Naar links, naar rechts, naar Berlijn Niederlande will mit Euphorie und Joker Weghorst ins Finale hüpfen

Dotmund · Die Niederlande träumen nach einem schwachem Start vom EM-Finale. Mittlerweile hat sich das Team von der Euphorie der Fans anstecken lassen. Auf die wird es auch im Halbfinale gegen England ankommen – und auf Edeljoker Wout Weghorst.

Die Spieler von den Niederlanden um Wout Weghorst (vorne) jubeln über den Sieg im Viertelfinale gegen die Türkei.

Die Spieler von den Niederlanden um Wout Weghorst (vorne) jubeln über den Sieg im Viertelfinale gegen die Türkei.

Foto: dpa/Sören Stache

In Düsseldorf waren sie schon bereit, Kostenpflichtiger Inhalt bis zu 150.000 niederländische Fans hatte die NRW-Landeshauptstadt für das mögliche EM-Achtelfinale mit Beteiligung des Nachbarlandes erwartet. Es kam anders, weil die Niederlande das dritte Gruppenspiel gegen Österreich in den Sand setzten und so nur als bestes drittplatziertes Team in die K.-o.-Phase einzogen. Nach Partien in Hamburg, Leipzig, München und Berlin kommen die Niederländer für das Halbfinale am Mittwoch (21 Uhr) nun aber doch das erste Mal bei dieser EM nach Nordrhein-Westfalen. Die Partie gegen England steigt im Dortmunder Westfalenstadion.

In der Stadt im Ruhrgebiet, rund anderthalb Stunden entfernt von der niederländischen Grenze, rechnet der Verband mit 75.000 bis 80.000 Oranje-Fans, die beim Fanmarsch bis zum Stadion euphorisch zum Song der „Snollebollekes“ erst „naar links“ und dann „naar rechts“ hüpfen werden. Mit dieser Euphorie reisen die niederländischen Fans seit Turnierbeginn durch das Land und verwandeln an ihren Spieltagen deutsche Innenstädte in orangefarbene Party-Hochburgen.

EM 2024 in Deutschland: Das sind die besten Torjäger
85 Bilder

Die Top-Torjäger der EM 2024

85 Bilder
Foto: AFP/KIRILL KUDRYAVTSEV

Im Olympiastadion hüpft das Team mit den Fans

Spielerisch gab die Mannschaft von Bondscoach Ronald Koeman in der holprigen Gruppenphase dabei allerdings wenig Grund für Begeisterung: offensiv ideenlos, im Aufbau zu eindimensional, defensiv anfällig. Und von der Partystimmung der Fans wollte die Elftal zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht so viel wissen. „Wir sind nicht auf die Fans fokussiert. Wir fokussieren uns nur auf unser Spiel und nicht darauf, was die Leute in der Heimat denken“, sagte Verteidiger Stefan de Vrij vor der Österreich-Pleite.

Fußball-EM 2024 in Deutschland: Spielplan – Termine, Gruppen, Uhrzeiten & Orte
Infos

Das ist der Spielplan der EM 2024 in Deutschland

Infos
Foto: dpa/Arne Dedert

In der K.o.-Phase hat sich diese Atmosphäre gewandelt: Zum einen haben die Niederlande im Achtelfinale gegen Rumänien (3:0) und im Viertelfinale gegen die Türkei (2:1) mindestens anderthalb gute Fußballspiele auf den Rasen gebracht, zum anderen ist die Euphorie aus dem Fanblock auch das erste Mal so richtig auf die Mannschaft übergegangen. Nach dem Halbfinaleinzug hüpfte die in Orange getauchte Ostkurve im Berliner Olympiastadion „naar links“ und „naar rechts“ und steckte die Spieler auf dem Rasen an. Vorne mit dabei – Stürmer Wout Weghorst. „Das sind Momente fürs Leben, die pure Freude, Wahnsinn.“

Zweiter Titel erneut in Deutschland?

Der Sprung ins Endspiel nach Berlin und möglicherweise sogar zum zweiten Titel der niederländischen Historie – nach dem EM-Sieg 1988 in Deutschland – ist aus Weghorsts Sicht möglich. „Es ist echt drin. Das Gefühl war immer da und es wächst, es wird immer größer und größer.“ Dass die Niederländer davon träumen können, hat auch mit dem, 1,97 Meter großen Stürmer zu tun – dabei kommt der bei dieser EM nicht einmal auf volle 90 Minuten Einsatzzeit.

In jedem der fünf EM-Spiele brachte Koeman seinen Joker, der in der abgelaufenen Saison von Burnley zur TSG Hoffenheim in die Bundesliga ausgeliehen war, von der Bank. Im niederländischen Auftaktspiel sorgte Weghorst mit seinem ersten Ballkontakt bei dieser EM für den 2:1-Siegtreffer. Auch gegen die Türkei veränderte Weghorst durch seine Präsenz auf dem Platz die Statik der Offensive, verschaffte Sturmpartner Memphis Depay mehr Freiraum für sein flexibles Spiel und ermöglichte so die Aufholjagd.

Weghorst ist kein Bergkamp, und schon gar kein Cruyff

Vor dem Halbfinale gegen England ist in Deutschlands Nachbarland eine Diskussion entbrannt, ob der 31-Jährige nun am Mittwoch nicht sogar starten sollte. „Weghorst vom ‚Finisher‘ zum ‚Starter‘ im Halbfinale gegen England? Koeman sollte darüber nachdenken“, fordert die Tageszeitung AD vor dem Duell mit den Three Lions. Auch TV-Experte Rafael van der Vaart machte sich für einen Startelfeinsatz stark. „Wout sollte im Sturm stehen“, sagte der Ex-Bundesliga-Profi. „Wer hätte gedacht, dass wir das sagen würden?“

Sicherlich nicht allzu viele Menschen in einem Land, das sich in seiner Historie stets auf technisch versierte Offensivkräfte wie Johan Cruyff, Dennis Bergkamp und Robin van Persie verlassen konnte, und gegen die Weghorst mit seiner groben Spielweise im Vergleich eher nicht dem Idealtypus eines niederländischen Angreifers entspricht.

Koeman wird gegen England auf Depay setzen

Koeman, der beim EM-Triumph 1988 noch selber auf dem Platz stand und sich nach dem gewonnenen Halbfinale gegen Deutschland symbolisch den Hintern mit dem DFB-Trikot abwischte, wird daher wohl wieder nicht auf Weghorst in der Startelf setzen. „Wenn man Europameister werden will, müssen die Spieler, die etwas Besonderes haben, in Spielen wie gegen England dabei sein“, sagte Koeman. „Für das Spiel nach der Halbzeitpause ist Weghorst natürlich ein viel besserer Stürmer als Depay.“

Mit Blick auf die Abwehr stellen die Niederlande bei fünf Gegentoren die anfälligste Defensive der Halbfinalisten, gerade gegen das mannorientierte Pressing der Österreicher zeigte sich die Elftal anfällig. Ob England auch so auftreten wird, ist mit Blick auf den bisherigen Turnierverlauf aber fraglich. Und so könnte in einem erwartet engen Halbfinale möglicherweise wieder Edeljoker Weghost den Unterschied machen. Damit es für die Oranje-Fans „naar links“, „naar rechts“ und dann „naar Berlijn“ geht.