heimatverein markiert ist. Bei Musiala zeigt der Marker auf Fulda und den TSV Lehnerz. Dort machte der deutsche Nationalspieler seine ersten und direkt sehr erfolgversprechenden Gehversuche auf dem Fußballplatz.

 Das DFB-Team vor der Partie gegen Ungarn. Jeder Spieler trägt auf seiner Trainingsjacke eine Deutschlandkarte mit seinem Heimatverein.

Das DFB-Team vor der Partie gegen Ungarn. Jeder Spieler trägt auf seiner Trainingsjacke eine Deutschlandkarte mit seinem Heimatverein.

Foto: AFP/TOBIAS SCHWARZ

Seine wirkliche fußballerische Sozialisation genoss Musiala dann aber in England. Während ihres Studiums ging Musialas Mutter, als er sieben Jahre alt war, für ein Auslandssemester ins englische Southampton und nahm ihn für diese Zeit mit dorthin, später zog die Familie ganz auf die Insel.

So durchlief das große Talent seit 2011 die Jugendakademie des FC Chelsea und spielte – mit Ausnahme von zwei U16-Partien im DFB-Dress – bis zur U21 für die englischen Nationalteams. Seit 2018 besitzt Musiala neben der deutschen auch die englische Staatsbürgerschaft. Bei den „Young Lions“ zauberte Musiala damals gemeinsam mit dem vier Monate jüngeren Jude Bellingham – zwischen den beiden Supertalenten entstand schnell eine besondere Freundschaft.

Jogi Löw wirbt intensiv um Musiala

Dass sich Musiala nach seinem Wechsel zum FC Bayern München und der Rückkehr in sein Heimatland Anfang 2021 doch wieder für die deutsche Nationalmannschaft entschied, und damals im WM-Qualispiel am 25. März gegen Island sein A-Länderspieldebüt beim DFB feierte, lag am erfolgreichen Werben vom damaligen Bundestrainer Jogi Löw, der dem Ausnahmespieler eine klare Perspektive im Team aufzeigte.

Drei Jahre – und zwei Großturniere, die Musiala schon für Deutschland absolviert hat – später, zeigt sich bei dieser EM einmal mehr, welch großer Gewinn der Spieler des FC Bayern München für den deutschen Fußball ist. Im Eröffnungsspiel traf er gegen Schottland zum 2:0, am Mittwoch erzielte er beim Sieg über Ungarn den Führungstreffer. In beiden Partien brachte Musiala seine unnachahmliche Technik, die Tempodribblings und den Spielwitz auf den Rasen und gehörte jeweils zu den absoluten Matchwinnern im Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann.

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„Jamal Musiala ist unglaublich. Es ist so eine Freude, mit ihm zu spielen, ich liebe ihn“, sagte DFB-Kapitän Ilkay Gündogan nach dem Ungarn-Spiel. Und auch Innenverteidiger Antonio Rüdiger, der bei Chelsea unter Vertrag stand, als Musiala dort in der Jugend aktiv war, lobte den 21-Jährigen: „Er ist einfach ein herausragender Fußballspieler.“ Das Spiel des Müncheners ist geprägt von Eins-gegen-Eins-Situationen, die er mit seiner feinen Technik und den schnellen Bewegungen immer wieder sucht. Gepaart mit seiner Größe von 1,84 Metern und einem tiefer Körperschwerpunkt ist er für gegnerische Verteidiger nur schwer zu greifen. Es sind Qualitäten, die man nicht lernen kann. Man hat sie, oder hat sie nicht.

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Foto: dpa/Federico Gambarini

Daily Mail: „Wer war der Dummkopf?“

Womit wir wieder bei England wären, denn sie haben Musiala nicht mehr in ihren Reihen – was auf der Insel auch Jahre später noch für Unmut sorgt. „Wer war der Dummkopf, der es erlaubt hat, dass sich Jamal Musiala aus dem englischen Fußball entfernt? Was ein wunderbarer Spieler und was ein Grund für England, um sich in die Faust zu beißen, dass diese Verbindung mit seiner Heimat mit der U21 geendet ist“, wetterte die Daily Mail nach der Partie am Mittwoch.

Der Frust über Musialas damalige Entscheidung für Deutschland und gegen England brach sich in den vergangenen Jahren bei Medien und Fans immer wieder bahn. Von einer Schande war da mitunter zu lesen, Musiala sei ein Überläufer. Mit dem englischen Verband habe es damals übrigens keine großen Probleme gegeben. „Sie konnten meine Entscheidung nachvollziehen und haben mir alles Gute für meine Zukunft gewünscht. Ich habe mich total über ihre positive Reaktion gefreut. Das sind echte Sportsmänner“, erklärte Musiala damals.

Deutschlands Jamal Musiala (l.) und Englands Jude Bellingham (M.) kämpfen um den Ball.

Deutschlands Jamal Musiala (l.) und Englands Jude Bellingham (M.) kämpfen um den Ball.

Foto: dpa/Christian Charisius

Das für ihn enorm emotionale Duell mit Deutschland gegen England gab es übrigens schon zweimal in Musialas DFB-Karriere. Zuletzt vor zwei Jahren in der Nations League (3:3) und davor im Achtelfinale der EM 2021 – es war Musialas viertes Länderspiel. Damals traf der Deutsch-Engländer auch auf seinen Freund Jude Bellingham auf der Gegenseite. Das DFB-Team verlor mit 0:2, Musiala stand nur 60 Sekunden auf dem Platz. Sollte es bei diesem Turnier zum dritten Spiel gegen seine zweite Heimat gehen, dann voraussichtlich erst in einem möglichen Finale – wenn beide Teams ihre Gruppen gewinnen und es bis nach Berlin schaffen. In so einem Endspiel könnte der DFB-Star für weiteren Frust in England sorgen.