Mitsingen der Nationalhymne: Einigkeit und Recht und Schweigen

Mitsingen der Nationalhymne: Einigkeit und Recht und Schweigen

Während die Spieler anderer Nationen ihre Hymnen lautstark mitsingen, bekommen einige deutsche Fußballer die Lippen nicht auseinander. Ist das ein Skandal? Eher nicht. Gelassenheit, wie sie Jogi Löw bei diesem Thema zeigt, ist angebracht.

Man musste sich ernsthaft Sorgen um die Polen machen. Sie schienen sich schon vor Anpfiff der Vorrunden-Begegnung mit Russland zu verausgaben. Sie schmetterten ihr "Noch ist Polen nicht verloren" mit beispielloser Inbrunst. Die Halsschlagadern traten bei den Profis hervor, der Schweiß stand ihnen auf der Stirn.

Und was machen die deutschen Spieler bei der Hymne? Jedenfalls nicht alle das selbe. Manche singen, andere schweigen. Bundestrainer Joachim Löw und seine Kollegen auf der Trainerbank singen mit, bei den Spielern aber gibt es solche und solche. Lukas Podolski, Jerome Boateng, Mesut Özil und Sami Khedira stehen stumm in der Reihe, die anderen sieben stimmen ins "Einigkeit und Recht und Freiheit" ein.

Podolski hat zum Beispiel das Problem, dass in seiner Brust drei Herzen schlagen: neben einem kölschen, ein polnisches und ein deutsches. Mit Rücksicht auf sein Geburtsland Polen singt er die deutsche Hymne nicht mit, gerade bei einer EM in Polen und der Ukraine nicht. Vielleicht könnte er sich eher mit der Variante anfreunden, die 1949 bei einem Länderspiel in Köln gewählt wurde. Damals hatte die Bundesrepublik noch keine Hymne, das diplomatische Protokoll verlangte aber danach. Also spielten die Kölner nach der Hymne des Gastes Belgien den Karnevalsschlager "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien". Bundeskanzler Konrad Adenauer wurde übrigens zu jener Zeit in Chicago mal mit "Heidewitzka, Herr Kapitän" begrüßt.

Beten während der Hymne

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Die Familie Özil lebt bereits in dritter Generation in Deutschland. Mesut ist wie seine Nationalmannschaftskollegen Manuel Neuer und Ilkay Gündogan in Gelsenkirchen geboren worden. Wenn es um die Hymne geht, schlägt er ein paar Haken. Sein Schweigen erklärt er so: "Zum einen konzentriere ich mich in diesem Moment schon auf das Spiel. Und dann bete ich während der Hymne."

Franz Beckenbauer erließ 1984, als er das Amt des Teamchefs antrat, eine Singpflicht: "Alle sollten die Hymne singen, man hat dann eine ganz andere Einstellung." Allerdings gab es zu dieser Zeit kaum Nachkommen von Einwanderern in der Nationalelf. Das hat sich im Zuge des Neuaufbaus in der Auswahl und ihrem Unterbau seit 2000 radikal geändert. Die Mannschaften des DFB präsentieren sich als Multikulti-Teams. Mit Recht ist der Verband darauf sehr stolz und stellt diesen Charakter in Werbespots heraus ("Mas integracion"). Familie Podolski stammt aus Polen, die Boatengs aus Ghana, die Özils aus der Türkei und die Khediras aus Tunesien.

Löw geht mit der von der Öffentlichkeit bei jedem großen Turnier hitzig geführten Debatte "Singen oder Nichtsingen" vorbildlich gelassen um. "Ich habe vor einiger Zeit mit einigen Spielern über das Thema gesprochen", sagte Löw kurz vor der WM 2010 , "eins ist klar: Wir freuen uns, wenn möglichst viele Spieler mitsingen, aber wir zwingen niemanden dazu. Unsere Jungs identifizieren sich total mit der Nationalmannschaft und Deutschland. Aber man muss auch an ihre Herkunft denken." Und bedeutet die in der Hymne besungene Freiheit nicht auch die Freiheit vor dem Anpfiff zu schweigen?

(RP/areh/seeg)