1. Sport
  2. Fußball
  3. EM
  4. Alles zum DFB

Deutschland - England 1972: Günter Netzers perfektes Spiel in Wembley

Ein Stück Fußballgeschichte : Netzers perfektes Spiel in Wembley

Der frühere Gladbacher wurde beim 3:1-Sieg gegen England im Halbfinale der EM 1972 zum Helden. Im Regen von London gab Netzer den Takt vor und führte das deutsche Team zum ersten Sieg über England.

Günter Netzer und die Nationalmannschaft, das war so eine Sache. Nur 37 Mal spielte einer der besten Fußballer, die Deutschland je hervorgebracht hat, für sein Land, und nicht einmal Weltmeister will er genannt werden. Denn 1974, als Deutschland mit ihm im Kader den Titel holte, spielte er nur eine tragische Rolle. Er wurde beim 0:1 gegen die DDR, der gigantischen Blamage auf dem Weg zum Triumph, eingewechselt, konnte das Drama aber nicht abwenden.

Danach war Netzer außen vor, nur einmal noch war er wichtig: Im Abschlusstraining vor dem Endspiel gegen die Niederlande, als er Johan Cruyff mimte und so seinen Mönchengladbacher Kameraden Berti Vogts auf die Sonderbewachung des Oranje-Anführers vorbereitete. „Ich darf wohl ohne Angeberei sagen, dass ich im Training einer der besten Cruyffs war, die es je zu sehen gab“, schrieb Netzer in seiner Autobiografie „Aus der Tiefe des Raumes“. Und: „Die deutsche Mannschaft wurde Weltmeister, und ich zähle mich bis heute nicht dazu. Europameister bin ich geworden, Weltmeister nie.“

Europameister wurde Netzer 1972, als die vielleicht beste deutsche Mannschaft aller Zeiten fröhlich aufspielte und im Finale die UdSSR 3:0 besiegte. Doch war nicht dieses Endspiel das Faszinosum dieser Europameisterschaft, sondern das Viertelfinale, denn: Wie 1996, als Deutschland im Halbfinale England im Elfmeterschießen besiegte, führte der Weg zum Titel auch 1972 über Wembley. Und Netzer war der Held dieses ersten Sieges einer deutschen Mannschaft in England.

Der 29. April 1972 war ein regnerischer Samstag. Englisches Wetter, aber auch Fritz-Walter-Wetter. Deutschland spielte in Grün und Netzer raunte vor dem Spiel Franz Beckenbauer, mit dem er an diesem Tag so herrlich aufspielen sollte, zu: „Wenn wir hier weniger als fünf Stück kriegen, haben wir ein Riesenresultat erzielt.“ Er irrte gewaltig, weil er selbst zu gut war, so gut, dass später Ludger Schulze in dem Buch „Die Mannschaft“ schrieb: „Netzer schwang den Taktstock und alle tanzten nach seiner Melodie.“

Für den FAZ-Autor Karl-Heinz Bohrer war dieses Spiel der Gedankenanstoß, den seither auf ewig mit Netzer verbundene Satz „aus der Tiefe des Raumes“ zu kreieren. „Der aus der Tiefe des Raumes plötzlich vorstoßende Netzer hatte ‚thrill‘. ‚Thrill’, das ist das Ergebnis, das nicht erwartete Manöver; das ist die Verwandlung von Geometrie in Energie, die vor Glück wahnsinnig machende Explosion im Strafraum, ‚thrill‘, das ist die Vollstreckung schlechthin, der Anfang und das Ende. ‚Thrill‘ ist Wembley“, schrieb Schröder.

  • Jack Charlton und Siggi Held messen
    Vom Wembley-Tor bis zur WM 2010 : Deutschland gegen England – der Klassiker des Weltfußballs
  • Ungarische Fans während des Spiels gegen
    EM-Liveblog : Uefa ermittelt nach Wembley-Sturm gegen die FA
  • EM 2021 : Die Top-Torjäger des Turniers

Netzer, der wie Wissenschaftler der Sporthochschule Köln analysierten, 99 Ballkontakte hatte (88 Offensivaktionen, 64 angekommene Pässe), schoss den Elfmeter zum vorentscheidenden 2:1 etwas glücklich ins Tor, doch was er vorher zeigte, war bemerkenswert: Mit langen Schritten eilte er durchs Mittelfeld, sein Wechselspiel mit Franz Beckenbauer war der Schlüssel zum Sieg. „Ramba-Zamba“-Fußball spielten die Deutschen, England und der Rest der Fußballwelt staunten.

Was das Gesamtkunstwerk angeht, befand Netzer: „In Wembley waren wir der Perfektion sehr nahe.“  In seiner persönlichen Bilanz steht das DDR-Debakel am Ende der Bewertungsskala der Spiele für Deutschland. Das Wembley-Ereignis ist die Antipode. „Es war mein bestes Länderspiel“, sagte Netzer.