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Titelverteidiger erneut im EM-Finale: Das spanische Phänomen

Titelverteidiger erneut im EM-Finale : Das spanische Phänomen

Spanien beherrscht weiter den Welt-Fußball. Der amtierende Welt- und Europameister ist ins EM-Finale und damit in das dritte große Endspiel hintereinander eingezogen. Der Spielstil imponiert – auch wenn sich nicht jeder gut unterhalten fühlt. Doch darum geht es nicht.

Spanien beherrscht weiter den Welt-Fußball. Der amtierende Welt- und Europameister ist ins EM-Finale und damit in das dritte große Endspiel hintereinander eingezogen. Der Spielstil imponiert — auch wenn sich nicht jeder gut unterhalten fühlt. Doch darum geht es nicht.

Drei Triumphe in Serie bei Europa- und Weltmeisterschaften, das hat noch nie eine Mannschaft geschafft. Frankreich (1998 und 2000) und Deutschland (1972 und 1974) holten zwei Titel in Serie, Spanien hat durch den Finaleinzug am Sonntag (20.45 Uhr/Live-Ticker) nun die Chance auf einen historischen Erfolg. Besonders sticht dabei die Abwehrstärke der Iberer heraus — obwohl das spanische Tiki-Taka, in der Reinform vom FC Barcelona praktiziert, eigentlich Offensiv-Spektakel verspricht.

Ohne Gegentore in K.o.-Spielen

Bei den Endrunden 2008, 2010 und auch jetzt in Polen und der Ukraine kassierte Spanien in neun Spielen der K.o.-Runde keinen einzigen Gegentreffer. Drei Mal hieß es am Ende 0:0, drei Mal setzten sich die Spanier im Elfmeterschießen durch, fünf Partien endeten 1:0. Dominierten die Spanier 2008 noch das Turnier nahezu nach Belieben, haben sich die Gegner längst auf das Kurzpassspiel der "Seleccion" eingestellt, finden auch Mittel und Wege, das spanische Angriffsspiel einzudämmen, jedoch ohne eine Niederlage verhindern, oder ein Tor erzielen zu können. Jeder weiß, was Spanien macht — nur verhindern kann es bislang keiner.

Dabei spielt es auch kaum eine Rolle, ob Spanien im 4-2-3-1 oder im neuen 4-6-0-System ohne echten Mittelstürmer agiert. Spaniens Spiel bedeutet gnadenlose Ballkontrolle. Der Ballbesitz des Gegners wird durch frühes Pressing eindrucksvoll unterbunden, bei Ballverlusten setzen die Spanier konsequent nach und schaffen dadurch immer wieder Überzahl in Ballnähe. Das Spielgerät wird vom eigenen Strafraum bis zum gegnerischen Sechszehner getragen, Pässe über eine Distanz von zehn Metern sind dabei eine Seltenheit. Xavi, Andres Iniesta, Xabi Alonso, Sergio Busquets und Cesc Fabregas lassen geduldig den Ball in den eigenen Reihen zirkulieren, entnerven damit den Gegner, der nur damit beschäftigt ist, Ball und Spaniern hinterher zu hecheln — und neuerdings auch die verwöhnten Zuschauer vor den TV-Geräten, wenn sie nicht aus Spanien kommen.

Langweilig? Egal!

Langweilig, so lautet der Vorwurf. Egal, lautet zurecht die Antwort der Spanier, die mit der für Gegner und neutralen Zuschauer ermüdenden Taktik extrem erfolgreich sind. Zumal der Zusatz im Uefa-Reglement, dass der Titelträger gefälligst attraktiven Fußball zu spielen habe, schon 2004 beim Sensationssieg Griechenlands verzweifelt in den Statuten gesucht — und nicht gefunden wurde.

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"Spanien hatte lange Zeit keinen Erfolg und seinen Stil gesucht. Jetzt haben wir ihn gefunden und haben Erfolg damit — auch wenn die Menschen ihn nicht besonders mögen", argumentierte Spaniens Nationaltrainer Vicente del Bosque schon vor dem Halbfinale gegen Portugal (4:2 nach Elfmeterschießen). Auch Mittelfeldregisseur Iniesta lässt die Kritik kalt: "Jeder kann seine Meinung haben. Sicherlich ist es nicht so attraktiv wie das Spiel von zwei Mannschaften, die sich einen offenen Schlagabtausch liefern. Aber wir haben damit zwei Titel gewonnen und werden alles dafür tun, auch den dritten zu gewinnen."

Auch im Endspiel wird Spanien wieder auf Tiki-Taka setzen. Ganz gleich, ob der Gegner Deutschland oder Italien heißt. Dann wird sich auch zeigen, ob Spanien, das taktisch komplett entschlüsselt ist, tatsächlich auch in einem K.o.-Spiel schlagbar ist — oder ob Spanien, ob es allen gefällt oder nicht, als erfolgreichstes Team in die Fußball-Geschichte eingeht.

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(can)