Deutsche Nationalmannschaft: Marcus Sorg beendet Chefwoche erfolgreich

Löw-Vertreter Sorg beendet Chefwoche erfolgreich : „Haben unsere Aufgabe erfüllt“

Marcus Sorg hat seinen Sechs-Punkte-Auftrag souverän erfüllt. Der Aushilfs-Bundestrainer sieht die deutsche Mannschaft auf einem guten Weg. Beim 8:0 gegen Estland begeistert das verjüngte DFB-Team mit Spielfreude.

Der ungeschlagenste Bundestrainer aller Zeiten lächelte ein wenig verlegen. So richtig im Blickpunkt stehen wollte Marcus Sorg nicht. Und doch tritt er mit einer bemerkenswerten Bilanz in die zweite Reihe zurück. Als Vertreter des verletzten Bundestrainers Joachim Löw feierte der eigentliche Assistent in zwei EM-Qualifikationsspielen zwei Siege. Dem 2:0 in Weißrussland folgte am Dienstag in Mainz ein 8:0 (5:0) gegen Estland. Danach übergab er das Projekt Nationalmannschafts-Neuaufbau wieder in die Obhut Löws. Er wird es gern getan haben, die Rolle in der ersten Reihe liegt ihm nicht.

Er muss dennoch einiges richtig gemacht haben in den vergangenen Tagen. Seine Mannschaft spielte in Weißrussland seriös und professionell, gegen Estland mit erkennbarem Spaß an der Sache. "Ich bin sehr zufrieden", sagte Sorg, "und ich bin stolz auf die Mannschaft, die nach einer langen, kräftezehrenden Saison in den zwei Spielen noch mal unfassbar konzentriert gearbeitet hat. Sie ist bereit, mit Leidenschaft und Begeisterung zu spielen." Sie startete mit Kombinationen, gegen die der Fußballzwerg aus dem Baltikum keine Mittel fand, obwohl er in Abwehr und Mittelfeld einen regelrechten Menschenwall errichtet hatte. Die DFB-Auswahl aber spielte entweder schnell und präzise über die Flügel oder mit gut dosierten Pässen in die Tiefe. Die Tore waren eine logische Folge.

Fast alle waren in der Entwicklung und der Vollendung schön anzusehen. Marco Reus traf nach einer schnellen Ballstafette über Ilkay Gündogan und Thilo Kehrer aus kurzer Distanz zum 1:0, und er schmetterte einen Freistoß zum 5:0 in den Torgiebel. Leroy Sané legte Serge Gnabry den Ball zum 2:0 mit einem kleinen Kunststück auf, und wieder hatte Gündogan den Treffer mit einem Steilpass eingeleitet. Dafür durfte er sich mit einem Foulelfmeter zum 4:0-Zwischenstand belohnen. Leon Goretzka, dem zuvor das 3:0 mit einem Kopfball auf Flanke von Joshua Kimmich gelungen war, wurde im Strafraum unfair gebremst.

Nach dem Wechsel, als es die Deutschen im Angesicht einer überdeutlichen Überlegenheit ein bisschen ruhiger angehen ließen und nicht mehr nach jedem Ballverlust auf Gedeih und Verderb den Ball jagten, erhöhte Gnabry auf 6:0, nachdem er durch den eingewechselten Marcel Halstenberg von der linken Grundlinie freigespielt worden war. Der ebenfalls eingewechselte Timo Werner traf aus spitzem Winkel zum 7:0, und kurz vor dem Ende durfte endlich auch Sané ran. Er machte das 8:0, zwei frühere Treffer des Stürmers von Manchester City wurden wegen Abseits aberkannt - mindestens einmal zu Unrecht.

Das waren aber allenfalls Fußnoten einer einseitigen Begegnung, in der das im Vergleich zum WM-Turnier von Russland vor einem Jahr deutlich verjüngte DFB-Team gute Unterhaltung bot. Diesen positiven Eindruck schmälert auch die Tatsache nicht, dass Estland international in der dritten oder vierten Liga angesiedelt werden muss. Es hat auch schon deutsche Mannschaften gegeben, die sich gegen solche Gegner mit einer einigermaßen deutlichen Führung begnügten und dann auf Dienst nach Vorschrift schalteten.

Das machten die Spieler von Marcus Sorg nicht. Sie blieben auf dem Gaspedal, weil sie um ihre Plätze im Neuaufbau kämpfen müssen und weil der DFB insgesamt seinem Anhang nach dem Vorrunden-Ausscheiden in Russland und dem Abstieg aus der Nations League Wiedergutmachung schuldig ist.

Das Mainzer Publikum nahm diese Geste an. Früh brandete die Begeisterungswelle über die Ränge, und im Überschwang der Gefühle stimmte ein Teil der Zuschauer den alten Schlager an: "Oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht gesehen." So viel Spaß war tatsächlich einige Zeit nicht mehr. Es ist ein Schritt im fälligen Neuaufbau.

Am Ziel ist das DFB-Team natürlich noch lange nicht. Aber dass sie im Sommer 2019 nach drei EM-Qualifikationsspielen mit makelloser Bilanz dasteht, war nicht dringend zu erwarten. Das 3:2 im Spitzenspiel bei den Niederländern hat offenbar Rückenwind gegeben, die Pflichtsiege gegen die Fußballzwerge Weißrussland und Estland machen die Mannschaft lockerer. Sie ist auf dem richtigen Weg. "Wenn wir auf dem Boden bleiben, ist noch viel möglich", sagte Goretzka.

Zum positiven Eindruck in Mainz trugen Gündogan mit seiner Ballsicherheit und seinen gefühlvollen Pässen, Reus mit seiner Schusstechnik und Lauffreude und Kimmich mit seinem unnachgiebigen Erfolgshunger am meisten bei. Sie sind ganz sicher Eckpfeiler des Neuaufbaus. "Unsere Aufgabe haben wir erfüllt", erklärte Sorg, "wir haben die sechs Punkte eingefahren." Zu rosig wollte er die Zukunft (noch) nicht malen. Er sagte: "Man könnte ja zu dem Rückschluss kommen, dass wir wieder ganz nach vorn kommen können. Aber wir sind in einer Entwicklung."

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(petz)