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DFB: Die Suche nach der Nummer Neun

U-21 Co-Trainer Di Salvo : „Einen Miroslav Klose gibt es nicht so oft“

Lange fehlt der Deutschen Nationalelf ein richtiger Stümer, eine „klassische Neun“. Antonio Di Salvo, Co-Trainer der U21-Nationalmannschaft und früher selbst Bundesligastürmer, erzählt im Interview, woran das liegt – und wie er das ändern möchte.

Spätestens seit dem Karriereende von Mario Gomez fehlt dem DFB-Team ein klassischer Mittelstürmer. Woran liegt dieser Stürmer-Mangel?

Antonio Di Salvo Das spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Wir haben wirklich nicht sonderlich viele „klassische Mittelstürmer“, vor allem spielen die wenigsten kontinuierlich in der Bundesliga. Die Ursprünge können darin liegen, dass vor zehn Jahren die klassische Neun – vor allem auf Top-Niveau – nicht so eingesetzt wurde. Pep Guardiola hat viel mit Lionel Messi als „Falsche Neun“ gespielt. Das wurde auch in Deutschland viel adaptiert. So haben wir diesen Stürmertypen ein wenig vernachlässigt. Aber man sieht, dass dieser Mittelstürmer immer wichtiger wird. Weil wieder mehr Flanken geschlagen werden. Und weil man so einen Spielertyp auch braucht, um das Spiel zu verändern.

Was meinen Sie damit?

Di Salvo Wenn man jetzt ein System ohne klassischen Mittelstürmer wählt, kann man im Laufe des Spiels trotzdem auf ihn zurückgreifen. Zum Beispiel, wenn man zurückliegt und ein Tor aufholen muss. War die klassische Neun denn vor zehn Jahren wirklich so tot, wie immer behauptet wurde?Di Salvo Ja, zumindest bei den Top-Mannschaften. Fakt ist, dass sich wenige klassische Mittelstürmer in der Bundesliga durchsetzen konnten und das dadurch andere Spielertypen auf dieser Position eingesetzt wurden. Natürlich brauchen wir diesen klassischen Mittelstürmer. Aber wenn der nicht da ist, dann müssen die anderen Spieler ihre Qualitäten vor dem Tor zeigen. Sie müssen die Abschlusstechniken beherrschen, vor allem in der „Golden Zone“. Das ist die Zone direkt vorm Tor, in der über 90 Prozent der Tore fallen. Das kann man lernen. Auch wenn man kein klassischer Mittelstürmer ist, kann man lernen, sich im Strafraum durchzusetzen. Wir haben einen großen Talentepool – den wir ausschöpfen müssen. Wenn in einem Jahrgang der klassische Mittelstürmer fehlt, muss man andere Lösungen finden.

Genau da setzt auch ihr Training an, das sie gemeinsam mit Stefan Kuntz entwickelt haben.

Di Salvo Genau. Der Ansatz ist es, den Abschluss in der „Golden Zone“ zu trainieren, weil in den letzten Jahren die Individualisierung weniger gefördert wurde. Dazu haben uns einige Stürmer mitgeteilt, dass ihnen die Sicherheit vor dem Tor fehlt. Also haben wir das Stürmertraining entworfen, das vor allem auf den Abschluss in der goldenen Zone abzielt. Um Fortschritte zu machen, müssen die Spieler das kontinuierlich und über einen längeren Zeitraum trainieren, weshalb wir dazu auch mit den Vereinen in Kontakt sind.

Wie sieht dieses Training denn genau aus?

Di Salvo Generell geht es darum, dass man die Torschusstechniken beherrscht: Präzision geht vor Risiko. Es geht um Volleyabnahmen, Innenseitschüsse, eine vernünftige Ballan- und -mitnahme, um am Gegner vorbeizukommen. Auch der Zufall spielt eine wichtige Rolle im Strafraum. Ganz viele Tore fallen, weil der Ball ungeplant irgendwo landet oder irgendwie abspringt. Auch da muss man verschiedene Techniken beherrschen. Deshalb versuchen wir ganz viel an diesen Torschusstechniken im Strafraum zu arbeiten. Außerdem muss man zur richtigen Zeit in die entscheidenden Bereiche kommen. Also spielt auch das Timing bei Flanken eine wichtige Rolle.

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Sie trainieren seit 2019 mit der „Goldenen Zone“. Hat der Erfolg der U21 bei der EM 2021 – auch im Hinblick auf Lukas Nmecha – schon etwas damit zu tun?

Di Salvo Das wäre zu hochgegriffen bei den wenigen Trainingseinheiten, die wir mit den Jungs haben. Das ist ein kontinuierlicher Prozess. Da reicht es nicht aus, nur bei der Nationalmannschaft das Training durchzuführen. Die Jungs sind auch darauf angewiesen, selbstständig im Verein daran zu arbeiten. Wir haben dieses Stürmer-Projekt schon in verschiedenen Instanzen vorgestellt. Bei LZs, Vereinen und bei Stützpunkten. Weil es nicht ausreicht, das ab und zu zu trainieren. Es geht um existenzielle Dinge, die man vor dem Tor braucht

Wie sehr schauen Sie da aufs Ausland? Haaland kommt aus Norwegen, Tammy Abraham aus England, Lukas Nmecha ist auch in England zum Profi geworden, nicht in Deutschland.

Di Salvo Definitiv schauen wir auch auf andere Länder, vor allem, wenn sie gute Mittelstürmer hervorbringen. Oftmals liegt es auch an der intrinsischen Motivation des Spielers, hart an sich zu arbeiten und sich zu verbessern. Erling Haaland zum Beispiel ist wahnsinnig gierig, Tore zu machen und trainiert das auch. Wenn kleine Länder gute Mittelstürmer hervorbringen, steigt unser Interesse. Es stellt sich dann oft heraus, dass mit diesen Mittelstürmern auch individuell gearbeitet wurde. Das ist das A und O. Man muss dranbleiben und trainieren. Gute Beispiele sind auch Belotti und Immobile in Italien. Beides sind keine großgewachsenen Stürmer. Aber durch intensives Training haben sie gelernt, den Ball zu halten und sich mich mit dem Rücken zum Tor clever zu verhalten.

War die Art und Weise der Ausbildung in den NLZs vergangenen Jahren ein Problem für bestimmte Spielertypen?

Di Salvo Es ist schon so, dass in den vergangenen zehn, 15 Jahren vermehrt auf Taktik geschaut wurde. Das individuelle Training wurde vernachlässigt.. Mittlerweile legen wieder viele LZ-Vereine den Fokus auf Basistechniken und positionsspezifisches Training. Gerade aus Gesprächen im Zusammenhang mit dem Stürmerprojekt wissen wir, dass viele Vereine auch mit Stürmertrainern arbeiten. Trotz allem gibt es natürlich viel Potential, es noch besser zu machen. Wichtig ist, dass man die Jungs auch mal frei spielen lässt und die Bolzplatzmentalität beibehält.

Ist es Zufall, dass Miroslav Klose – der letzte wirkliche deutsche Weltklasse-Stürmer – nicht in einem NLZ war? Und dass, seit es die NLZs gibt, niemand wirklich nachkam?

Di Salvo Einen Ausnahmestürmer wie Miroslav Klose gibt es nicht so oft. Trotzdem haben wir einen großen Talentepool mit klassischen Mittelstürmern, „Falschen Neunen“ und Außenstürmern. Mit diesen Stürmertypen müssen wir individuell arbeiten. Dazu gehört, in die Box zu kommen, zielstrebig zu sein und die Techniken zu erarbeiten, die man in der Box braucht. Wenn wir das tun, werden wir zukünftig auch wieder Top-Stürmer entwickeln. Und wenn wir einen großen Stürmer haben, der in der Jugend gut ist, viele Tore macht, aber technische Defizite hat, dann müssen wir dranbleiben – und ihn weiter unterstützen.

Wenn es in Deutschland um Stürmertalente geht, geht es oft um Youssoufa Moukoko. Wo würden sie ihn einordnen – Mittelstürmer, „Falsche Neun“, Außenstürmer?

Di Salvo Von der Größe her ist er kein klassischer Mittelstürmer. Aber er bewegt sich super in den entscheidenden Räumen, kommt zum Abschluss. Und er hat eine super Abschlussqualität – sowohl mit rechts als auch mit links. Das geht schon Richtung Mittelstürmer.