Flaggen-Flug wird zum Politikum: Beschuldigter beteuert: "Habe mit der Drohne nichts zu tun"

Flaggen-Flug wird zum Politikum : Beschuldigter beteuert: "Habe mit der Drohne nichts zu tun"

Die "Fliegende Flagge" von Belgrad hat zum Abbruch des EM-Qualifikationsspiels geführt. Drahtzieher war angeblich Olsi Rama, der Bruder des albanischen Ministerpräsidenten. Dieser bestreitet allerdings die Vorwürfe.

Tumulte und Krawalle auf dem Spielfeld, Politiker mit gegenseitigen Schuldzuweisungen und der Bruder des albanischen Ministerpräsidenten im Zwielicht: Die "Fliegende Flagge" von Belgrad hat am Dienstag aus dem brisanten EM-Qualifikationsspiel zwischen Serbien und Albanien in Belgrad ein Politikum gemacht. Von seiner VIP-Loge aus soll Olsi Rama, Bruder des albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama, eine Drohne mit der Flagge Groß-Albaniens über das Spielfeld gesteuert haben.

"Ich habe mit der Drohne nichts zu tun. Ich weiß nicht, wo diese Geschichte herkommt. Ich bin auch weder festgenommen noch verhört worden", beteuerte indes Olsi Rama seine Unschuld - die Aktion löste auf jeden Fall politische Verwicklungen aus. "Das war eine reine und vorsätzliche politische Provokation, nichts anderes", schimpfte Serbiens Außenminister Ivica Dacic.

Uefa eröffnet Disziplinarverfahren

Die Europäische Fußball-Union Uefa hat erwartungsgemäß umfangreiche Disziplinarverfahren gegen die beiden Verbände eröffnet. Als Termin für die Verhandlung vor der Kontroll-, Ethik- und Disziplinarkammer nannte der Verband am Mittwochabend in einer Mitteilung den 23. Oktober.

"Luftangriff auf Serbien" titelte Sportski zurnal, von einem "teuflischen Plan" schrieb die Tageszeitung Kurir. "Was hier vorgefallen ist", sagte Serbiens Sportminister Vanja Udovicic, "war ein brutaler Missbrauch des Sports vonseiten albanischer Extremisten." Fifa-Präsident Joseph S. Blatter verurteilte die Ereignisse ebenfalls scharf: "Der Fußball sollte niemals missbraucht werden, um politische Mitteilungen zu verbreiten", teilte er via Twitter mit. Blatters UEFA-Pendant Michel Platini zeigte sich "zutiefst erschüttert" und ließ über einen Sprecher ausrichten: "Der Fußball soll Menschen zusammenbringen. Was geschehen ist, ist unentschuldbar."

Auch die DFL ist alarmiert

Der Vorfall hat auch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) aber alarmiert. Dem Thema "Gefahr durch Drohnen" werde sich die DFL daher "voraussichtlich im Rahmen der nächsten Sitzung der Kommission Prävention und Sicherheit" annehmen, teilte ein Sprecher der Zeitung Die Welt (Donnerstags-Ausgabe) mit. Die Thematik sei seit dem Serbien-Spiel "neu und für den Fußball relevant". Grundsätzlich, so der Sprecher weiter, seien terroristische Szenarien Teil der Sicherheitsstruktur in Deutschland. Diese werden lokal durch die Sicherheitsbehörden - insbesondere die Polizei - beobachtet und im Rahmen der Risikobewertungen auch in der Bundesliga beachtet.

Leuchtraketen und Rauchbomben flogen in Belgrad aufgrund der fliegenden Flagge durch das Stadion, Rowdys stürmten zudem den Innenraum, albanische Spieler wurden attackiert, lieferten sich auch handgreifliche Auseinandersetzungen mit serbischen Akteuren. "Das ist unfassbar. Die serbische Regierung ist verantwortlich für die Sicherheit der Fußballer und der albanischen Delegation", warf auf albanischer Seite Innenminister Saimir Tahiri in einem Statement der serbischen Regierung vor.

Die Europäische Union (EU) ließ jedoch über eine Sprecherin mitteilen, dass "die serbischen Behörden mit den Vorfällen professionell umgegangen" seien. Weil die Sicherheit trotzdem aber nicht mehr garantiert war und die Albaner nicht mehr antreten wollten, brach der englische Referee Martin Atkinson die als Hochsicherheitsspiel eingestufte Begegnung beim Stand von 0:0 in der 41. Minute ab - eine Verlängerung gab es dennoch.

In Österreichs Hauptstadt Wien beispielsweise demolierten Albaner zahlreiche serbische Cafes, die Polizei verhinderte Schlimmeres. Der mutmaßliche Drahtzieher Olsi Rama wurde wie drei weitere Mitglieder der albanischen Delegation noch im Stadion in Gewahrsam genommen. Erst als er auf der Polizeiwache nach langen Verhandlungen seinen US-amerikanischen Pass vorlegte, wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt.

"Ich bin gespannt, wie die UEFA und vor allem die EU darüber entscheiden wird", sagte Dacic wütend. Entscheidend sei bei dieser Aktion nämlich vor allem, "dass der Bruder des albanischen Ministerpräsidenten das Objekt gesteuert hat." Mit Sport, der an diesem Abend eigentlich hatte im Mittelpunkt stehen sollen, hatte der folgenschwerer Akt in der Tat rein gar nichts zu tun.

Politisch streben albanische Nationalisten mit der "Causa Groß-Albanien" einen Staat an, der neben dem heutigen Albanien auch das Gebiet des Kosovo sowie Teile Serbiens, Mazedoniens und Montenegros umfasst. Die Aktion könnte daher im Zusammenhang mit dem brisanten Staatsbesuch von Ramas Bruder Edi am kommenden Mittwoch in Serbien gewertet werden. Die Serben glauben an eine reine Provokation.

"Hätte man eine Flagge Groß-Serbiens beispielsweise in Tirana (albanische Hauptstadt, d. Red.) gezeigt", sagte ein serbischer Diplomat voller Überzeugung der Zeitung Blic, "würde der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) den Fall schon längst behandeln." Es ist fest davon auszugehen, dass der Spielabbruch zeitnah auf der Agenda der Disziplinarkommission der Europäischen Fußball-Union (UEFA) stehen wird. Wiederholungsspiel? Entscheidung am Grünen Tisch? Ausschluss aus der EM-Qualifikation? Alles scheint derzeit möglich. Auf Anfrage des SID äußerte sich der Verband am Mittwoch zunächst allerdings nicht, die Serben forderten einen 3:0-Sieg am Grünen Tisch.

Dies taten unmittelbar nach dem Spielabbruch die Beteiligten beider Mannschaften - und auch die geizten nicht mit Vorwürfen an die Kontrahenten. "Wir hätten weiter gespielt, aber die Albaner sahen sich dazu nicht in der Lage", sagte Serbiens Kapitän Branislav Ivanovic.

Albaniens Nationaltrainer Gianni De Biasi verteidigte diese Vorgehensweise. Als eine "Situation höchster Gefahr" beschrieb er die Minuten auf dem Spielfeld, "meine Spieler wurden von serbischen Ordnern angegangen. Es war ein schrecklicher Moment."

Kritik aus Griechenland

Die griechische Regierung hat die Ausschreitungen als "Fehler" verurteilt. "Auf dem Balkan haben wir unangenehme historische Erfahrungen", sagte der griechische Außenminister Evangelos Venizelos am Mittwoch in Athen und forderte Albanien und Serbien auf, "mit Erklärungen und Taten" für Stabilität in der Region zu sorgen. Nach griechischen Medienberichten waren auf der großalbanischen Fahne auch Gebiete Griechenlands abgebildet. Darunter war die griechische Insel Korfu sowie große Teile des Nordwesten Griechenlands.

Hier geht es zur Bilderstrecke: "Fliegende Flagge" sorgt für Eklat beim Spiel Serbien gegen Albanien

(sid)
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