EM-Kolumne von Berti Vogts Diese Leistung kam genau zum richtigen Zeitpunkt

Kolumne | Düsseldorf · Der frühere Bundestrainer ist vom 1:1 der deutschen Mannschaft gegen die Schweiz sehr angetan. Nicht vom Resultat, sondern von gleich mehreren Erkenntnissen, die der späte Ausgleich für Bundestrainer Julian Nagelsmann bereithält. Ein besonderes Lob bekommt Niclas Füllkrug .

 Unser EM-Kolumnist, Ex-Bundestrainer Berti Vogts.

Unser EM-Kolumnist, Ex-Bundestrainer Berti Vogts.

Foto: dpa/Patrick Seeger

Das 1:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen die Schweiz hat mir viel Spaß gemacht. Einmal, weil mich die Schweizer sehr positiv überrascht haben. Vor allem Granit Xhaka ist ein Spieler, der mir gefällt, weil er seine Kollegen mitreißt, weil er immer bereit ist, Zeichen zu setzen; fußballerisch, aber gern auch mal mit der nötigen Härte. Jetzt hat jeder gesehen, warum er eine der Triebfedern der großartigen Saison von Bayer Leverkusen war.

Das Spiel hat mir aber auch deswegen gefallen, weil es enorm wichtig für die deutsche Mannschaft und Trainer Julian Nagelsmann war. Vorweg: Es bleibt für mich dabei – wir sind ein absoluter Titelfavorit. Gerade dieses 1:1 belegt meine Thesen: Erstens, dass hier eine tolle Mannschaft zusammenwächst. Und zweitens, dass erstmal eine Mannschaft kommen muss, die uns besiegen kann. Ich habe in Frankfurt den absoluten Willen gesehen, nicht verlieren zu wollen. Das ist die Basis, um Großes zu erreichen.

Die Mannschaft wirkte in der ersten Hälfte müde und träge

Es hat mich allerdings überrascht, wie träge und müde die Mannschaft in der ersten Halbzeit wirkte. Das fehlten gerade im Mittelfeld Schnelligkeit und Laufbereitschaft, das hat es den Schweizern, die top eingestellt waren, leicht gemacht. Allerdings ist es aus deutscher Sicht menschlich. Das Achtelfinale war bereits erreicht, die Reaktion kann man in solchen Fällen immer wieder beobachten: Jeder ruft zehn Prozent weniger ab. Aber Vorsicht, in der Summe fehlt dann ein Spieler. Und das reicht nicht bei einer Europameisterschaft.

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Foto: AP/Frank Augstein

Im Grunde kam diese Leistung genau zum richtigen Zeitpunkt. Es konnte nichts mehr passieren, was das Weiterkommen angeht, es ging „nur“ um den Gruppensieg. Und nach der Pause hat man gesehen, dass die Mannschaft den unbedingt wollte. Sie hat alles darangesetzt, das eine Tor noch zu machen, das hat mir gefallen. Und das ist genau die Siegermentalität, die eine deutsche Mannschaft bei ihren großen Erfolgen immer wieder ausgezeichnet hat.

Das ist für den Bundestrainer ein Glücksfall

Für Julian Nagelsmann ist das Spiel ein Glücksfall. Er hat nun die nötigen Argumente, um nochmal allen klar zu machen, worauf es ankommt – auf 100 Prozent Konzentration und Leistungsbereitschaft über 90 Minuten. Und er hat gesehen, dass er nicht nur elf Mann im Kader hat, sondern ein Team. Die Spieler, die von der Bank kamen, haben die Wende gebracht. Nun weiß jeder der Etablierten, dass er sich keine Laxheit erlauben kann. Was ich immer sage: Der Star ist die Mannschaft – das Schweiz-Spiel hat die Geschlossenheit des DFB-Teams, die die Grundlage dafür ist, gezeigt.

Ein besonderes Bravo gibt es für Niclas Füllkrug. Einmal, weil er wieder gezeigt hat, wie wichtig ein klassischer Mittelstürmer ist. Flanke, Kopfball, Tor – ganz einfach, ganz simpel, schön, dass die deutsche Mannschaft auch das wieder für sich entdeckt hat. Füllkrug hat nachgewiesen, dass er ein Charaktertyp ist. Er hat, wie die anderen die reingekommen sind, seine Rolle angenommen und stellt sich damit komplett in den Dienst der Mannschaft. Auch das, was er nach dem Spiel gesagt hat, hat mir gefallen, er kam selbstbewusst und als Teamplayer rüber. All das spricht absolut für ihn.

Die deutsche Nationalmannschaft ist wieder hungrig auf Erfolg

Es ist für das Selbstvertrauen der Mannschaft wichtig, den ersten Platz in der Gruppe verteidigt zu haben, dass sie darum gekämpft hat, spricht für das Selbstverständnis, diese Gruppe als Erster abschließen zu wollen. Das ist auch eine Botschaft an die Konkurrenz nach dem Vorrundenaus bei der WM in Katar: Die deutsche Nationalmannschaft ist wieder hungrig auf Erfolg.

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Foto: dpa/Arne Dedert

Der Trainer hat gesehen, dass er sich auf den gesamten Kader verlassen kann – und die Mannschaft hat gesehen, dass der Trainer in schwierigen Situationen die richtigen Ideen hat. Seine Wechsel haben das Spiel beeinflusst. Darum mache ich mir absolut keine Sorgen um die deutsche Mannschaft, auch wenn es gegen die Schweiz 60 Minuten lang unrund war. Deutschland hat nicht gesiegt, aber Nagelsmann und sein Team haben viel gewonnen an diesem Abend. Spiele wie dieses können in einem Turnier eine sehr große Bedeutung haben.

Zum Autor: Berti Vogts (77) ist als Spieler mit Deutschland Welt- und Europameister geworden. 1996 führte er das DFB-Team als Bundestrainer zum letzten EM-Triumph, 1992 war sein Team Vize-Europameister. Während der Heim-EM 2024 ist Vogts Kolumnist unserer Redaktion.

(Berti Vogts)