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Coronavirus: Bundestrainer Joachim Löw sagt, der Fußball muss zurückstehen

Löws Nationalmannschaft „muss zurückstehen“ : König Fußball ist im Sommer ohne Reich

In einer Videokonferenz des Deutschen Fußball-Bundes schlägt Bundestrainer Joachim Löw ungewohnt nachdenkliche Töne an. Nationalelf und EM stehen erstmal „hinten an“.

Eigentlich ist Joachim Löw nie verlegen um eine charmant dahergeplauderte Antwort. Da ist das eine „scho au“ wichtig, das andere aber ebenfalls, „klar“. Und gern unterbricht der Bundestrainer den Vortrag lächelnd, um einen Schluck aus der offenbar allgegenwärtigen Espressotasse zu nehmen. Doch die große Krise hat auch ihn verändert, jedenfalls seine öffentlichen Auftritte. In der Videokonferenz des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wirkt Löw angefasst, sehr ernst, sehr bedächtig. Wer Antworten auf die Fragen nach der Zukunft erwartet, bekommt gesagt: „Tiefe Nachdenklichkeit steht über Aktionismus.“ Und wer nach den sportlichen Perspektiven seiner Nationalmannschaft fragt, dem entgegnet Löw: „Das wird man sehen.“ Sein Blick ist abwesend, Phrasen erlaubt er sich nicht, manchmal sucht er lange nach dem richtigen Wort.

Vor ein paar Wochen, das räumt er ein, sei er noch „voller Vorfreude auf die EM gewesen, wir hätten das Turnier gern gespielt“. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) hatte sich zum 60-jährigen Bestehen des Wettbewerbs ein ziemlich festliches Format ausgedacht, auf das sich nicht nur Löw freute. Über zwölf Länder sollte die EM gespielt werden, von Rom bis Baku, von München bis Dublin, von Glasgow bis Budapest – paneuropäische Meisterschaft hat sie so mancher genannt. Diese Party ist wegen der Corona-Krise ins nächste Jahr verschoben worden. Und auch Löw versichert: „Es gibt Wichtigeres. Der Fußball muss jetzt zurückstehen.“ Das sagen viele in diesen Tagen, es sind außergewöhnliche Bekenntnisse in einer Branche, die sich selbst so bedeutend findet, weil sie als sprichwörtlich „schönste Nebensache der Welt“ von so vielen mit Bedeutung belegt, ja überfrachtet wird. Weil sie für viele Lebensinhalt ist – nicht nur für die Hauptdarsteller. König Fußball hat man früher gesagt. Dieser König ist im Sommer mal ohne Reich. Vielleicht tut es ihm gut.

Löw denkt öffentlich so ähnlich. Deshalb lässt er sich nur sehr ungern auf sein angestammtes Feld locken. Neben zahlreichen nachdenklichen Bemerkungen über die wesentlichen Dinge des Lebens, „Familie, Freunde, Achtsamkeit“, gibt es aber auch einen zögerlichen Blick aufs Sportliche.

Der Frage, ob er es als Vor- oder Nachteil empfinde, dass die EM in diesem Jahr abgesagt wurde, kann er nämlich nicht entgehen. Aber es passt zu diesen grüblerischen Tagen und zu diesem grüblerischen Auftritt, dass Löw kein klares Bekenntnis liefert. „Ich kann es nicht beantworten, ob es ein Vorteil oder ein Nachteil für uns ist“, erklärt er. Dass er durch die Absage für dieses Jahr Zeit gewinnt in einer Phase des Umbruchs, findet er jedoch nicht ganz schlimm. Das muss er dann doch eingestehen. „Wir haben eine gute Mannschaft entwickelt“, sagt Löw, „aber das Einspielen hat noch nicht so geklappt. Man weiß, dass sich die jungen Spieler noch entwickeln werden, so gesehen, ist es nicht schlecht.“

Vor allem für Niklas Süle und Leroy Sané kommt die Verschiebung sicher recht. Beide sind nach schweren Knieverletzungen gerade wieder ins Training zurückgekehrt, ob sie bis zum Turnierbeginn im Juni fit geworden wären, steht in den Sternen. Sie haben ein Jahr gewonnen. Zum Jubeln veranlasst das ihren Trainer nicht. Er befindet sich schließlich in einem seltsamen Modus, der es einfach nicht erlaubt, irgendetwas uneingeschränkt positiv zu finden. Und er sagt: „Ich weiß doch nicht, was nächstes Jahr sein wird.“ Wahrscheinlich sieht er den nächsten Verletzten schon vor sich oder furchtbare Formkrisen von Schlüsselspielern. Vielleicht will er sich auch einfach nicht mit solchen Gedankenspielen beschäftigen.

Ihn beschäftigt allein das Hier und Jetzt – eine sehr typische Sportlerhaltung. Und wenn er über den Tellerrand der Krise hinausblickt, dann ist da ein bisschen Trotz: „Es geht nur darum, gesund aus dieser Krise herauszukommen und dann Schub mitzunehmen.“ Ganz sicher ist für Löw nur eines: „Das nächste Jahr ist nicht so wichtig.“ Einen Espresso hat er diesmal nicht getrunken.